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AfD und das Dritte Reich : Die Exzesse der Anderen

AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, Alexander Gauland Bild: dpa

Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein, schrieb Friedrich Nietzsche. Die Anhänger der AfD werden sich an diesen Satz noch erinnern.

          So was aber auch. Für AfD-Anhänger muss es zu den Rätseln der Gravitation gehören, warum sich AfD-Politiker immer wieder von der Geschichte des Dritten Reichs angezogen fühlen. Eigentlich dürfte diese Epoche doch für eine nichtradikale Partei der bürgerlichen Mitte und des gesunden Menschenverstandes, wie die Anhänger sie nennen, kein Fixpunkt sein.

          Trotzdem schwärmte der AfD-Politiker André Poggenburg im Juli auf Twitter von der „Wehrhaftigkeit“ der „deutschen Armee“ im Jahre 1942 – und verbreitete einen Starschnitt von General Rommel. Ebenso im Juli führte der AfD-Politiker Uwe Junge den nationalsozialistischen Kampfbegriff des „Lebensraums“ in die Flüchtlingsdebatte ein und warnte vor der Übernahme desselben durch „Kulturfremde“. Und das letzte Puzzlestück lieferte der niedersächsische Vorsitzende der AfD-Jugendorganisation, Lars Steinke, der den Hitler-Attentäter Stauffenberg als „Verräter“ und „Feind des deutsches Volkes“ bezeichnete. Komisch, müssen sich AfD-Anhänger fragen: Was ist da nur los? Woher der Nazikram? Es müsse sich um eine Hysterie der Öffentlichkeit handeln, denken manche: Der Wolfgang, der André und die anderen wirken auf Parteitagen doch immer so nett.

          Die Kritiker der AfD hingegen sehen die Schuld in einer Gesinnung, deren natürlicher Gravitationspunkt nahe den Ursprüngen des Faschismus liegt. Sie arbeiten sich an den Delinquenten selbst ab, und unterstellen ihnen allerlei dunkle Absichten. Würden Alexander Gauland und Björn Höcke doch nur mit einer Mondfähre entschwinden, alles würde anders sein, meinen sie. Über die Anhänger, die deren Provokationen bejubeln, wird auch gesprochen, aber nur auf seltsame Weise. Sie gelten wahlweise als verführte Masse, als irrationale Wutbürger oder als Protestwähler mit legitimen Ansinnen. Es ist, als würde über Kinder oder Betrunkene geredet: Es werden stets Gründe genannt, die eine Zuschreibung von Verantwortung verhindern. Deshalb müssen AfD-Anhänger immer nur die AfD verteidigen, aber nicht sich selbst. Genau das muss sich ändern.

          Die AfD-Anhänger verhindern Ordnung

          Mit unterschiedslosem Applaus und der Verteidigung kruder Thesen machen AfD-Anhänger die Exzesse der Partei erst möglich. Mehr noch: Sie verhindern Ordnung. Es ist wie im echten Leben: Anarchie ist keine Grundlage für ein Gemeinwesen. Wo keine Regeln gelten oder keine Konsequenzen drohen, arten die Dinge aus, bei der AfD werden dann die Rommel-Starschnitte aus dem Keller geholt. Wer in der AfD hingegen für einen (vergleichsweise) moderaten Kurs werben will, hat zwar moralische Argumente auf seiner Seite, aber nicht die Umfragewerte. Die Leute wählen AfD, ganz gleich, was gerade war. Ein Vorstandsmitglied der Partei sagte einmal, man könne auch einen Besen hinstellen, solange er für die AfD antrete, werde er gewählt. Das ist ungesund. Nur die Anhänger können die AfD von diesem Zustand heilen, indem sie aufhören, sie ängstlich vor berechtigten Vorwürfen in Schutz zu nehmen.

          Machen die Wähler hingegen so weiter, werden sie sich eines Tages wundern, welches Früchtchen sie sich gezogen haben. Sie brauchen nur nach Übersee zu schauen: Den konservativen Evangelikalen wird es noch lange nachhängen, einen Präsidenten unterstützt zu haben, der mit Pornodarstellerinnen verkehrt. Sie werden sich aber auch wundern, was aus ihnen selbst geworden ist. Nietzsche kannte das Phänomen, als er schrieb: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

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