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Alternative für Deutschland : „Herr Lucke ist ein lieber Mensch“

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Kleiner Parteitag der „Alternative für Deutschland“ in Rheinhessen: „Wir brauchen eine Integrationsfigur!“ - nur wen? Bild: Simon Schwartz

Ein Wirtshaus in Rheinhessen: Hier soll Bernd Lucke auftreten. Er kommt nicht. Der Abend wird trotzdem gut. Dafür sorgen vier einfache Mitglieder mit unterschiedlichen Vorstellungen von der Partei.

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          An einem Mittwochabend um halb acht stehen ein paar AfD-Leute vor dem Wirtshaus, in dem gleich Bernd Lucke auftreten soll. Sie sagen jedem, der rein will: „Fällt aus! Lucke kommt nicht.“ Der Wirt steht auch da und erklärt, warum. Er selbst habe die Veranstaltung kurzfristig abgesagt, aus Angst vor Linksradikalen. Die hatten angedroht, zu stören. Jetzt sieht alles ganz friedlich aus. Die stille Luft ist satt von Rosenduft. Aus einer Toreinfahrt schaut ein menschengroßer Gartenzwerg. Schönstes Rheinhessen, genauer Essenheim. Weit und breit kein einziges Minarett.

          Vor dem Wirtshaus beschließen vier Leute, jetzt nicht gleich wieder heimzufahren. Sie wollen die Krise der AfD diskutieren. Wenn nicht mit Lucke, dann eben ohne ihn. Leitfrage: Wie ist die Partei noch zu retten? Am Tisch sitzen Herr Pülz, Herr Niederberger, Frau Teska und Frau Espunkt, alle einfache Parteimitglieder. Die Frauen sind zusammen angereist, ansonsten kennt man sich noch nicht.

          Politische Korrektheit hat sich reingeschlichen

          Herr Niederberger, ein rundlicher Mann aus Kaiserslautern, wagt sich zuerst aus der Deckung: „Ganz ehrlich? Ich habe den ,Weckruf‘ von Herrn Lucke unterschrieben.“

          Frau Espunkt, eine Frau von damenhafter Art, nickt, aber nicht zu sehr: „Ich auch! Aber ich bin davon nicht überzeugt. Es gefällt mir nicht, wie sich da schon wieder die politische Korrektheit reingeschlichen hat.“

          Herr Niederberger: „Momentan haben wir das große Glück, dass wir nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Die AfD ist liberal-konservativ und soll es bleiben. Das muss auch beim Bundesparteitag beschlossen werden. Derzeit ist die Lage schlecht. Wir Kleinen unten an der Basis wissen nicht: Wem soll ich noch glauben? Henkel erzählt dies, Adam erzählt das, Gauland erzählt das. Petry so, Lucke so. Ich habe das Video gesehen, wo sie sich in Brüssel begegnet sind und nicht mal mehr Guten Tag gesagt haben.“

          Herr Pülz rückt das Namensschild zurecht, das er als Einziger um den Hals trägt. Klaus Mosche Pülz, Jahrgang 1936, Mitgliedsnummer 18 in der AfD. Er verteilt Visitenkarten, auf denen er als „Vorsitzender Pastor“ firmiert. „Center of Communication and Faith“. Adressen in Tel Aviv und 67583 Guntersblum.

          Frau Teska tippt mit einem Stift auf ihrem Handy herum. Dann zeigt sie ein Foto: sie selbst auf einem AfD-Wahlplakat, daheim im Kreis Bad Dürkheim, lange braune Haare, optimistisches Lächeln. Gute Zeiten, lange vorbei. Frau Teska ist in Sorge, und sie ist heute Abend nicht gekommen, um Bernd Lucke zuzujubeln: „Ich bin kein Fan vom ,Weckruf‘. Im Moment tendiere ich nicht zum Herrn Lucke. Frau Petry kann die Partei retten. Wenn wir uns verzerren und verstellen, dann ist es aus.“

          Herr Pülz: „So ist es. Der ,Weckruf‘ war ein Eigentor.“

          Herr Niederberger: „Wo soll die Reise der AfD mit uns denn hingehen?“

          Herr Pülz: „Wir stehen an einer Wegkreuzung. Lucke hat Angst. Man sieht es jetzt in den Talkshows, wie hastig er reagiert.“

          Herr Niederberger: „Lucke ist ein lieber, netter Mensch. Er hat nur das eine Problem: Er ist ein reiner Theoretiker.“

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