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AfD und Christentum : Auf der Suche nach dem Abendland

Treffen mit Zentralrat der Muslime führt zu internem Streit

In der Regel wird der Islam mit der Scharia, also dem islamischen Recht, gleichgesetzt. Die Scharia erstrecke sich auch auf die Politik, und kein Muslim könne ihr entkommen. Die Scharia mache es schwierig bis unmöglich, ein Demokrat zu sein, weil sie für den Muslim zwangsweise wichtiger als das Grundgesetz sei. Wer also Muslim ist, für den hat die AfD eine argumentative Falle aufgestellt, der er kaum entkommen kann.

Die meisten Parteioberen der AfD sind keine Islam-Fachleute. Das ist ihnen grundsätzlich nicht vorzuwerfen, denn Politiker stehen regelmäßig vor der Herausforderung, sich aus aktuellem Anlass Wissen über ein ihnen bis dahin fremdes Thema anzueignen. Eine der Methoden dazu ist das Gespräch mit Kundigen oder Betroffenen. So hat es der Parteivorsitzende Meuthen gemacht. Kaum hatte die AfD Anfang des Monats ihr Programm beschlossen, traf er sich mit Mohammed Dawood Majoka, dem Vorstand einer islamischen Gemeinde, in der Qamar-Moschee nahe Stuttgart. Das Gespräch der beiden wurde als Interview im „Focus“ abgedruckt. Nicht nur mit dem Hinweis, dass muslimische Freunde seiner Tochter ins Hause Meuthen zum Kindergeburtstag kämen, sondern auch im weiteren Gesprächsverlauf erweckte der AfD-Mann einigermaßen glaubhaft den Eindruck, dass es ihm wirklich um einen Dialog gehe und er sich vor allem gegen „hochgefährliche extremistische Strömungen“ im Islam wende.

Meuthens Gespräch fand wenig öffentliche Beachtung. Ganz anders das Treffen der Parteichefin Petry mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, am vorigen Montag in einem Hotel in Berlin. Es war ausgiebig angekündigt worden und zog Dutzende von Journalisten an. Schon zum Auftakt der Begegnung überzogen sich beide Seiten derart aggressiv mit Vorwürfen, dass die Sache nicht nur vor der Zeit von Petry abgebrochen wurde, sondern auch noch in einem wüsten Streit innerhalb der AfD endete.

Der Vorwurf derjenigen, die nicht Teil der dreiköpfigen Parteidelegation waren, lautete, die Begegnung sei unzureichend vorbereitet, ein Scheitern absehbar gewesen. Parteifreunde unterstellten Petry, es sei ihr gar nicht wirklich um einen Dialog mit dem Zentralrat der Muslime gegangen.

Muslime in Deutschland liberaler als in der Türkei

Die Verweigerungshaltung hat aber Methode. Denn den Islam als kulturell fremd und als gefährliche politische Ideologie darzustellen kommt bei den Wählern der AfD gut an. Eine Analyse der Landtagswahlen im März ergab: 90 Prozent der AfD-Wähler teilen die Ansicht, dass der Einfluss des Islams in Deutschland durch den Zuzug von Flüchtlingen zu stark werde. Unter allen Wählern teilten diese Sicht immerhin gut 50 Prozent.

Über die Muslime in Deutschland ließen sich allerdings auch ganz andere Dinge berichten, als die AfD es tut. Der Aussage, dass Demokratie eine gute Regierungsform ist, stimmten 90 Prozent der hochreligiösen sunnitischen Muslime in Deutschland zu, wie eine Umfrage für den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung vom vorigen Jahr zeigt. Dort wird auch dargelegt, dass die Muslime in Deutschland liberaler eingestellt sind als jene in der Türkei.

So stimmten 40 Prozent der hochreligiösen Sunniten in Deutschland der Aussage zu, ein homosexuelles Paar solle heiraten dürfen – in der Türkei antworteten so nur zwölf Prozent. Die Debatten und Einstellungen in der deutschen Gesellschaft wirken anscheinend auch auf hier lebende Muslime. Doch solche Betrachtungen sind nicht Sache der AfD. Ein Feindbild funktioniert einfach umso besser, je weniger man über den Feind weiß.

*Richtigstellung

In einer vorherigen Version dieses Artikels haben wir behauptet, dass Björn Höcke Kirchenfunktionäre als „verrottet“ bezeichnet habe. Das trifft nicht zu, tatsächlich hat sich nicht der Fraktionsvorsitzende der AfD im thüringischen Landtag, Björn Höcke, sondern die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im thüringischen Landtag, Wiebke Muhsal, entsprechend geäußert. Als die Aussage fiel, stand Herr Höcke neben Frau Muhsal auf der Bühne und spendete der Aussage Applaus.

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