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Wahlkampfauftakt der AfD : „Die Jagdsaison ist eröffnet“

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Ganz in ihrem Element

Weitere Redner, darunter Bundestags- und Europaabgeordnete unterbieten sich dann in ihrem Vokabular gegenseitig. Es ist vom „Vaterland in höchster Gefahr“ die Rede, von „Politschranzen in Altparteien“, „Systemlingen“, „Gesinnungsgenossen“ und „politischen Krebsgeschwüren“, von „Schuldkult“ und von Ausländern, „die unsere Töchter, Mütter und Frauen zu Freiwild erklären“. Die Vertreter des sogenannten Flügels der AfD sind hier ganz in ihrem Element; die Querelen mit dem Bundesvorstand, dem Björn Höcke vor einer Woche auf dem Kyffhäusertreffen das Misstrauen ausgesprochen hatte, spielen hier keine Rolle, auch auf die Aufforderung anderer Landeschefs, Höcke solle nicht nur den Mund spitzen, sondern auch pfeifen und als Bundesvorsitzender kandidieren, geht an diesem Abend niemand ein, schon gar nicht der Genannte selbst.

Höcke erscheint erst nach 21 Uhr und wie schon in Cottbus als „Höhepunkt“ des Abends. Er schreitet wie stets durch das Publikum hindurch zur Bühne, reißt unter begeisterten „Höcke, Höcke!“-Rufen die Arme nach oben und betreibt zur Gaudi seines Publikums und mit Anlehnung an die im Saal noch vielen bekannte Propaganda des SED-Regimes zunächst zehn Minuten lang Medienschelte.

Was die „Hauptstrommedien“ druckten und sendeten, habe mit sachlicher Berichterstattung nichts zu tun, vielmehr setzen sie einen „politischen Kampfauftrag gegen die AfD“ um. Wer den Befehl dazu gegeben haben soll, braucht Höcke gar nicht erst erwähnen, es ist so gut wie allen im Saal ohnehin klar. Sodann kommt er auf den Verfassungsschutz zu sprechen, den er „Etabliertenschutz“ nennt, und der von „den Herrschenden missbraucht“ werde, um die politische Opposition kleinzuhalten. Zustimmung an den Tischen; na klar, ist doch alles wie früher.

Höcke bietet seinen Zuhörern eine bewährte Mischung

Inhaltlich bietet Höcke die bewährte Mischung aus Kritik am Euro, der Energiewende und der Einwanderungspolitik, bei der „die Kartellparteien total versagen“. Der große Plan der Regierung sehe vor, Deutschland zu deindustrialisieren, die Rezession (die Höcke an diesem Abend aus unerfindlichen Gründen stets „Rezension“ nennt) stehe praktisch vor der Tür, genauso wie weitere „Hunderttausende Einwanderer“, die sich bereits in Afrika auf den Weg Richtung Europa machten.

Er stellt unüberprüfbare, aber dafür umso eindrucksvollere Zahlen in den Raum, wonach etwa die Einwanderungspolitik die Bundesrepublik seit 1955 mehr als zwei Billionen Euro gekostet habe, rechnet vorgeblich vor, dass der deutsche Staat für Rentner im Durchschnitt nur 1000 Euro, für Pflegebedürftige 2000 Euro, aber für minderjährige Asylbewerber 5000 Euro ausgebe und erklärt Japan zum Vorbild, das – etwa in der Pflege – nicht auf Einwanderer sondern auf Roboter setze.

Am Ende spricht Höcke dann unmissverständlich das aus, was sein Publikum hören will: „Wenn wir Europa und Deutschland in zehn Jahren überhaupt noch wiedererkennen wollen, dann werden wir uns Europa als Festung denken müssen. Was denn sonst?!“ Deutschland zeige schon heute alle Zeichen eines zerfallenden Staates – „jedenfalls im Westen“, und bei den kommenden Wahlen müsse man verhindern, dass das alles auch auf den Osten übergreife.

Dass er zum Schluss noch ein Zitat des tschechischen Präsidenten Milos Zeman auf Deutschland bezieht und erklärt, dass „dieses Land von Idioten regiert“ werde, geht abermals im Jubel unter. Hochmotiviert verlassen die Anhänger den Saal, um sich in den Wahlkampf zu stürzen. Den wollen nach Auskunft der AfD auch mehrere hundert Parteifreunde aus ganz Deutschland persönlich unterstützen. Denn das erklärte Ziel lautet nun umso deutlicher, am 1. September in Sachsen stärkste Kraft zu werden.

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