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AfD-Niederlage in Görlitz : „Wenigstens bist du noch ein echter deutscher Polizist“

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Mit wem man am Nachmittag auch in der Stadt spricht: Zu dieser Zeit will noch keiner eine Prognose wagen. Zu unvorhersehbar ist der Ausgang. Im ersten Wahlgang lag Wippel mit 36,4 Prozent noch klar vor Ursu, der nur 30,3 Prozent der Stimmen bekam. Bundesweit wurde die Wahl mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, sogar Hollywood hat sich eingemischt: In einem offenen Brief warnten prominente Filmschaffende davor, in Görlitz den ersten AfD-Oberbürgermeister zu wählen.

„Da kann ich den Stimmzettel ja gleich in die Neiße werfen“

Denn die beschauliche Altstadt von Görlitz diente mit ihren vielen restaurierten Altbauten schon häufiger Hollywoodfilmen als Kulisse. Seit einigen Jahren gilt Görlitz außerdem als Rentnerparadies. Auch Burkhard Niechziol und seine Frau sind vor sechs Jahren hergezogen, um ihren Ruhestand zu genießen. Nach dem Wahlgang sind sie noch eine Runde spazieren gegangen und haben sich auf eine Parkbank gleich an der Neiße gesetzt. „Den Leuten hier geht es vor allem um Sicherheit“, sagt er und nickt mit seinem Kopf in Richtung Polen, das gleich am anderen Ufer der Neiße anfängt. Von da kämen die rüber, nicht nur Polen, sondern auch andere Osteuropäer, sie würden klauen und abends die Bierflaschen auf der Straße liegen lassen. „Aber die AfD würden wir trotzdem nicht wählen“, sagt er, „da kann ich meinen Stimmzettel ja gleich in die Neiße werfen.“ Der Pensionär traut der AfD schlichtweg nicht zu, wirklich etwas verändern zu können und außerdem sei ihm der Sächsische Landesverband zu rassistisch. Also haben er und seine Frau die CDU gewählt.

Wer an diesem Wahlsonntag mit Leuten in Görlitz spricht, der hört häufig, dass Kriminalität das größte Problem in Görlitz sei. Obwohl die Kriminalität hier seit Jahren sinkt. Trotzdem hatten sowohl Wippel als auch Ursu die Kriminalitätsbekämpfung ins Zentrum ihrer Kampagne gestellt. Ursu verlangte mehr Videoüberwachung, Wippel mehr Polizeipräsenz. Aber anscheinend konnte der Kommissar von der AfD mit seinem Sicherheitskonzept nicht überzeugen. Vielleicht auch weil die Stadt noch mehr Probleme hat: Etwa 7000 Wohnungen stehen leer, die Arbeitslosenquote ist mit 7,6 Prozent überdurchschnittlich hoch und 2018 konnte nur mit Mühe die Schließung des Siemens-Werks in Görlitz verhindert werden. Die lokale Wirtschaft kränkelt.

Im Ursu-Lager, zu dem sich im zweiten Wahlgang alle Parteien außer die AfD zählten, machten sich viele auch Sorgen um den Imageverlust der Stadt. Gegen Nachmittag sitzt ein Student, der namentlich nicht genannt werden will, vor der Frauenkirche in der Görlitzer Innenstadt und diskutiert mit seinen Kommilitonen darüber, welche Auswirkungen die Wahl haben wird. „Ich glaube, das wird ein gigantischer Imageverlust für Görlitz, wenn Wippel gewinnt“, sagt er. „Dann würden im Rest des Landes wieder alle denken, dass die Sachsen Nazis sind.“ Der Oberbürgermeister habe sowieso für viele Wahlversprechen, die Wippel gemacht hat, gar nicht die Kompetenz, sagt sein Kommilitone. Aber darum muss Wippel sich jetzt zunächst keine Gedanken mehr machen. Auf seiner Wahlparty lässt er sich als „Oberbürgermeister der Herzen“ feiern – bis die nächsten Wahlen im Osten anstehen:

Diesen Herbst werden in Brandenburg, Sachsen und Thüringen neue Landtage gewählt. In Sachsen und Brandenburg könnte die AfD stärkste Kraft werden. „Dieses Ergebnis bedeutet für uns einen echten Rückenwind“, sagt Wippel. Seine Parteimitglieder pflichten ihm laut bei: „Wippel! Wippel!“, skandiert ein Chor aus 20 Männern, als er mit seinem ersten Interview fertig ist. In den nächsten Tagen will die Görlitzer AfD ihren Direktkandidaten für die Landtagswahl bestimmen. Sebastian Wippel steht bereit.

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