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Moschee-Bau in Erfurt : Abendlandpanik für Deutschland

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Mut zu Deutschland: Kinder mit Schärpen und Fähnchen bei der Eröffnung einer Ahmadiyya-Moschee in Hanau Bild: dpa

Eine muslimische Glaubensgemeinschaft will die erste neue Moschee in Thüringen bauen. Die AfD wittert ein „langfristiges Landnahmeprojekt“ und will den Bau stoppen. Dabei gilt die Ahmadiyya-Bewegung als gesetzestreu und friedfertig.

          „Das wird eine ganz heftige Auseinandersetzung. Wir wussten ja nicht, dass die AfD gerade erwachsen wird“, sagt Abdullah Uwe Wagishauser über den von seiner Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft geplanten Moscheebau in Erfurt. Es wäre der erste Neubau einer Moschee in Thüringen. Diese sähe – mit Kuppel und Scheinminarett – zudem wirklich aus wie ein muslimisches Gotteshaus. Mit dem Bauwerk im Gewerbegebiet des Vororts Marbach will die Gemeinde „Gesicht zeigen“, wie deren Vertreter sagen. Für die AfD aber geht es um mehr als um eine kleine Moschee in einem Landstrich, in dem ohnehin kaum Muslime wohnen. Die Partei will an den als gemäßigt geltenden Ahmadiyya-Muslimen ein Exempel statuieren – und sieht in den Plänen ein Beispiel für die fortschreitende Islamisierung des Abendlandes.

          Der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke wird an diesem Dienstag in Erfurt ein „Maßnahmenpaket“ vorstellen, das den Moscheebau verhindern soll. Die AfD verstehe sich als Anwalt der Bürger, welche die Moschee mehrheitlich ablehnten, heißt es in einer Ankündigung der AfD. Der Plan der Ahmadiyya-Gemeinschaft, bundesweit Moscheen zu bauen, „nährt in mir den Verdacht“, der Moscheebau in Erfurt sei Teil eines „langfristigen Landnahmeprojektes“, teilte Höcke mit. Die AfD werde nicht nur „eigene politische Maßnahmen gegen den Moscheebau ergreifen, sondern auch Bürgerinitiativen tatkräftig unterstützen“, die den Bau auf rechtsstaatliche Weise verhindern wollten.

          Widerstand anderer Muslime gegen diese Lehre

          Die offenen Worte Höckes nimmt Wagishauser betont sportlich. Die AfD verfolge einen „sektiererischen Ansatz“. Man könne ja beinahe von einer Religion sprechen. Wagishauser ist Amir, also so etwas wie der „Führer“, und Bundesvorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland und nicht der Typ, der schnell klein beigibt. Immerhin hat seine Glaubensgemeinschaft den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Wagishauser ist Deutscher, wurde im Rheinland katholisch sozialisiert, trat mit 17 Jahren aus der Kirche aus, um sein Heil bei den „Achtundsechzigern“ zu suchen. 1976 konvertierte er zum Islam, heute beschreibt er sich als konservativ-werteorientiert. Seit 1984 ist Wagishauser Bundesvorsitzender der Glaubensgemeinschaft, die ihren Hauptsitz in einem großen Waschbetonbau aus den 1970er Jahren in einem Frankfurter Gewerbegebiet hinter einem Bau- und einem Möbelmarkt hat.

          Laut dem „Handbuch der Weltanschauungen“ der evangelischen Kirche wurde die Bewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert in Pakistan durch Mirza Ghulam Ahmad gegründet. Laut dem Handbuch sah sich Ghulam Ahmad als „Inkarnation aller Propheten von Adam über Abraham bis hin zu Jesus und Mohammed“. Von Beginn an traf seine Lehre auf den Widerstand anderer Muslime. Heute soll die Bewegung in bis zu 190 Ländern mehr als zehn Millionen Anhänger haben. In Deutschland wird die Zahl der Anhänger auf 30.000 bis 50.000 geschätzt.

          Eine Religionsgemeinschaft und keine politische Vereinigung

          Die Ahmadiyya-Bewegung ist kommunikativ und betont ihre Friedfertigkeit. „Liebe für alle, Hass für keinen“ lautet ihr Motto – was freilich nicht heißt, dass sich alle an diese Regeln halten. Im Januar 2015 zum Beispiel begingen Eltern aus einer Ahmadiyya-Gemeinde, die aus Pakistan stammten und in Darmstadt lebten, einen „Ehrenmord“ an ihrer 19 Jahre alten Tochter, weil diese einen jungen Mann, der ebenfalls aus Pakistan stammte, heiraten wollte. Nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in der Gemeinde war das Entsetzen groß. Sofort wurden die Eltern aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Amir Wagishausen sprach vor etwa tausend Gemeindemitgliedern das Totengebet für die junge Frau, und der Kalif verurteilte es in seiner Freitagsansprache, die weltweit verbreitet wird. Die Glaubensgemeinschaft richtete eine Hotline für junge Leute ein, „damit es nie wieder passiert“. Auch die Imame wurden sensibilisiert.

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