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AfD und Christentum : Auf der Suche nach dem Abendland

Nur noch jeder zehnte Katholik geht sonntags in die Kirche

Ist die AfD also eine Partei, die für den christlichen Glauben kämpft? Das wäre wahrlich eine Titanenaufgabe in einem Land, in dem der Einfluss des Christentums mit jedem Jahr schwindet. Zwar gehören den beiden großen Kirchen noch mehr als 46 Millionen Deutsche an. Doch in wenigen Jahren werden die Christen die Minderheit in Deutschland sein, weil in den jüngeren Generationen immer weniger Menschen einer Kirche angehören. Jedes Jahr treten zudem Hunderttausende aus. So gab es im Jahr 2014 insgesamt rund 400.000 Kirchenaustritte bei Katholiken und Protestanten.

Viele Mitglieder haben sich von ihrer Kirche ohnehin schon lange entfremdet. Im Westen Deutschlands gehen mehr als 60 Prozent der Kirchenmitglieder selten oder nie in den Gottesdienst, im Osten sind es sogar 80 Prozent. Bei den Katholiken besuchen nur noch zehn Prozent den Sonntagsgottesdienst, bei den Protestanten sind es nur drei Prozent. Die Zahl kirchlicher Trauungen und Beerdigungen hat in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich abgenommen. Und 40 Prozent der Deutschen glauben nicht an einen Gott; in Ostdeutschland sind es mehr als 70 Prozent.

Stemmt sich die AfD also gegen diese Entwicklung? Schon ein Blick auf die Lebensweise und Einstellungen führender AfD-Politiker lässt Zweifel daran aufkommen. So sagt etwa Parteivize Alexander Gauland, er sei nicht gläubig und fühle sich den Kirchen nicht verbunden. Gauland, der vor seiner AfD-Karriere vierzig Jahre Mitglied der Christlich Demokratischen Union war, sieht sich selbst als „Kulturchrist“, der die Traditionen seiner Familie nicht über Bord werfen wolle.

Wähler der AfD stehen den Kirchen fern

Seine Tochter ist evangelische Pfarrerin und lehnt die politischen Einstellungen des Vaters ab. AfD-Chefin Frauke Petry, Mutter von vier Kindern, trennte sich von ihrem Mann, einem evangelischen Pfarrer, der mittlerweile CDU-Mitglied ist. Petry hat einen neuen Lebensgefährten, den AfD-Politiker Marcus Pretzell. Beatrix von Storch, die sich als gläubige Protestantin bezeichnet, sagt, dass sie nicht zu den regelmäßigen Besuchern des Sonntagsgottesdienstes gehöre.

Bei den Anhängern der AfD ist eine besondere Nähe zum christlichen Glauben ebenfalls nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Die Wähler der AfD stehen den Kirchen besonders fern, Konfessionslose sind unter ihnen überrepräsentiert. So wählten bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt jeweils rund 17 Prozent der katholischen wie der protestantischen Wähler die AfD, aber fast 27 Prozent der Konfessionslosen.

Die überproportionale Nähe kirchenferner Bürger zur AfD ist beileibe kein Ost-Phänomen. Auch in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz hat die AfD überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Eine Umfrage vom Herbst vergangenen Jahres ermittelte bei 1103 AfD-Anhängern eine Quote der Konfessionslosen von 54 Prozent – das sind 20 Prozent mehr als der entsprechende Anteil unter allen Deutschen.

Anders als etwa bei den Grünen kommt bei der AfD zur Kirchenferne ihrer Wähler ein angespanntes Verhältnis zu den beiden großen christlichen Kirchen hinzu. Seit Monaten liegt die AfD mit ihnen im Streit. Anlässe dazu gab es reichlich. Dass die Bischöfe in Erfurt und in Köln bei AfD-Kundgebungen auf dem Domplatz ihrer Städte die Kirchenbeleuchtung ausschalteten, hat die Partei mächtig geärgert. Und die Kirchenleute sparten auch nicht mit öffentlicher Kritik an der AfD, besonders was deren Haltung zur Aufnahme von Flüchtlingen angeht.

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