https://www.faz.net/-gpf-82jha

Rücktritt bei der AfD : „Mir gehen manche Thesen gegen den Strich“

Hans-Olaf Henkel: „Ich kann nichts mit rechtspopulistischen Parolen anfangen.“ Bild: Marko Priske/laif

Hans-Olaf Henkel reicht es. Er ist von seinem Amt als Vizechef der AfD zurückgetreten. Im Interview erzählt Henkel, wie er zu dieser Entscheidung gekommen ist und warum er dennoch in der Partei bleibt.

          Herr Henkel, erinnern Sie sich noch an Ihre Nominierung zu einem der AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl?

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Sehr gut sogar.

          Sie traten damals in Aschaffenburg auf die Parteitagsbühne und sagten zu den Delegierten: „Ich fühle mich wohl bei Ihnen.“ Sie sagten auch, die Partei bestehe durchweg aus „seriösen, hochgebildeten Bürgern“ und der Vorstand aus „Ehrenmännern und Ehrenfrauen“. Das war vor 15 Monaten.

          Das stimmt für die meisten AfD-Mitglieder heute so wie damals. Aber die Partei hat sich in der Zwischenzeit geändert. Sie ist in Thüringen anders als in Hamburg, in Brandenburg anders als in Bremen. Folglich ist meine Position auch differenzierter. Ich unterstütze die Partei nur noch dort, wo man sich an unsere Grundsätze hält, wie zum Beispiel jetzt in Bremen, wo ein hervorragender Wahlkampf stattfindet ohne rechtspopulistische Schlenker. Dort folgt man unseren politischen Leitlinien nicht nur nach ihren Buchstaben, sondern auch nach ihrem Geiste.

          Was stört Sie genau?

          Ich kann nichts mit lauten Tönen, schrillen Ansagen und rechtspopulistischen Parolen anfangen. Die gehen weder aus den Leitlinien noch aus den jeweiligen Parteiprogrammen hervor. Das hält einige AfD-Mitglieder aber nicht davon ab, solche Parolen zu verbreiten. Mir geht das gegen den Strich.

          Ihre Gegner argumentieren, dass die AfD gerade mit Fundamentalopposition und Populismus erfolgreich sein kann.

          Diese Auffassung ist grundfalsch. Ich habe nichts gegen überspitzte Rhetorik und selbst oft den Säbel benutzt. Hier aber wird der bewusste Versuch gemacht, diese Partei weit rechts von dem Programm zu verschieben, welches Tausende unserer Mitglieder basisdemokratisch verabschiedet haben.

          Hätten Sie sich vor 15 Monaten in der AfD engagiert, wenn Sie damals gewusst hätten, was Sie heute wissen?

          Ja. Aber ich hätte mehr Wert darauf gelegt, sicherzustellen, dass wir möglichst keine Karrieristen, Rechtsideologen, Spinner und Pleitiers in der Partei haben. Heute bezahlen wir dafür den Preis. Wobei ich Ihnen aber auch sagen muss: Daran sind die Medien mit schuld.

          Meinen Sie das in Ihrer Partei gängige Argument, dass deshalb so viele Rechtsideologen in die AfD eingetreten sind, weil die Partei in Medien als rechtspopulistisch bezeichnet wurde?

          Wir sind hier in einen Teufelskreis geraten. Am Anfang wurden wir als Professorenpartei verunglimpft. Dann begannen Altparteien und Medien das Mantra von der rechtspopulistischen Partei zu wiederholen. Meiner Beobachtung nach haben erst danach Rechtspopulisten gesagt: Oh, da gibt es eine neue Partei für uns, da treten wir ein. Unser Fehler war, das zu spät gemerkt zu haben.

          Wann dämmerte es Ihnen, dass es hier ein Problem gibt?

          Auf dem Bundesparteitag in Erfurt im März 2014, als ich meinen Ohren und Augen nicht traute angesichts einiger Selbstdarsteller und Chaoten, die den ganzen Parteitag in Geiselhaft nahmen. Ich habe mir gedacht: Mensch, du reitest jetzt einen Tiger.

          Unter Funktionären der AfD gibt es zu dieser Frage zwei Denkschulen. Die einen sagen: Ich kann nicht in einer Partei sein mit Menschen, die in diesem Maße verblendet sind. Die anderen sagen: Gerade wenn diese Menschen zu uns kommen, müssen wir bleiben und sie bekämpfen. Welcher Denkschule gehören Sie an?

          Der letzteren. Sonst wäre ich schon längst gegangen. Und in meinem Alter und nach meinem beruflichen Werdegang strebe ich auch keine anderen Posten an, mir geht es darum, eine politische Alternative zu den Altparteien anzubieten.

          Wie muss man sich eine Sitzung des AfD-Bundesvorstands vorstellen, dass jemand wie Sie, der wahrscheinlich nicht zart besaitet ist, sie als unerträglich empfindet?

          Ich habe in meinem Leben in vielen Gremien gearbeitet, in insgesamt 30 Aufsichtsräten, Beiräten und Senaten. So etwas wie im Bundesvorstand der AfD habe ich noch nie erlebt. Dort gibt es drei Personen, die anscheinend mit dem Ergebnis des Bremer Parteitages nicht klarkommen. Immerhin haben sich dort mehr als 80 Prozent der Mitglieder für das Ein-Sprecher-Modell ausgesprochen. Seitdem attackieren sie unseren Bundessprecher Lucke, sogar über die Presse.

          Was ist der Unterschied zwischen der Ihnen wohlbekannten Aggressivität in der freien Wirtschaft und dem AfD-Vorstand? Das Ausmaß an menschlicher Niedertracht?

          Wissen Sie, der Ausdruck kommt von Ihnen. Er ist in der letzten Zeit der Sache aber ziemlich nahe gekommen. Was sich da einige wenige geleistet haben, sprengt alles, was ich in allen anderen Aufsichtsgremien bisher erlebt habe.

          Was hat die AfD eigentlich für ein Problem, zwischenmenschlich gesehen?

          Das ist ein Phänomen, das ich leider auch in der Wirtschaft immer wieder festgestellt habe. Wenn Leute plötzlich in die erste Reihe gelangen und in der Öffentlichkeit sind, dann ist die Gefahr, dass sie ihre Persönlichkeit verändern und ihre Bodenhaftung verlieren, sehr groß. Das gibt es auch in der Politik. Wir haben solche Beispiele auch. Es gibt Personen, die sich plötzlich in Talkshows wiederfinden, über Nacht prominent wurden und meinen, vor Kraft kaum noch gehen zu können. Sie sind kaum noch wiederzuerkennen.

          Sie haben mal dem Parteivorsitzenden Konrad Adam in einer privaten E-Mail, die dann öffentlich wurde, eine fast schon pathologische Persönlichkeitsveränderung attestiert.

          Mir tut es heute leid, dass ich zu so drastischen Ausdrücken gegriffen habe, und habe mich bei ihm dafür entschuldigt. Ich muss Ihnen aber auch sagen, das war eine vertrauliche Mail mit einer langen Vorgeschichte. Es lag in Herrn Adams Verantwortung, dass er sie weiterleitete.

          Worin besteht der Schaden für die AfD durch solche Querelen?

          Es macht mich traurig, dass einige den Medien immer wieder Vorlagen liefern, die von der Kernkompetenz der AfD ablenken. Herr Schäuble hat mit seiner Europolitik in der aktuellen Griechenland-Krise der AfD einen Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt. Herr Lucke hat mehrfach versucht, diesen Elfmeter zu verwandeln. Und wer steht im Tor? Eigene Leute, die Lucke durch ihre Äußerungen zu Nebenthemen und ihre Machtspielchen dauernd davon abhalten, diesen Elfmeter zu verwandeln.

          Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen an der Parteibasis wissen, was sich in der Parteiführung abspielt?

          Nein. Die kriegen nur mit, da wird gestritten, und sie finden das zu Recht schrecklich. Für die sind die Streithähne alle gleich. Das ist jetzt auch ein Problem von Lucke und mir. Natürlich kann man sagen: Macht Frieden. Aber ich könnte nicht auf der Basis solcher Parolen Frieden schließen, die immer wieder verbreitet werden. Wir müssen hier Klarheit schaffen.

          Sie changieren immer zwischen zwei Begründungen für die Misere. Einerseits sind die Rechten in der Partei schuld, andererseits sind es charakterliche Defizite von Parteifunktionären.

          Es ist eine Melange aus beidem. Mir fällt es zunehmend schwer, mit bestimmten Personen zusammenzuarbeiten. Und mir gehen manche Thesen gegen den Strich. Wenn ich höre, dass in Brandenburg gesagt wird, dass wir eine Partei seien, die von den Bürgern gerufen werden wolle, wenn in der Nachbarschaft ein Asylbewerberheim geplant wird, dann ist Schluss. In unseren Leitlinien haben wir das Recht von politisch Verfolgten auf Asyl festgeschrieben, ganz zu schweigen davon, dass es im Grundgesetz steht. Wir sind eine rechtsstaatliche Partei. Dabei steht außer Frage, dass wir ein anderes Zuwanderungssystem brauchen. Das kanadische Modell, nachdem sich ein Land die Zuwanderer aussuchen können muss und nicht nur die Zuwanderer ihr Land, habe ich ins Europaprogramm eingebracht.

          Schämen Sie sich manchmal für Ihre Partei?

          Nein, aber einiger Leute. Deshalb brauchen wir eine Klärung dieses Richtungsstreits, wenn wir die Partei retten wollen. Wir müssen uns entschlossen gegen den Versuch von rechts außen wehren, einen Kreis- und Landesverband nach dem anderen zu kapern.

          Wie soll eine Klärung aussehen?

          Es wird einen Mitgliederentscheid geben, der den politischen Leitlinien wieder Geltung verschaffen soll. Und wenn es eine klare Mehrheit für unsere Position gibt, dann sollen die Leute, die damit nicht einverstanden sind, die Konsequenz ziehen.

          Also austreten.

          Zum Beispiel.

          Was passiert, wenn es keine Klärung gibt?

          Dann wird die AfD scheitern. Das ist meine feste Überzeugung.

          Was gab letztlich den Ausschlag für Ihre Entscheidung?

          Die Art und Weise, wie der Bundesvorstand mit der Causa um den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Marcus Pretzell umgegangen ist, war nur ein Anlass, wenn auch ein entscheidender. Wenn jemand in einer anderen Partei so oft die Unwahrheit gesagt hätte, wäre unsere Partei die erste gewesen, die seinen Rücktritt verlangt hätte. Unser Motto lautet doch: Mut zur Wahrheit. Und in jeder anderen Partei wäre diese Person schon längst weg vom Fenster. Diese Person wird aus rein machtpolitischen Gründen von drei Mitgliedern des Bundesvorstandes unterstützt. Eine Vorstandskollegin hat in sehr auffälliger Weise immer wieder zu seinen Gunsten interveniert. Für die AfD ist die Wahrheit das kostbarste Gut, aber so sparsam sollten einige von uns nicht mit ihr umgehen.

          Und wie lautet nun Ihre Entscheidung?

          Ich habe meinen Rücktritt aus dem Bundesvorstand der AfD und als Stellvertretender Sprecher der Partei erklärt. Ich werde mich weiterhin für die Partei einsetzen, aber nur dort, wo man sich an die Grundsätze unserer Partei hält, wie zum Beispiel in Bremen.

          Weitere Themen

          Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

          Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

          Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.