https://www.faz.net/-gpf-8hupl

AfD-Politiker Gauland : „Fremd im eigenen Land“

  • -Aktualisiert am

Wirft den Parteien im Bundestag „eine Politik der menschlichen Überflutung vor“: AfD-Politiker Alexander Gauland Bild: Reuters

Alexander Gauland wollte noch etwas loswerden. Im brandenburgischen Elsterwerda spricht der AfD-Politiker über das Boateng-Zitat und greift ein neues auf – eine Parole der rechtsextremen Szene.

          10 Min.

          Alexander Gauland hat am Donnerstag eine Rede gehalten. Er hielt sie auf dem Marktplatz von Elsterwerda, einer Kleinstadt in Brandenburg. Dorthin hatte die AfD eingeladen, deren stellvertretender Bundesvorsitzender Gauland ist. An Laternenmasten hingen Plakate, die für den Auftritt warben: „Demonstration für unsere Heimat“. Im Licht der Abendsonne trat Gauland ans Mikrofon. Er wolle zunächst „ein wenig persönlich“ werden. In den vergangenen Tagen habe er gelernt, was ein veritabler Shitstorm sei. Und er erklärte, wie es aus seiner Sicht dazu gekommen war: „Ja, liebe Freunde, ich habe etwas Richtiges gesagt, aber ein falsches Beispiel gewählt, das mir Journalisten vorgelegt haben.“

          AfD-Demonstration in Elsterwerda
          AfD-Demonstration in Elsterwerda : Bild: Friederike Haupt

          Gauland bezog sich auf ein Gespräch, das in der vergangenen Woche zwei Berliner Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit ihm geführt hatten. Da sagte der Politiker zwei Sätze über den Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Als das am vergangenen Sonntag in der Zeitung stand, dementierte Gauland. Morgens teilte er mit, er habe sich „an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert, dessen gelungene Integration und christliches Glaubensbekenntnis mir aus Berichten über ihn bekannt sind“. Später am Tag sprach er mit der ARD: „Ich habe nur deutlich gemacht – und dabei mag der Name Boateng gefallen sein, möglicherweise von den F.A.Z.-Kollegen, denn ich kenne mich im Fußball gar nicht aus –, dass es viele Menschen gibt, die Fremde in ihrer Nachbarschaft nicht für ideal halten.“ Nun war der Name also doch gefallen.

          Am Montagabend schrieb Gauland den AfD-Mitgliedern eine E-Mail. Im Mittelpunkt des Gesprächs mit den Journalisten habe der „ungebremste Zustrom raum- und kulturfremder Menschen“ gestanden. „Dabei mag das Zitat von der Nachbarschaft gefallen sein.“ Das Zitat, nicht nur der Name. Ihn störte nun aber die Überschrift: „Gauland beleidigt Boateng“. Erst durch sie hätten die „ansonsten richtigen Aussagen den Dreh ins Fremdenfeindliche, Rassistische bekommen“. Gauland gab seinem Satz eine neue Wendung: „Streng genommen, habe ich nicht Herrn Boateng beleidigt, sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn er nicht ein berühmter Fußballstar wäre.“ Nun klang es so, als habe Gauland eigentlich die wahren Rassisten entlarven wollen: jene Deutschen, die „einen Boateng“ in ihrer Nachbarschaft nur dulden würden, wenn er berühmt ist. „Diejenigen“ also, die sich ansonsten an dem „Fremden“ stören würden. Gauland, die Stimme der Toleranz.

          Auf dem Marktplatz von Elsterwerda sammelten sich am frühen Abend die Menschen. Neben der Bühne hatte die AfD einen Infotisch aufgebaut; wer wollte, konnte sich dort eine Deutschland-Flagge nehmen. Manche Besucher hatten eigene Deutschland-Flaggen mitgebracht. Andere hatten ungewöhnlichere dabei: Ein Mann zum Beispiel schwenkte eine schwarz-weiß-rote Flagge mit Adler in der Mitte; dieses Motiv war im Kaiserreich dem Reichskolonialamt zugeordnet. Andere hatten bunte Schilder gebastelt, die sie hoch hielten. Auf einem stand „Heimatliebe ist kein Verbrechen“, auf einem anderen „Massenzuwanderung ist auch Völkermord“. Ein Schild war wie ein gelbes Ortseingangsschild gestaltet; vorne drauf stand „Kreisstadt Meißen“, hinten „Herr Maas, Wir von Pegida denken selbst!“ Einige Männer trugen T-Shirts mit „Pegida“-Schriftzug, ein anderer Mann hatte eines an, auf dem „Defend Europe“ stand, darunter war eine Kalaschnikow abgebildet. Mehrere Besucher trugen Fan-Shirts der Band „Kategorie C“. Sie wird der rechtsextremistischen Hooligan-Szene zugeordnet, gemäß dem Verfassungsschutz verbreitet sie „rassistisches und nationalsozialistisches Gedankengut“. Viele andere Besucher trugen nichts dergleichen, sondern normale Sommerkleidung. Zusammen waren es etwa dreihundert Zuhörer. In Elsterwerda leben achttausend Leute.

          Weitere Themen

          Feuer unweit des Kapitols ausgebrochen Video-Seite öffnen

          Während Amtseinführungs-Probe : Feuer unweit des Kapitols ausgebrochen

          Während in Washington ist während der Probe der Amtseinführungs-Zeremonie unweit des Kapitols ein Feuer ausgebrochen. Die schnelle Reaktion der Sicherheitskräfte zeigt, wie angespannt die Stimmung kurz vor der Vereidigung des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden in der Hauptstadt ist.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel will den Ministerpräsidenten eine Verlängerung des Lockdowns vorschlagen.

          Corona-Liveblog : Merkel will Lockdown bis zum 15. Februar verlängern

          Laut Beschlussvorlage gelten bisherige Maßnahmen fort +++ Verpflichtendes Tragen von medizinischen Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften +++ Schulen werden bis zum 15. Februar geschlossen +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
          Besuch aus Moskau: Laschet und Russlands Außenminister Lawrow beim Petersburger Dialog in Bonn im Jahr 2019

          Kritik an Außenpolitik : Laschets Ruf als Russlandversteher

          Auch als Ministerpräsident hat Armin Laschet das Feld der Außenpolitik selbstbewusst beackert. Ging er zu weit mit seiner Nachsicht gegenüber dem Kreml? Und wurden seine Sätze zu Syrien den Realitäten gerecht?
           Mitglieder der Nationalgarde treffen in Washington Vorkehrungen für die Sicherheit der Inaugurationszeremonie.

          Social Media und Demokratie : Der nächste Sturm aufs Kapitol?

          Facebook löscht Beiträge, die zu Protest am Kapitol aufrufen. Airbnb nimmt in Washington keine Buchungen an, Parler meldet sich. Es zeigt sich, wie mächtig Plattformen sind. Für Joe Biden wäre es eine schöne Aufgabe, das zu ändern.

          Trumps radikale Basis : Extremistisch, esoterisch und gewaltbereit

          Neue Umfragen zeigen: 64 Prozent der Republikaner unterstützen weiterhin Donald Trump – trotz der Erstürmung des Kapitols. Über die Hälfte wünscht sich eine zweite Amtszeit. Wie konnte sich die Trump-Basis derart radikalisieren?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.