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Reportage vom AfD-Parteitag : Da sind sie wieder

Bayerns AfD-Vorsitzender Martin Sichert hat Theorien, was die CSU als Nächstes tun könnte. Gemeinsam haben diese Theorien, dass die AfD im Ergebnis gewinnt. So oder so. Sie muss nur Geduld haben. Eigentlich wildert die CSU ja seit Monaten in Sicherts Revier, bisweilen werden Forderungen des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU) von AfD-Granden zähneknirschend gelobt. Sichert beunruhigt das nicht. Er holt sein Handy aus der Tasche und zeigt seine Nachrichten. Es ist jetzt Samstagmittag und vor anderthalb Stunden hat Sichert von einem CSU-Mitglied den Hinweis bekommen, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder habe die Ergebnisse des europäischen Asylgipfels gelobt. Sichert interpretiert das sofort als Umfallen. „Drehhofer“ nennen seine Parteifreunde den CSU-Bundesinnenminister, als bayerischer Löwe gesprungen, als Bettvorleger in Berlin gelandet, sagen sie lachend. Sichert erzählt, wie er gleich eine Pressemitteilung aufsetzte: „Die CSU ist wieder mal umgefallen wie ein morscher Baum im Wind“, heißt es darin. Das CSU-Mitglied wolle übrigens AfD wählen, sagt Sichert.

„Im Grunde gibt Seehofer uns Recht“

Im Denken der AfD-Politiker ist ein „Umfallen“ der CSU nicht die einzige Möglichkeit, wie ihre Partei gewinnen kann. Die AfD würde auch gewinnen, wenn die CSU einen Koalitionsbruch herbeiführen würde. Oder wenn die CSU in Regierungsverantwortung weniger tun würde, als es die AfD es in einer Pressemitteilung fordern kann. Oder auch, wenn alles so weitergeht wie bisher.

Ob das wirklich so ist? Könnten Asylrechtsverschärfungen und Debatten über das mittelfristige Ende von Merkels Kanzlerschaft nicht gemäßigte AfD-Wähler mit der Union versöhnen – oder zumindest ihre Mobilisierung schwächen? Der Parlamentarische Geschäftsführer des AfD-Bundestagsfraktion, Bernd Baumann, glaubt das nicht, natürlich nicht. „Es ist eher eine zusätzliche Bestärkung. Wir sind das Original. Im Grunde gibt Seehofer uns Recht.“ Der drohende Bruch der Fraktionsgemeinschaft von CDU/CSU, sagt Baumann, „das ist unsere Leistung“. Der AfD-Vorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm, sieht nicht einmal die Notwendigkeit für Triumphgeheule. Er findet das „Schauspiel“ der Regierungskrise einfach „hochinteressant“ und „historisch“. Auch im Falle einer Minderheitsregierung ohne die CSU würde die AfD gewinnen, glaubt Holm. „Unsere Stimme würde mehr Gewicht bekommen, weil die Dinge wieder im Parlament verhandelt werden müssten.“ So haben alle Deutungen den gleichen Refrain: Macht die Union das Gegenteil von dem, was die AfD fordert, stärkt das die AfD; macht sie nur Teile von dem, was die AfD fordert, geht sie nicht weit genug und stärkt die AfD; macht sie alles, was die AfD fordert, ist sie nur Erfüllungsgehilfe und stärkt die AfD. Wer diese Thesen widerlegen wollte, könnte sich zumindest nicht auf Umfragewerte berufen. Dort steigt die AfD tatsächlich seit Monaten, langsam und stetig. Ereignisse außerhalb dieser Deutungsspirale scheinen kaum Wirkung zu haben.

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