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AfD und rechter Rand : Sing, mei Sachse, sing!

  • -Aktualisiert am

Will sich in der Mitte positionieren: Der Bundesvorstand der AfD auf der Dachterrasse der Berliner Parteizentrale Bild: Imago

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry will nicht von einem Rechtsruck in ihrer Partei sprechen - obwohl sich ihr eigener Landesverband in Sachsen in ideologischen Grenzregionen bewegt.

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          Am Anfang, so viel kann man sagen, war auch in Sachsen Bernd Lucke. Der Professor zog Publikum, Interessenten, Mitglieder für diese neue Partei, die sich Alternative nannte. Auch Gerd Hübner. Er versteht die AfD bis heute wortwörtlich als Alternative. Nicht wie häufig im Westen, um vor allem Besitzstände vor dem Eurorisiko zu bewahren, sondern um eine andere Politik zu machen, etwas gegen das Ausbluten der Region, gegen Abwanderung, Überalterung und das Aussterben der Dörfer zu tun.

          Stefan Locke
          (lock), Politik

          Hübner ist 60 Jahre alt, Geschäftsführer einer Solarfirma in der Oberlausitz und seit gut zwei Jahren in der AfD aktiv, er sitzt im Görlitzer Kreistag, unterstützt die örtliche AfD-Landtagsabgeordnete, und er war auf dem Parteitag in Essen. Die Entscheidungen, die dort fielen, findet er richtig, zu einhundert Prozent. „Wir haben als Partei noch immer die gleichen Ziele wie am Anfang“, sagt er. Nur der Gründer sei ein anderer geworden. „Lucke hat die Partei verraten, das hat mich und andere menschlich enttäuscht.“ Verraten? Man müsse in einer Partei andere Meinungen zulassen und möglichst viele Menschen einbinden, sagt Hübner. So habe er die AfD immer verstanden.

          Eintrittswelle für AfD in Sachsen

          Dass die Wahl von Frauke Petry zur neuen Bundesvorsitzenden als „Rechtsruck“ interpretiert wird, macht ihn fassungslos. „Niemand befasst sich mit uns neutral“, klagt Hübner. „Ja, wir haben uns erdreistet, in diesem schönen, etablierten System eine neue, erfolgreiche Partei zu gründen.“ Weil das vielen nicht gefalle, werde man auf „rechts“ reduziert. Sätze wie diese sind oft zu hören in Sachsens AfD. Der Landesverband wird von Petry geführt. Hier ist ihr Machtzentrum, hier hat sie ihre Basis - und hier könnte sich zeigen, welche Zukunft die AfD vor sich hat, wenn auch die Bundespartei mit ihr ein kleines bisschen sächsischer werden sollte.

          Der Vorwurf des Rechtspopulismus, den es von Anfang an auch gegen Petrys Landesverband gab, hat sie stets mit einem Lächeln als „billigen Trick“ der Gegner zurückgewiesen und ihren Mitstreitern damit gleichsam Absolution erteilt. Im Gegensatz zu westlichen Landesverbänden, wo zahlreiche Mitglieder mit Lucke die Partei verlassen haben, verzeichnet Sachsen lediglich einzelne Austritte; die Eintrittszahlen dagegen liegen seitdem im zweistelligen Bereich. In Sachsens AfD sind viele einstige Mitglieder und Sympathisanten von CDU, Grünen, SPD und Linkspartei. Aber die Partei ist von Anfang an auch ein Sammelbecken für so ziemlich alles, was sich am rechten Rand tummelt. Der Landesverband nahm einstige Mitglieder rechtspopulistischer Parteien und Vereinigungen wie „Freiheit“, „Schill“ und DSU auf, einige von ihnen schafften es bis in den Landesvorstand. Ihm gehört auch Hans-Thomas Tillschneider an, Islamwissenschaftler an der Universität Bayreuth, Anhänger der sogenannten „Neuen Rechten“ und Sprecher der Patriotischen Plattform.

          „Alfa“ : Bernd Lucke ist wieder Parteichef

          Sie ist ein Zusammenschluss stramm rechtskonservativ und nationalistisch gesinnter Personen, die Mitglied in der AfD sind oder der Partei nahestehen. Ihr Landeskreis Sachsen etwa lädt zum Stammtisch mit Organisatoren der Leipziger „Legida“-Bewegung, die gegen „Multikulti“ und „Generationenhaftung“ polemisiert und im Gegensatz zu „Pegida“ vom sächsischen Verfassungsschutz als „entschlossener und viel radikaler“ charakterisiert wird. Tillschneider hält Straßenbewegungen wie „Pegida“ und „Legida“ für eine Basis der AfD, darüber hinaus tritt er gern mit Vertretern der Neuen Rechten wie Götz Kubitschek auf, für dessen Aufnahme in die Partei er sich jedoch vergeblich starkmachte, sowie mit Jürgen Elsässer, dessen Monatsblatt „Compact“ Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten ein Forum bietet.

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