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AfD-Niederlage in Görlitz : „Wenigstens bist du noch ein echter deutscher Polizist“

  • -Aktualisiert am

AfD-Politiker Carsten Hütter (l-r), der Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla und der Görlitzer OB-Kandidat Sebastian Wippel während der Auszählung am Sonntagabend. Bild: dpa

Bei der Stichwahl um das Amt des Görlitzer Oberbürgermeisters verliert der AfD-Kandidat Sebastian Wippel gegen einen Politiker der CDU. Für die anstehende Landtagswahl spürt er dennoch „echten Rückenwind“.

          Die Gewissheit kam tröpfchenweise: Eigentlich wollte die Görlitzer AfD auf ihrer Wahlparty den ersten blauen Oberbürgermeister der Bundesrepublik verkünden. Sie hatte in einen Biergarten an einer Ausfallstraße im Süden der Stadt geladen, ein paar Dutzend Journalisten und knapp hundert AfD-Anhänger waren gekommen – und alle starrten sie auf ihre Smartphones, um die aktuellen Auszählungsergebnisse aus dem Rathaus mitzuverfolgen. Doch der Kandidat der Rechtspopulisten, Sebastian Wippel sitzt bei seinen Parteikollegen bei einem Bier zusammen und guckt bedröppelt: Mit jedem weiteren Stimmbezirk, der ausgezählt wird, fällt der AfD-Politiker weiter zurück. Und um Punkt 19 Uhr betritt der CDU-Kandidat Octavian Ursu das Rathaus von Görlitz – da ist klar: Wippel hat verloren. 55,2 Prozent für die CDU, 44,8 für die AfD, so lautet das vorläufige Endergebnis.

          Wippel steht von dem Tisch auf, an dem seine Parteifeunde noch immer auf ihre Handys blicken. „Toll hast du gekämpft“, attestiert ihm der eine. „Wenigstens bist du noch ein echter deutscher Polizist“, sagt ein anderer. Wippel dreht sich entnervt ab, verschwindet kurz, dann tritt er vor die Mikrofone: Es sei doch eine hervorragende Wahl gewesen, findet er. Und eigentlich sei das auch keine Wahl für Ursu gewesen – sondern gegen ihn. Die CDU habe sich mit Linksextremen zusammengetan, nur darum hätte sie gewinnen können. Bei der AfD selbst sieht er keine Schuld an der Niederlage.

          Grüne und Linke unterstützten den CDU-Kandidaten

          Wahr ist: Nachdem beim ersten Wahlgang am 26. Mai keiner der vier Kandidaten eine absolute Mehrheit holen konnte, bildeten sich tatsächlich zwei Blöcke in der Görlitzer Lokalpolitik. Der AfD-Kandidat Wippel trat ein zweites Mal an, während die Kandidaten von Grünen und Linken ihre Kandidatur zurückzogen und indirekt zur Wahl des CDU-Mannes Ursu aufriefen. Die Grünen appellierten an ihre Wähler „für Weltoffenheit zu stimmen“ ohne dabei aber den Namen von Ursu direkt in den Mund zu nehmen. Und sogar die Linke war bereit, „das bisher Undenkbare zu tun“ und schlug sich auf die Seite der CDU. Alles, bloß nicht Wippel – dieses Mal konnten die anderen Parteien mit vereinter Kraft den AfD-Sieg verhindern.

          Der neue Oberbürgermeister von Görlitz, Octavian Ursu, wurde in Rumänien geboren, spricht mit einem leichten Akzent Deutsch und kam 1990 nach Görlitz, um hier als Solotrompeter in der Philharmonie anzufangen. Seit 2014 sitzt er im Sächsischen Landtag, genau wie Sebastian Wippel. Wippel geboren in Görlitz, ließ wohl auch in Anspielung auf seinen Kontrahenten „Ein Görlitzer“ auf seine Plakate schreiben. Er ist studierter Verwaltungswirt, Bundeswehrleutnant der Reserve und Polizeioberkommissar. Bevor er 2013 in die AfD eintrat, war er Mitglied der FDP. 

          Burkhard Niechziol und seine Frau sind vor sechs Jahren nach Görlitz gezogen, um ihren Ruhestand zu genießen.

          Am frühen Nachmittag ist Wippel noch gut gelaunt. Mit zackigem Gang betritt er sein Wahllokal in der Görlitzer Innenstadt – Wippel, ein Hüne von rund zwei Metern, kommt zu Fuß und alleine. „Was ist denn hier los?“, fragt er, als hätte er die wartenden Journalisten nicht erwartet, tritt vor die Urne und wirft seinen Stimmzettel ein. „Das fühlt sich jetzt ziemlich befreiend an“, sagt er. In den letzten Wochen habe er 13 oder 14 Stunden am Tag gearbeitet und nur zwischendurch schnell was gegessen, um heute Bürgermeister zu werden. Es sei eine anstrengende Zeit für ihn gewesen. Auch weil die Medien parteiisch berichtet hätten und so zur Spaltung der Stadt beigetragen hätten. Sagt Wippel.

          „Wenn ich gewählt werde, werde ich allen die Hand reichen, um die Spaltung zu überwinden“, versprach er nachdem er seinen Stimmzettel abgegeben hat. Verglichen mit seinem Landesverband gab Wippel sich im Wahlkampf tatsächlich gemäßigt. Aber das war nicht immer so: 2016 etwa, nach den Terroranschlägen in Würzburg und Ansbach, bereute er, dass es nicht „die Verantwortlichen dieser Politik“ getroffen habe. Beim Zuckerfest vor einem Jahr verteilte Wippel Flugblätter mit der Aufschrift: „Syrien vermisst Euch“. War er im Wahlkampf absichtlich vorsichtiger? „Grundsätzlich finde ich Harmonie schon gut, aber das geht halt nicht bei allen Themen“, antwortet er und verschwindet um sich auf die Wahlparty am Abend vorzubereiten.

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