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AfD vor der Spaltung : Gehen, wenn es am schlimmsten ist

Der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke plant einen Befreiungsschlag. Bild: dpa

Kampf der Egos, Kampf der Lager und geplatzte Vermittlungsversuche: Der AfD droht die Spaltung bereits vor ihrem Bundesparteitag in Kassel. Welche Zukunft hat die Partei noch?

          Vielleicht werden Historiker den Untergang der AfD eines Tages mit dem Internet in Verbindung bringen. Die meisten Intrigen in der Partei hätte es wohl nicht gegeben, wenn den Betreffenden nur ein Fax-Gerät und ein Briefkasten zur Verfügung gestanden hätte. So aber wurden E-Mails verschickt und weitergeleitet. Es wurden Facebook-Einträge abfotografiert und verbreitet. Geheim blieb selten etwas, und wenn, war es nur eine Frage der Zeit, bis das Jucken im Finger der Beteiligten zunahm und ein Mausklick die Bombe platzen ließ.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Im aktuellen Richtungsstreit der Partei war es der Intimfeind des Parteivorsitzenden Bernd Lucke, Nordrhein-Westfalens Landesvorsitzender Marcus Pretzell, der den Schritt an die Öffentlichkeit vollzog. Am Sonntagabend setzte er sich vor seine Tastatur und verfasste einen Eintrag in dem sozialen Netzwerk Facebook. Er machte Lucke darin den Vorwurf, eine Intrige zu spinnen. Oder betrieb, wie Luckes Parteifreunde sagen, selbst nur Augenwischerei, weil Pretzell der eigentliche Intrigenspinner sei. Für die Partei als Ganzes dürfte die Klärung dieser Frage irrelevant sein. Denn längst haben die Verwerfungen ein Stadium erreicht, aus dem keiner der Beteiligten politisch unbeschadet herauskommen wird.

          Am Sonntagabend also teilte Pretzell der Öffentlichkeit mit, dass Schleswig-Holsteins Landesvorsitzende Ulrike Trebesius vor einer Woche die Internetadresse www.weckruf2015.de angemeldet habe. Dabei handele es sich um eine Internetadresse „für die offenbar beabsichtigte Neugründung einer Partei“, schrieb Pretzell. Die Seite werde derzeit noch umgeleitet auf den Internetauftritt der Kieler Firma Sport ID, deren Geschäftsführer Schleswig-Holsteins Generalsekretär Jürgen Joost ist.

          Tatsächlich hatte Lucke seit Wochen eine Initiative unter dem Namen „Weckruf 2015“ geplant, einen Verein, der allen Gemäßigten in der AfD eine politische Heimat geben sollte. Auch eine Parteigründung hatte Lucke geplant. Aber nur für den Fall, dass sein Lager den Richtungsstreit in der Partei verlieren würde. Der Verein sollte als Damoklesschwert wirken, als Drohung an alle Nationalkonservativen, ihren Putschversuch zu beenden. Ohne Lucke gilt die Partei, selbst im Umfeld seiner Gegenspielerin Frauke Petry, als schwer beschädigt. Also würde Lucke seinen Gegnern nur einen Scherbenhaufen hinterlassen, sollten sie ihn stürzen. Seit Montag riecht es in der AfD deshalb nach verbrannter Erde.

          Die unmögliche Bedingung der Frauke Petry

          Lucke ist kein Haudegen. Selbst in der Stunde der größten Auseinandersetzung hatte er sich am Wochenende auf einen Vermittlungsversuch eingelassen. Die Europaabgeordneten Joachim Starbatty und Beatrix von Storch - sozusagen Emissäre beider Lager - hatten Lucke und Petry bedrängt, am Montag um 12 Uhr ein Gespräch in Frankfurt stattfinden zu lassen. Lucke hatte dem zugestimmt, Petry auch. Eine Abwendung der Parteispaltung schien denkbar. Dann stellte Petry eine Bedingung, von der sie sagte, diese sei nicht verhandelbar: Ihr enger Freund Marcus Pretzell sollte an dem Treffen teilnehmen. Es muss ihr klar gewesen sein, dass Lucke dem nicht zustimmen würde.

          Pretzell ist nicht Mitglied des Bundesvorstandes. Er wurde jüngst von den Sitzungen der AfD-Abgeordneten in Brüssel ausgeschlossen, weil er Interna an Journalisten gegeben hatte. Pretzell hatte mit Steuerschulden einen Pfändungsversuch des Parteikontos durch die Behörden verursacht. Er ist in Räumen, in denen Lucke sich aufhält, eine unerwünschte Person. Am Sonntagabend sagte Lucke also das Vermittlungsgespräch ab. Im Lucke-Lager wurde gemutmaßt, ob Petry nur dem Schein nach einen Vermittlungsversuch unternommen hatte - um in der Partei nicht als Königsmörderin wahrgenommen zu werden. So oder so war die letzte Gelegenheit für einen Zusammenhalt der Partei verstrichen.

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