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Afghanistan-Einsatz : Letztes Geleit für getötete Soldaten

  • Aktualisiert am

Trauer in der Kirche St. Lamberti Bild: REUTERS

Bei der Trauerfeier in Selsingen für die drei in Kundus getöteten Bundeswehrsoldaten haben sich die Kanzlerin und der Verteidigungsminister im Gebet vor den Särgen verneigt. Beide nannten den Einsatz deutlicher als bisher einen Krieg.

          Eine Woche nach dem Tod von drei Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan hat im niedersächsischen Selsingen die zentrale Trauerfeier stattgefunden. Am Gedenkgottesdienst in der Kirche des Nachbarorts der Kaserne in Seedorf nahmen am Freitagnachmittag neben Freunden, Angehörigen und Bundeswehrsoldaten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) teil. Vor Beginn des Gottesdienstes verneigten sich Merkel und Guttenberg im Gebet vor den Särgen. Die Trauerfeier wurde auf Leinwände nach draußen übertragen, da viele Soldaten in der vollbesetzten Kirche keinen Platz fanden.

          „Ich verneige mich vor ihnen“, sagte die Kanzlerin. „Deutschland verneigt sich vor ihnen mit Dank und Hochachtung.“ Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan erfordere einen langen Atem, er werde aber „nicht einen Tag länger als unbedingt erforderlich“ dauern. Es wäre indes „verantwortungslos“, jetzt ein Abzugsdatum zu nennen. „Ohne Sicherheit gibt es keinen Wiederaufbau“, sagte Frau Merkel. Das Gleiche gelte umgekehrt. Der Einsatz der rund 4500 deutschen Soldaten sei notwendig, damit Afghanistan nicht wieder zum Planungs- und Rückzugsgebiet für Terroristen werde, die auch die Sicherheit Deutschlands gefährdeten.

          Merkel und Guttenberg nannten den Einsatz deutlicher noch als bisher einen Krieg - Merkel mit den Worten, die meisten Soldaten sprächen von einem Bürgerkrieg oder einem Krieg, „und ich verstehe das gut“. Guttenberg sagte, die meisten Soldaten bezeichneten die Vorgänge in Kundus „verständlicherweise als Krieg - ich auch“. Guttenberg nannte den Feldwebel und die zwei Zeitsoldaten „echte Patrioten“. Sie waren bis zur Verlegung nach Kundus im Februar zusammen mit 1100 weiteren Soldaten in einem Fallschirmjägerbataillon im niedersächsischen Seedorf stationiert.

          Verteidigungsminister Guttenberg und Kanzlerin Merkel

          „Ein persönliches Anliegen“

          Frau Merkel ließ am Freitag ankündigen, das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam zu besuchen, wo sie zuletzt im Jahr 2006 gewesen war. Es handele sich um einen Informations- und Unterstützungsbesuch, der „eine direkte Folge der Ereignisse vom Karfreitag“ sei, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steegmans. Die Bundeskanzlerin habe sich „angesichts der Ereignisse und der offenbar ja auch zumindest teilweise neuen Qualitäten“ der Lage in Afghanistan dazu entschlossen. Von Potsdam aus werden alle Auslandseinsätze der Bundeswehr zentral gesteuert.

          Wenige Stunden vor der Trauerfeier war auf die Bundeswehr in Kundus wieder ein Anschlag verübt worden. Dabei wurde aber niemand verletzt. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos sagte am Freitag, ein Geländewagen vom Typ „Wolf“ sei am Morgen bei der Explosion eines Sprengsatzes beschädigt worden. Der Angriff ereignete sich vier Kilometer nördlich vom Feldlager der Bundeswehr in Kundus.

          Zuvor sollen in der Nacht amerikanische Sondereinheiten im Distrikt Char Darah bei Kundus drei Taliban-Kämpfer getötet haben. Das sagte der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammad Omar. Unter den Getöteten sei ein Kommandeur der Aufständischen namens Mullah Gai gewesen. Die amerikanischen Operationen hätten in der Gegend stattgefunden, in der die Bundeswehr am Karfreitag in den Hinterhalt geraten war.

          Bundeskanzlerin Merkel hatte am Donnerstag kurzfristig angekündigt, ihren Osterurlaub zu unterbrechen und an der Trauerfeier teilzunehmen. Die Teilnahme sei der Kanzlerin „ein persönliches Anliegen“, teilte ein Sprecher mit. CDU-Abgeordnete hatten zuvor kritisiert, dass sie bisher an keiner Trauerfeier für die 39 in Afghanistan gestorbenen Bundeswehrsoldaten teilgenommen hatte.

          Frau Merkel hatte allerdings im August 2007 im Berliner Dom drei bei einem Bombenanschlag in Kabul getöteten deutschen Polizisten die letzte Ehre erwiesen. Einen davon kannte sie persönlich, weil er vor seinem Einsatz am Hindukusch einer ihrer Leibwächter war. Insgesamt sind bisher 39 Bundeswehrsoldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan ums Leben gekommen, 20 von ihnen fielen Anschlägen und Gefechten zum Opfer.

          Linkspartei: „heuchlerisch“ - CDU: „absolut unverschämt“

          In der Linspartei wurde Frau Merkels Teilnahme an der Trauerfeier als „heuchlerisch“ bezeichnet. „Die Bundeskanzlerin trägt die Verantwortung für den Tod der drei Soldaten“, erklärte Vorstandsmitglied Christine Buchholz. „Denn sie schickte sie nach Afghanistan, obwohl sie wusste, dass sich die Sicherheitslage im Norden dramatisch verschlechtert hat.“

          Die CDU wies den Vorwurf scharf zurück. „Die Verantwortung für den Tod der drei deutschen Soldaten, aber auch vieler anderer Opfer in Afghanistan, liegt bei den Taliban-Terroristen“, teilte Generalsekretär Hermann Gröhe mit. „Frau Buchholz muss sich umgehend entschuldigen.“ Der Vorwurf sei „absolut unverschämt“. Er kritisierte, dass die Linksfraktion im Bundestag gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gestimmt habe. „Jetzt nutzt sie auch noch einen derart schrecklichen Vorfall für politische Propaganda aus der untersten Schublade. Das ist empörend.“

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