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Meißen : AfD kann Kornhaus nicht mehr ersteigern

  • -Aktualisiert am

Das Kornhaus in Meißen Bild: dpa

Die AfD wollte das historische Kornhaus in Meißen als Kaderschmiede ausbauen. Doch daraus wird vorerst nichts. Die Zwangsversteigerung des Hauses ist abgesagt.

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          Es war eine Lösung in praktisch letzter Minute: Am Dienstag verbuchte die Stadt Meißen den Eingang eines fünfstelligen Geldbetrags. Mit der Summe seien „sämtliche, auf dem Kornhaus lastende Schulden beglichen“ worden und damit der „Zwangsversteigerungstermin obsolet“, teilte die Stadtverwaltung auf F.A.Z-Anfrage mit. Die Versteigerung wäre am kommenden Montag gewesen, was seit einigen Wochen nicht nur in Meißen, sondern bundesweit hohe Wellen des Protests schlug. Denn die AfD hatte angekündigt, das aus dem 15. Jahrhundert stammende Gebäude zu ersteigern und darin ein Tagungs- und Weiterbildungszentrum der Partei zu errichten. Die Immobilie sei „eine einmalige Chance“ und passe mit ihrem ganzen Ambiente zu der Partei wie keine zweite, hatte Bundesschatzmeister Carsten Hütter nach Bekanntwerden der Pläne gesagt. Für so manchen Einheimischen war das eine Horror-Vorstellung, gehört das Kornhaus doch zu einem Gebäudeensemble um Dom und Albrechtsburg, die als Wiege Sachsens gilt. Sollten an diesem auch touristischen Höhepunkt künftig AfD-Fahnen wehen?

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Noch am Montag war das Kornhaus auf der Tagesordnung des Kulturausschusses im Landtag. Dort hatte die Fraktion der Linken Sachsens Landesregierung aufgefordert, das Gebäude zu erwerben. Doch was das CDU-geführte Finanzministerium bereits früh beschieden hatte, bestätigte nun auch die schwarz-grün-rote Koalition: Es bestehe kein Staatsbedarf an der Immobilie. Das Drama um das einstige Vorratsgebäude, das im 19. Jahrhundert zum Wohnhaus für Sachsens Könige umgebaut wurde, währte bereits viele Jahre. Zu DDR-Zeiten wurde das Kornhaus als Wohnhaus genutzt und verfiel nach der Wiedervereinigung zusehends. 2008 verkaufte es die Stadt Meißen aus Geldnot an ein italienisch-österreichisches Firmenkonsortium, das daraus ein Hotel zu machen versprach. Aus diesen Plänen ist nichts geworden, vielmehr sei der Eigentümer zuletzt auch noch die Grundsteuer schuldig geblieben und seinen Bausicherungspflichten nicht nachgekommen, so die Stadt. Deshalb habe sie das Gebäude zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben.

          „Ein gutes Stück Tafelsilber sächsischer Kultur“

          Dass daraus nun nichts wird, begrüßte am Mittwoch der kulturpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Frank Richter, der sich für die Rückkehr des Gebäudes in die öffentliche Hand einsetzt. „Das Kornhaus ist ohne Zweifel ein gutes Stück Tafelsilber sächsischer Kultur und Geschichte“, sagte Richter. „Weil die Türen dieses Hauses künftig allen offen stehen sollten, gehört es nicht in die Hände einer einzelnen Gruppe oder Partei.“ Allerdings sei mit der abgewendeten Versteigerung lediglich Zeit gewonnen worden. Er forderte sowohl die Stadt als auch den Freistaat auf, in der Sache zusammenzufinden. Ideen für die künftige Nutzung gibt es bereits zuhauf, darunter ein Museum für sächsische Geschichte, über das Meißner Porzellan, das auf der Burg erfunden wurde, bis hin zu einer Landesausstellung im Jahr 2029, wenn die Stadt 1100 Jahre alt wird.

          AfD-Schatzmeister Hütter bedauerte am Mittwoch gegenüber der F.A.Z. die Entwicklung „Wir sehen das mit einem weinenden und einem lachenden Auge“, sagte er. „Wir hoffen aber, dass sich nun um das Gebäude auch gekümmert wird.“ Sollte es jedoch „wieder mal“ nur darum gegangen sein, die AfD zu verhindern, werde man weiter ein Auge darauf werfen. Unabhängig davon sei die Partei weiterhin „deutschlandweit an rund einem Dutzend verschiedenen Objekten dran“, um eines oder mehrere davon zu erwerben. Die Stadt Meißen wiederum kündigte an, zu versuchen, das Kornhaus künftig wieder in das Ensemble der Albrechtsburg zu integrieren.

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