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AfD und Islam : Muslime gehören zu uns

Demonstration in Köln gegen den Bau einer Moschee (Archiv). Bild: dpa

Der Islam soll pauschal nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sein? Wer das behauptet, hat selbst ein Problem mit dem Grundgesetz. Ein Kommentar.

          Wer meint, eine Weltreligion, der sich hierzulande Millionen rechtstreuer Bürger zugehörig fühlen, sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, der hat selbst ein Problem mit dem Grundgesetz. Er ist auch nicht regierungs-, ja eigentlich kaum politikfähig. Denn wie sollte eine verantwortungsvolle Politik auf dieser Grundlage aussehen? Den Islam verbieten? Gläubige internieren? Die AfD braucht offenbar einen Integrationskurs, denn parteiinterner Widerspruch war kaum zu hören. Auch wer den Islam eine Ideologie nennt, kommt nicht daran vorbei, dass unter dem Grundgesetz die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses unverletzlich sind.

          Aber natürlich ist der Islam, wie auch Christentum und Judentum, nur insoweit geschützt, als seine Ausübung nicht gegen andere Werte von Verfassungsrang verstößt. Alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Phantasien dürfen in Deutschland genauso wenig ausgelebt werden wie Aufrufe, Ungläubige zu töten und „Ehrenmorde“ zu begehen. Es hilft aber nicht weiter, Religionen anhand einzelner Zitate aus ihren Schriften zu klassifizieren. Entscheidend ist: Jeder kann nach seiner Façon selig werden, aber nur im Rahmen des Grundgesetzes – also friedlich und unter Beachtung der Rechte der anderen.

          Wenn man auf andere Staaten und Regionen blickt, in denen die Scharia blutig durchgesetzt wird, so ist klar: Eine solche Form des Islams hat hier keinen Platz. Klar ist auch: Der mittlerweile kanonische Satz der Staatsspitze „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eher ein politischer Wunsch denn ein historisch-kultureller Befund. Hier wird noch gehörig gefremdelt – Deutschland und Europa sind eben immer noch christlich geprägt – auch wenn sich das viele „christliche“ Politiker nicht mehr auszusprechen trauen. Das ist eine offene Flanke für Populisten und Extremisten.

          Richtig bleibt: Millionen Muslime gehören zu uns. Hunderttausende Muslime sind schon Opfer jenes Terrors geworden, der den Islam im Namen führt. Diese Menschen müssen sich mit ihrem Glauben angenommen und im Kampf gegen Fundamentalisten bestärkt fühlen. Nicht wenige Muslime sind verweltlicht und verwestlicht. Wer sie alle pauschal ausgrenzt, der spaltet das Land und die Gesellschaft – und betreibt letztlich das Geschäft der Terroristen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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