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Diskussion auf dem Kirchentag : Lieben und lieben lassen

Insbesondere die Interessen konservativer Christen seien in der AfD gut aufgehoben, sagt Anette Schultner, Sprecherin der „Christen in der AfD“. Bild: dpa

Auf dem evangelischen Kirchentag findet eine Diskussion mit der AfD-Politikerin Anette Schultner statt. Einigen können sich die Mitwirkenden nicht. Aber sie zeigen zumindest, dass gesittete Gespräche möglich sind.

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          Zwischen AfD und den Kirchen hat es zuletzt so laut wie noch nie gekracht. Schwer verärgert war die Partei darüber, als kirchliche Organisationen vor einem Monat unter dem Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“ gegen den Bundesparteitag in Köln demonstrierten. Die AfD sah sich in die Nazi-Ecke gestellt und antwortete prompt: Der niedersächsische AfD-Vorsitzende Armin-Paul Hampel forderte in der Kölner Halle zum Kirchenaustritt auf, und der Parteitag sprach sich gegen Staatsleistungen für die Kirchen aus.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Kirchentag in Berlin bot am Mittwoch zumindest ein Forum gemeinsamen Gesprächs. Anders als der Katholikentag im vergangenen Jahr hat sich die Kirchentagsleitung gegen einen generellen Ausschluss von AfD-Politikern entschieden. Parteigrößen wie Frauke Petry wollte man jedoch kein Forum bieten. Als einzige AfD-Vertreterin lud man stattdessen Anette Schultner, die wenig bekannte und einflussarme Sprecherin der „Christen in der AfD“, zu einer Diskussion mit dem Berliner Bischof Martin Dröge.

          Bischof liest aus AfD-Strategiepapier vor

          In der von rechten, vor allem aber linken Störern mehrfach unterbrochenen Diskussion erklärte der Bischof, er wolle AfD-Anhängern nicht ihr „Christ-Sein“ absprechen. Ihm gehe es jedoch nicht nur um Christ-Sein, sondern um glaubwürdiges Christ-Sein. „Und da finde ich, es ist nicht glaubwürdig, sich als Christ in der AfD zu engagieren“, sagte Dröge und begründete dies mit der Ausgrenzung von ethnischen, religiösen und sexuellen Minderheiten durch die Partei sowie deren unsachlichen Politikstil. Zur Untermauerung las der Bischof aus einem Strategiepapier der AfD-Führung vor, laut dem Provokationen nützlicher seien als „differenzierte Ausarbeitungen“, welche die Wähler „überfordern“ könnten.

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          Die einst in der CDU beheimatete und schon vor vielen Jahren zu einer Freikirche übergetretene AfD-Politikerin Schultner äußerte hingegen, dass insbesondere die Interessen konservativer Christen in ihrer Partei gut aufgehoben seien. Der Schutz der „abendländisch-christlichen Kultur“ sei im Parteiprogramm verankert. Wie Schultner die jüngsten Aufrufe zum Kirchenaustritt mit dem Schutz der christlichen Kultur vereinbart, wurde in der Diskussion leider nicht vertieft.

          Vorwürfe gegen evangelische Kirche

          Als Schultner sagte, die AfD stehe im Unterschied zur evangelischen Kirche für die traditionelle Familie, stellte die Publizistin Liane Bednarz immerhin die Frage, wie sich diese Aussage zu den Berichten über die Lebensführung bekannter AfD-Spitzenpolitiker verhalte. Bischof Dröge argumentierte theologisch und warf der AfD vor, einem verkürzten Verständnis von Nächstenliebe aufzusitzen: Zu lieben, was man ohnehin schon liebe – die eigene Familie, die eigene Heimat –, sei nichts spezifisch Christliches, sondern schlicht allgemein menschlich. Der spezifische Anspruch des Christentums sei es, dass Nächstenliebe über diesen engen Kreis hinausgreifen müsse.

          Schultner warf der evangelischen Kirche vor, ein Bündnis mit Linksradikalen gegen ihre Partei einzugehen und deren Gewalt schweigend hinzunehmen. Die evangelische Kirche sei zu einem Arm der linken Parteien geworden, sagte Schultner. Der Kirchentag komme ihr wie ein Grünen-Parteitag vor. Bischof Dröge verkniff sich den Hinweis, dass zur gleichen Zeit der EKD-Ratsvorsitzende gemeinsam mit der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und Barack Obama vor dem Brandenburger Tor auftrat. Dröge hielt der AfD-Politikerin stattdessen vor, dass die Partei immer dann von unzulässiger Politisierung spreche, wenn andere Meinungen verträten, die nicht der Parteilinie entsprechen. Energisch widersprach Dröge dem Vorwurf Schultners, die Kirche setze sich nicht entschieden für verfolgte Christen ein.

          AfD-Wähler nicht herabwürdigen

          Eine Annäherung der Positionen war am Mittwoch nicht zu verzeichnen. Die Veranstaltung zeigte aber, dass man zumindest gesittet miteinander sprechen kann. Wie sich das Verhältnis zwischen Kirche und AfD künftig gestaltet, bleibt auf beiden Seiten indes umstritten. Die AfD steht vor der Frage, ob ein rhetorisch brachial geführter Kampf gegen die Kirchen inklusive öffentlicher Austrittsforderungen die abendländisch gesinnten Teile der eigenen Wählerschaft nicht verschrecken könnte. Die Kirchen wiederum müssen klären, wie sie ihre Kritik an einzelnen AfD-Positionen darlegen, ohne deren Wähler, unter denen auch viele Kirchenmitglieder sind, pauschal herabzuwürdigen.

          „Es gibt eine verbreitete Kommunikationsverweigerung gegenüber der AfD, auch gegenüber ihren potentiellen Wählern“, beklagt etwa der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. „Kommunikationsverweigerung ist für eine Kirche, die zwischen der Person und ihren Taten unterscheidet, nicht angemessen“, sagte er dieser Zeitung. Beide Kirchen haben zudem ein strategisches Interesse daran, dass ihr Verhältnis zur AfD nicht nur aus Polemik und Sprachlosigkeit besteht. Denn eine weitere Partei, die das bestehende Staat-Kirchen-Verhältnis in Frage stellt, könnte sich langfristig nachteilig auswirken. In Rheinland-Pfalz hat vor wenigen Tagen schon ein erstes Gespräch zwischen den Kirchenleitungen und der dortigen AfD-Fraktion stattgefunden.

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