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Edathy und Hartmann : Welch eine Dekadenz! Putin, hilf uns!

Bild: dpa

In der Edathy-Affäre werden vor allem Vorurteile bestätigt: Seht her, was für ein Schmierentheater! Wie sie lügen und betrügen!

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          Jeder kann sich seine eigene Version darüber zurechtspekulieren, was sich zwischen Oktober 2013 und Februar 2014 im politischen Bekanntenkreis Sebastian Edathys abgespielt hat. Die einen werden ihm glauben, dass ihm Michael Hartmann von drohenden Ermittlungen wegen des Besitzes von Kinderpornographie erzählte. Sie werden auch glauben, dass die Quelle dafür der Kontakt Hartmanns zum damaligen BKA-Chef Jörg Ziercke war.

          Andere werden Hartmann glauben, der das alles bestreitet und mit Edathy nur über Dinge geredet haben will, die sich beide anhand von Zeitungsberichten über die kanadische Razzia gegen die Bezieher von Kinderpornografie spätestens seit November 2013 zusammenreimen konnten. Wer Hartmann glaubt, wird auch Ziercke glauben, der Edathys Version sogleich widersprach und sich wohl erst wieder vor dem Untersuchungsausschuss im Januar äußern wird.

          Die Phantasie wird natürlich weit mehr von Edathys Version angeregt. Denn was sollte Ziercke dazu bewogen haben, gegenüber Hartmann laufend über die Akte Edathy zu berichten - gegen jede Vernunft und Amtsverständis? Weil er SPD-Mitglied ist? Weil ihn Edathy in der Hand hatte, er also erpressbar war wegen der NSU-Enthüllungen? Was könnte das sein? Solche Fragen passen in das goldene Zeitalter der Verschwörungstheorien, das gerade anzubrechen scheint.

          Edathy weiß das natürlich, und deshalb unterlässt er nichts, was das Bedürfnis nach den Spuren der Niedertracht im politischen Geschäft befriedigen könnte. Nach und nach haut er einen Abgeordneten nach dem anderen in die Pfanne. Thomas Oppermann macht er zum Fiesling, Sigmar Gabriel zum arroganten Paten, und ausgerechnet Michael Hartmann, der sich um ihn „kümmerte“, schwärzt er besonders gründlich an.

          Das alles kommt besonders gut bei Leuten an, die sich nicht genug an den Widersprüchen der Politik und an den Schwächen der Politiker weiden können. Sie werden sagen: Seht her, was für ein Schmierentheater! Wie sie lügen und betrügen! Kinderpornographie, Crystal-Meth, Geheimnisverrat, Strafvereitelung! Welch eine Dekadenz! Putin, hilf uns!

          Das alles ins Kalkül zu ziehen, wird man einem Mann nachsehen können, der alles verloren hat. Den Leuten aber, die so reden und ihm also folgen, nicht. Sie müssten wissen, dass die Wirklichkeit, auch die der Politik und der Politiker, nicht ganz so einfach aussieht. Nämlich manchmal sogar so wie vor der eigenen Tür. Da kehre jeder erst einmal selbst. Frohe Weihnachten.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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