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Afghanistan : Bedrohung aus dem Hinterhalt

Bundeswehrsoldaten in ihrem Schützenpanzer „Marder” in der afghanischen Provinz Kundus Bild: dpa

Immer häufiger werden Isaf-Soldaten durch Sprengfallen getötet. Das zeugt nicht von militärischer Stärke, aber von taktischer Flexibilität der Taliban. Wurden Bundeswehr-Soldaten jüngst gezielt in die Falle gelockt?

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          Die Bilder waren gleichermaßen beeindruckend und erschreckend, die der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wieker, den Verteidigungspolitikern des Bundestages in der letzten Ausschussitzung gezeigt hat. Darauf war das Wrack des Schützenpanzers „Marder“ zu sehen, der am 2. Juni in Nordafghanistan durch eine versteckte Sprengladung zerstört worden ist. Der im beladenen Zustand annähernd 40 Tonnen schwere Panzer war durch die Explosion buchstäblich in die Luft gewirbelt und zerrissen worden. Der Fahrer des „Marder“, Oberstabsgefreiter Alexej Kobelew, wurde durch den Druck getötet, zwei weitere Soldaten im vorderen Teil des Fahrzeugs schwerst verletzt.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Dass sie und die übrigen drei leichter verwundeten Männer überhaupt überlebt haben, bezeichnen einsatzerfahrene Soldaten als erstaunlich, auch wenn in Afghanistan eine besonders gut gegen Minen geschützte Version des bis zu vierzig Jahre alten „Marder“ eingesetzt wird. Die Bundeswehr geht davon aus, dass eine Sprengladung im Äquivalent von 250 Kilogramm TNT verwendet wurde. Das bedeutet nach den bei den afghanischen Aufständischen üblichen Materialien, dass rund eine halbe Tonne Sprengstoff vergraben worden ist. Der Krater am Anschlagsort in der Provinz Baghlan war vier Meter tief und hatte einen Durchmesser von rund elf Metern.

          Die Panzergrenadiere waren eingesetzt, um eine sogenannte Mine-Sweep-Operation abzusichern. Das für die internationale Afghanistantruppe Isaf derzeit in Baghlan eingesetzte deutsche Infanteriebataillon hatte Informationen erhalten, wonach Sprengladungen - sogenannte IEDs - auf der wichtigen Nord-Süd-Straße versteckt worden seien. Eine dieser handgebauten Minen hatten die Soldaten schon gefunden, als die zweite unter dem Schützenpanzer hochging. Schon frühzeitig wurde in der Truppe die Frage gestellt, ob man durch eine gezielte Information in die Falle gelockt worden sei.

          Soldaten tragen am 10. Juni in Detmold den Sarg ihres in Afghanistan gefallenen Kameraden Alexej Kobelew aus der Kirche. Er war der Fahrer des zerstörten Schützenpanzers „Marder”.

          „Sie wollten den Propaganda-Erfolg, unseren Marder zu knacken“

          Am Donnerstag zitierte die „Bild“-Zeitung „geheim eingestufte Dokumente“, wonach alles darauf hindeute, dass „höhere Dienststellen“ des afghanischen Geheimdienstes NDS von dem bevorstehenden Anschlag gewusst, die Deutschen aber nicht gewarnt hätten. Isaf-Ermittler gingen von einer Falle aus. Die afghanische Polizei habe über die versteckte Bombe berichtet, aber den Ort um einen Kilometer falsch angegeben. „Die Afghanen“ hätten bewusst von einem größeren Sprengsatz gesprochen, „damit wir zum Räumen unseren Panzergrenadierzug schicken. Sie wollten den Propaganda-Erfolg, unseren Marder zu knacken“, wird ein Ermittler zitiert. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte dazu, die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen.

          Verteidigungsminister de Maizière würdigte den Gefallenen in einer Trauerfeier als mutig und tapfer. „Er wollte den Weg freimachen. Nicht nur die nachfolgende Patrouille sollte die Straße passieren können, frei von Sprengstoffallen, frei von Gefahren, sondern vor allem zivile Fahrzeuge, die den wirtschaftlichen Aufbau Afghanistans voranbringen sollen.“ De Maizière hatte den Anschlag als feigen Hinterhalt verurteilt. Er deutete ihn zugleich als Zeichen der militärischen Schwäche der Taliban, die sich den Bundeswehrsoldaten im Norden Afghanistans nicht mehr in offenen Kämpfen stellen, wie noch in den vergangenen beiden Jahren, sondern sie zunehmend mit Sprengfallen angreifen. Diese Einschätzung dürfte er auch auf seinem nächsten Truppenbesuch am Hindukusch den Soldaten erläutern.

          60 Prozent aller Gefallenen der Isaf durch Sprengfallen getötet

          Tatsächlich ist das Muster keineswegs neu, dass die Talibankämpfer dort, wo sie durch eine stärkere militärische Präsenz von Isaf und afghanischen Regierungskräften verdrängt werden, auf IEDs als Kampfmittel zurückgreifen. So war es schon im Süden und Südwesten des Landes, als die Amerikaner 2008 mit einer massiven Truppenverstärkung durch kampferfahrene Marineinfanteristen in die Taliban-Hochburgen gingen. Entsprechende Aussagen von Militärs lassen sich auch durch eine traurige Statistik untermauern.

          Lag - ausweislich der regierungsunabhängigen Internetseite „Icasualties.org“ bis 2008 der Anteil von Gefallenen der Isaf, die durch Sprengfallen getötet wurden, zwischen einem und zwei Fünfteln, so liegt er seither kontinuierlich bei rund 60 Prozent. Allerdings lässt sich in aller Vorsicht noch eine zweite Tendenz beobachten: Stieg bis ins vergangene Jahr parallel zur Truppenaufstockung die Zahl der Gefallenen bis auf 368, so liegt sie gegen Ende des ersten Halbjahres 2011 deutlich unter der Hälfte, bei 122.

          Man könnte also wie de Maizière von einer militärischen Schwäche sprechen, die die Taliban an organisierten Angriffen und Hinterhalten gegen die Bundeswehr hindert. Zugleich zeugen die Sprengstoffanschläge aber auch von einer militärischen Stärke der erfahrenen Kämpfer, nämlich ihrer taktischen Flexibilität. Außerdem haben sie einen Sinn für öffentlichkeitswirksame Angriffe gezeigt. Wenn neue Panzer in den Einsatz gebracht wurden, so wurden sogar Belohnungen für einen erfolgreichen Angriff auf diesen Typ ausgelobt - so eine wiederholte Erkenntnis in der Isaf, im deutschen Fall bezogen auf das Radfahrzeug „Dingo“. Die Bedrohung für die deutschen Soldaten ist daher nicht gesunken - was auch de Maizière nicht behauptet hat - und nicht gestiegen, sondern anders geworden.

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