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AfD-Streit : Luckes Handschuhe

Zornig: Bernd Lucke Bild: Daniel Pilar

Erst hieß es, der AfD-Vorsitzende trete aus der Partei aus, dann reagierte dieser mit äußerster Schärfe: Der Streit in der AfD eskaliert. Lucke will kämpfen.

          5 Min.

          Rundschreiben an alle Parteimitglieder haben sich für AfD-Funktionäre zu einer Kampfsportart ganz eigenen Ranges entwickelt. Die Regeln gleichen in politischer Hinsicht denen des „Ultimate Fightings“, das bedeutet: Es gibt im Grunde keine Regeln. Parteischädigung ist erlaubt, solange sie sich gegen Personen oder einzelne Flügel richtet, nicht gegen die Gesamtpartei. Diffamierungen beschränken sich auf die Linie oberhalb des Hemdkragens, sprich: Wahlweise werden die charakterliche Eignung oder die Motive des Gegners in Frage gestellt. Ein Kämpfer gilt dann als siegreich, wenn der Gegner seinen Rücktritt erklärt oder sich eine mediale Lawine aus rhetorischem Unrat über ihn ergießt.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Parteivorsitzende Bernd Lucke war lange ein Schwächling in dieser Disziplin. Er vermied das Ausplaudern von Interna, nahm auch Gegner vor Anfeindungen in Schutz – in der Absicht, die Partei als Ganzes zu einen. Allenfalls in Hinterzimmern waren Lucke eigene Motive und Ränkespiele nachweisbar, in den Ring stieg er nur selten. Als Folge musste Lucke gewisse Nehmerqualitäten entwickeln, Schläge einstecken ohne selbst zurückzuschlagen. Sein Dilemma bestand in der Überlegung, dass eine offene Feldschlacht der Partei größeren Schaden bereiten könnte als das stetige Hintergrundrauschen von Intrigen und Gerüchten.

          Metaphern erinnern an Kampfsportarten

          Schon in der vergangenen Woche aber hatten Lucke treu ergebene Funktionäre hinter vorgehaltener Hand eine Abwendung von dieser Form des politischen Masochismus angekündigt. Bald, nach der Bremen-Wahl, werde etwas „Großes“ geschehen, hieß es. Lucke werde im Kampf gegen seine Gegner „die Handschuhe ausziehen“, sagte einer von Luckes engsten Verbündeten. Metaphern, die an Kampfsportarten erinnern, sind unter AfD-Politikern derzeit recht beliebt.

          Der Generalangriff sollte einer wohlüberlegten Choreographie folgen. Erst sollten am Montag die Mitglieder um Unterstützung für den Entscheidungskampf gebeten werden. Dann sollte eine Woche später eine Pressekonferenz in Berlin stattfinden, auf der es eine Erklärung geben sollte. Was in der Erklärung stehen könnte, darüber gab es in der vergangenen Woche nur Spekulationen. Ein Austritt aller Gemäßigten, eine Parteineugründung gar? Ein Mitgliederentscheid über die Zusammensetzung des nächsten Bundesvorstandes? Ganz Verwegene brachten gar die Abspaltung der nationalkonservativen ostdeutschen Landesverbände nach dem Vorbild von CDU und CSU in die Debatte ein. Irgendwann hörten auch die Lucke-Gegner die Gerüchte von einem drohenden Komplott, allen voran der Ko-Parteivorsitzende Konrad Adam. Viel konnte Adam nicht tun – außer Lucke um den Überraschungsmoment seines Planes zu bringen.

          Am Sonntag lancierte Adam Meldungen, laut denen Lucke eine „Kontroverse“ plane, wie er auch dieser Zeitung sagte. Ob es um eine Spaltung oder Parteiaustritte gehe, wisse er nicht. „Lucke soll erklären, was er vorhat“, sagte Adam. Der Adressat dieses Gegenkomplotts stand am Sonntagabend im Bremer Musical-Theater auf der Wahlparty seiner Partei herum. Einem Mitarbeiter war es gerade gelungen, einen Nachrichtensender auf einem kleinen Fernseher im Foyer zu finden, um die erste Hochrechnung der Bremer Bürgerschaftswahl um 21:47 Uhr anzuschauen. Die AfD-Mitglieder schauten auf den Bildschirm – in Erwartung irgendeiner Jubelmeldung, AfD in Bürgerschaft vertreten, AfD über fünf Prozent, so etwas. Da erschien ein Lauftext am unteren Bildschirmrand: „Lucke plant Parteiaustritt.“ Einem Mitglied gelang es „Äh“ zu sagen, die anderen blieben eine Sekunde lang stumm. Dann drehten sich alle Köpfe zu Lucke, der aber seelenruhig weiter auf den Bildschirm schaute, als sei nichts. Lucke war schon durch einen Pressesprecher vorgewarnt worden. Auf Nachfrage sagte Lucke immer den gleichen Satz: „Gerüchte kommentiere ich nicht“. Die Verwirrung war perfekt. Dieser Zustand dauerte bis um 3.54 Uhr am Montagmorgen.

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