https://www.faz.net/-gpf-9wv0p

AfD nach dem Hanauer Attentat : Kreide bis zur Selbstverleugnung

Der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla (links) und der Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland in der Bundespressekonferenz Bild: Reuters

Durchläuft die AfD nach dem Hanauer Massenmord eine Katharsis? Zu wünschen wäre es. Wahrscheinlicher aber ist: Die AfD wird sich auch künftig in der Wortwahl „vergreifen“.

          1 Min.

          Warum nur, so fragen die beiden Bundessprecher der AfD in einem offenen Brief an die Parteimitglieder, gelingt es den politischen Gegnern, die AfD mit dem Massenmord von Hanau in Verbindung zu bringen? Fraktionschef Gauland deutete wieder einmal auf die Medien, auch auf diese Zeitung. Er äußerte sich, ebenfalls nicht zum ersten Mal, aber auch selbstkritisch. Die AfD habe sich „manchmal in der Wortwahl vergriffen“.

          Die Versuche, den Hanauer Täter als Geisteskranken ohne politisches Motiv darzustellen, hat die Parteiführung inzwischen aufgegeben: „Die Tat von Hanau ist ein rassistisches Verbrechen“, heißt es in dem offenen Brief, der zudem ein Bekenntnis zur Würde des Menschen, zum Grundgesetz und zum Völkerrecht enthält.

          Sollte der Massenmord von Hanau bei der AfD, die zunächst hauptsächlich dessen „Instrumentalisierung“ beklagte, eine Katharsis ausgelöst haben, wie man sie nach den rassistischen Morden des NSU und dem antisemitischen Anschlag von Halle noch nicht zu erkennen vermochte? Es wäre sehr zu wünschen, dass auch die AfD sich gegen jeden wendete, der sich „rassistisch und verächtlich über Ausländer und fremde Kulturen äußert“ und damit „ehrlos und unanständig“ handelt, wie es in dem Schreiben heißt.

          Höcke gewinnt an Einfluss

          Doch wie wahrscheinlich ist das? Die AfD müsste dann einen nicht unwesentlichen Teil ihrer eigenen Mitglieder und Anhängerschaft für ehrlos und unanständig erklären. Der „Flügel“ um Björn Höcke, der zunehmend Einfluss in der AfD gewinnt, zieht Wähler nicht dadurch an, dass er voller Hochachtung über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“ spricht. Höcke wird bejubelt, weil er bei Pegida auftritt und den Schulterschluss mit Rechtsextremisten nicht scheut. Und dafür, dass er sich gezielt in der Wortwahl vergreift. Das gelang nach Hanau auch Gaulands Redenschreiber („Revierverhalten“).

          Chrupalla, Meuthen und Gauland aber versuchen, eine Fassade der Bürgerlichkeit für jene Wähler zu errichten, die glauben (wollen), die AfD sei im Grunde eine CDU der achtziger Jahre mit Kanther und Dregger, vor allem aber ohne Merkel. Denn nur mit den Protestwählern aus dem bürgerlichen Lager kommt die AfD auf zweistellige Wahlergebnisse. Dafür frisst sie zur Not auch Kreide bis zur Selbstverleugnung.

          Weitere Themen

          Zusammen entscheidet man weniger allein

          Regieren ohne Premierminister : Zusammen entscheidet man weniger allein

          Boris Johnsons Lage sei stabil, heißt es aus der Downing Street. Die Entscheidung, wie es mit dem Lockdown weitergehen soll, wird wohl das Kabinett treffen müssen. Und das scheint in der Frage nicht besonders einig zu sein.

          Mehr Firmenübernahmen auf Sicherheitsaspekte abklopfen Video-Seite öffnen

          Altmaier : Mehr Firmenübernahmen auf Sicherheitsaspekte abklopfen

          Das Kabinett billigte am Mittwoch eine Novelle des Außenwirtschaftsgesetzes (AWG). Wirtschaftsminister Peter Altmaier sagte in Berlin, die Regelungen in Deutschland seien sehr liberal und müssten nachgeschärft werden.

          Topmeldungen

          Maskenproduktion von Bewooden und von Jungfeld.

          Deutsche Industrie : Masken für alle!

          Auf absehbare Zeit wird nicht nur in Deutschland der Bedarf an Gesichtsmasken riesig sein. Die deutsche Industrie hat längst reagiert und ist aktiv.
          Protest in Corona-Zeiten: Trotz der Pandemie gehen im März Regierungskritiker in Bagdad auf die Straße

          Corona in Krisenregionen : Die Ruhe vor dem Doppelsturm

          Der Nahe Osten und die Länder Nordafrikas leiden schon jetzt unter einer Wirtschaftskrise. Die Corona-Pandemie heizt diese noch weiter an. Wenn wir jetzt nicht helfen, drohen Bürgerkriege und Terrorismus. Ein Gastbeitrag.
          Volles Wartezimmer bei einem Arzt in Brandenburg

          Aus Angst vor Covid-19 : Wenn Kranke nicht zum Arzt gehen

          Mediziner machen sich Sorgen: Aus Angst, sich mit dem Covid-19-Virus anzustecken, gehen viele kranke Menschen zu spät zum Arzt – oder gar nicht mehr. Das kann tödlich enden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.