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AfD : Höckes neuer Pressesprecher ist selbst aus den „Altmedien“

Björn Höcke ist Fraktionschef der AfD in Thüringen. Bild: dpa

Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke stellt einen neuen Pressesprecher ein. Es ist ein ehemaliger Journalist, dem Bestechlichkeit vorgeworfen wurde – die Personalie ist auch ein deutliches Signal an Frauke Petry und Marcus Pretzell.

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          Unglaubliches geschieht in der AfD mit einer gewissen Regelmäßigkeit, und nicht selten stehen solche Ereignisse mit dem thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke in Verbindung. Besser als vielen seiner Gefährten gelingt es Höcke, bei seinem Publikum entweder Empörung oder Momente größter Verblüffung hervorzurufen. Stellt Höcke zum Beispiel rassentheoretische Erwägungen über das Fortpflanzungsverhalten von Afrikanern an, überwiegt die Empörung. Stellt er den früheren Redakteur der Zeitung „Die Welt“ Günther Lachmann als Pressesprecher seiner Fraktion in Erfurt ein, überwiegt die Verblüffung.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was als Neuigkeit wie eine lahme Hausmitteilung klingen könnte, besitzt in Wahrheit alle Zutaten eines Spektakels: Höcke klagt über die Verkommenheit der „Altmedien“ und stellt ausgerechnet einen früheren Journalisten ein, der nicht nur Vertreter jener „Altmedien“ war, sondern explizit der Bestechlichkeit beschuldigt wurde. Lachmann soll in der Fraktion die „strategische Kommunikation“ übernehmen. Eine Pressemitteilung des parlamentarischen Geschäftsführers Stefan Möller preist ihn als „ausgewiesenen Fachmann“. Möller sagt, es spreche für das „Renommee“ der Fraktion, Lachmann gewonnen zu haben.

          Nur ein Kontinuum der Parteiintrigen?

          Im Januar 2016 klang das noch anders, Lachmann galt in der AfD eher als Fachmann für Käuflichkeit denn als künftiger Fraktionssprecher. Damals veröffentlichte Nordrhein-Westfalens AfD-Landesvorsitzender Marcus Pretzell einen Text über Lachmann auf seiner Facebook-Seite. Die Überschrift lautete: „4000,– Euro Lachmann“. Pretzell schrieb, Lachmann habe Petry angeboten, sie für 4000 Euro im Monat zu beraten, und gleichzeitig als Redakteur der Zeitung „Die Welt“ für die AfD-Berichterstattung zuständig zu bleiben.

          Pretzells Eindruck lautete, Lachmann habe sich „kaufen“ lassen wollen, und habe dann, als sein Angebot abgelehnt wurde, besonders kritisch über Petry berichtet, um sich zu rächen. „Wer dieses schmutzige und kriminelle Treiben aber nicht mitmacht, macht sich dagegen zur Zielscheibe des Herrn Lachmann“, schrieb Pretzell. Die Zeitung prüfte diesen und andere Vorwürfe gegen ihren Redakteur und entließ Lachmann. Der hatte die Vorwürfe stets bestritten.

          Höcke kennt den Fall Lachmann. Und er weiß auch, was ihm an den „Altmedien“, zu denen Lachmann gehörte, besonders missfällt. In seiner Stellungnahme zur Begrüßung Lachmanns wirft er den Medien vor, mit den „Altparteien“ eine „Pfründegemeinschaft“ zu bilden – also an Selbstbereicherung interessiert zu sein. Er teilt auch mit, er habe die Zusammenarbeit mit „einigen Altmedienvertretern“ eingestellt – ausgerechnet aber nicht mit Lachmann, der seine Stelle nach dem Vorwurf verlor, er habe eine Pfründegemeinschaft mit der AfD bilden wollen. Höcke selbst liefert nur eine dürre Begründung für diese Dissonanz: Der Weg der Thüringer AfD sei „unkonventionell“, schreibt er. Möglicherweise ist die innere Logik seiner Entscheidung nur im Kontinuum der Parteiintrigen zu verstehen.

          Höckes Entscheidung ist ein Affront

          Lachmann wurde von Pretzell angeschwärzt, weil er negativ über Pretzells Lebensgefährtin Petry geschrieben haben soll. Entsprechend schlecht dürfte Lachmann seither auf Pretzell und Petry zu sprechen sein – eine Haltung, die er dem Vernehmen nach mit Höcke gemeinsam hat. Beide gelten als Petry-Gegner. Und diese selbst wird nicht viel Phantasie benötigen, um in Höckes Entscheidung einen Affront zu sehen.

          Lachmann ist nicht der einzige AfD-Pressesprecher, über den es in der AfD noch Streit geben könnte. Nach Informationen dieser Zeitung verhinderte Pretzell jüngst, dass die Presseabteilung der AfD-Bundesgeschäftsstelle zu einem Parteikonvent nach Kassel anreist. Eine Anwesenheit der Pressesprecher sei „das exakt falsche Signal“, schrieb Pretzell an den Leiter der Geschäftsstelle. Schließlich solle der Konvent „nicht öffentlich sein“. Pretzells Intervention führte dazu, dass der Bundespressesprecher Christian Lüth wieder ausgeladen wurde. Nicht ausgeladen wurde hingegen Petrys Sprecher Markus Frohnmaier. Er wird am Konvent teilnehmen. Nunmehr herrscht wieder Parität zwischen den Parteilagern. Die Widersprüchlichkeit der einen Seite übertrifft nicht länger die der anderen.

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