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Internetstrategie : Das Bauchgefühl der AfD

  • -Aktualisiert am

AfD-Chefin Petry mit Laptop: Ihren Auftritt im Netz verantwortet Peter König. Bild: dpa

Die AfD ist auch durch ihre ausgeklügelte Internetstrategie groß geworden – dahinter steckt ein Mann aus Aschaffenburg. Wer ist Peter König?

          5 Min.

          Um kurz nach acht am Morgen sitzt Peter König am Schreibtisch und überlegt, was er heute als Erstes postet. König scrollt durch den AfD-Pressespiegel, den ihm die Bundesgeschäftsstelle in Berlin zugeschickt hat. Bei einem Zitat von Alexander Gauland, dem Vize-Chef der Partei, bleibt er hängen: „Österreich handelt vorsorglich, Deutschland fährt auf Sicht.“ König hat gefunden, wonach er gesucht hat. Das lässt sich zuspitzen, findet König und öffnet Photoshop. Er schneidet die Silhouette Gaulands aus einem Foto, stellt sie vor einen blauen Hintergrund und fügt das Zitat ein, daneben das Parteilogo. Dazu schreibt er noch einen kurzen Text. Um 8:38 Uhr geht der Beitrag online. „Das ist die perfekte Zeit“, sagt König. Die meisten Nutzer schauen nach dem Frühstück ins soziale Netzwerk.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Peter König heißt eigentlich anders. Seinen echten Namen will er nicht in der Zeitung lesen, das ist die Bedingung für das Treffen. Der Mann Anfang 60 hat Sorge, dass „irgendwelche Kräfte“ Farbbeutel gegen die Wand seines Hauses werfen. In dem Dorf bei Aschaffenburg, in dem er mit seiner Lebensgefährtin wohnt, wissen nur wenige, dass der Familienvater für die AfD arbeitet.

          Dass er mehrmals pro Woche „mit der Frau Petry und dem Herrn Meuthen“ telefoniert, den beiden Parteivorsitzenden. Peter König ist einer der Väter der AfD, er hat sie still und heimlich im Netz groß gemacht. Der Erfolg, den die Partei heute hat, geht auch auf ihn zurück. Wer ist dieser Mann?

          „Großes zu bewegen“

          Vor drei Jahren, wenige Wochen nach der Parteigründung, stieg König in das Moderatorenteam der AfD-Seite ein. Den anderen wurde der Zeitaufwand nach der Bundestagswahl 2013 zu groß. König kümmerte sich allein um den Auftritt. Erst ehrenamtlich, neben seiner Arbeit für ein Autohaus – morgens, in der Mittagspause, nachts. Kräftezehrend war das, sagt er, aber er hatte auch das Gefühl, „Großes zu bewegen“. Aus dem Einzelhandelskaufmann wurde nach und nach ein Social-Media-Experte. Er kündigte vor zwei Jahren seine Anstellung im Autohaus und wurde von der Bundesgeschäftsstelle der AfD angestellt.

          Eine Studie der Uni Mainz kommt zu dem Ergebnis, dass das professionelle Auftreten der AfD auf eine exakte Planung und hohen Personalaufwand zurückzuführen sei. König lacht darüber, nein, er habe das ganz allein gemacht. Keine Werbeagentur oder Berater hätten ihm geholfen. Erst seit Anfang das Jahres hat König nach eigenen Angaben eine Mitarbeiterin, die die Kommentare mit ihm gemeinsam durchkämmt, sie löscht, wenn Hetze und Hass unter Posts der AfD zu finden sind. 265.000 Menschen haben bei der AfD inzwischen „Gefällt mir“ gedrückt, mehr als bei CDU und SPD zusammen. Wenn diese Menschen Facebook öffnen, sehen sie unter den Urlaubsfotos von Freunden die Nachrichten, die König ausgesucht und veröffentlicht hat. Sie sehen: die Standpunkte der AfD. In Hochphasen erreichen die Beiträge bis zu 3,7 Millionen Menschen.

          „Wir sind die Mitte“

          König blickt auf den Monitor, er durchforstet die Beiträge, die Nutzer auf der Seite gepostet haben. 26 Stück sind in den vergangenen zwei Stunden eingegangen. Königs Augen fliegen über die Zeilen, er sucht nach Signalwörtern, ob er sich den Text genauer anschauen muss. „Völkisch“, murmelt er, „da gehen die Alarmglocken an.“ Also Wort für Wort: Von einer Invasion der Muslime ist die Rede, von Kreuzzügen, Oktober 1507. Am Ende des Textes ist ein Link zur Internetseite „PI News“. Das macht es leicht für König, er klickt auf „Löschen“. Die Medien der neuen Rechten, dazu zählen „PI News“, der Kopp Verlag oder das Magazin „Compact“, lässt er grundsätzlich nicht zu. „Das ist nicht die AfD“, sagt er. „Wir sind Mitte.“

          Ein typischer Post der AfD auf ihrer Facebook-Seite.

          König ist nicht nur der Internetstratege der Partei, er identifiziert sich mit den Inhalten und der Art, Politik zu machen. Fragt man ihn, was er über Flüchtlingskrise, Tierschutz oder Schießbefehl denkt, sagt er: „Schauen Sie auf die Facebook-Seite der AfD. Das bin ich.“ König kreiert das Image der AfD mit, indem er Themen setzt, die Fühler ausstreckt nach neuen Trends. Wenn Wahlerfolge heute also im Netz entschieden werden, dann ist König für die AfD derjenige, der viele Stimmen bringt. Die Parteispitze vertraut ihm, er kann frei agieren. Inzwischen betreut er auch die Facebook-Seiten von Frauke Petry und Jörg Meuthen.

          Emotionen auslösen

          Nächster Beitrag. Ein Nutzer ärgert sich über die Rundfunkgebühren. „Gut, dass Sie dagegen etwas tun“, schreibt er. König lächelt. Die „GEZ“ ist eines seiner Themen. Er hat es für die AfD erkannt und vor zweieinhalb Jahren Bernd Lucke, dem damaligen Parteivorsitzenden, davon erzählt. Die Kritik am Rundfunkbeitrag kommt jetzt ins Parteiprogramm. Es ist ein gutes Thema für die AfD – ein gutes Thema für Facebook, sagt König. Es impliziert grundsätzliches Misstrauen zu den Medien und den Ärger über eine „Zwangsabgabe“. Zwei Affekte, die beim AfD-Publikum Emotionen auslösen.

          König steuert diese Emotionen. Er lässt Testballons fliegen, veröffentlicht Beiträge zu Themen wie Umweltplaketten und blickt dann auf die Statistik-Seite bei Facebook. Anhand der Zahlen, Graphen und Kurven sieht er, wie viele kommentieren, liken, teilen. Er sieht, wie sehr sie ein Thema bewegt. Mit Hilfe der Zahlen und seines eigenen Gespürs ist König vielleicht so etwas wie das Bauchgefühl der AfD. Dazu gehört auch, dass er sehr genau weiß, was richtig und was falsch ist. Dass der Grünen-Politiker Volker Beck, der mit einer geringen Menge Crystal Meth aufgegriffen wurde, nun eine Geldstrafe von 7000 Euro zahlen muss, findet König falsch. „Andere müssen dafür viel mehr büßen“, sagt er. Annette Schavan schrieb in ihrer Doktorarbeit ab und verlor den Titel. Als Ministerin trat sie zurück. Kurz darauf wurde sie zur Vatikan-Botschafterin ernannt. „Wie soll ich da meinen vier Kindern klarmachen, dass sie in der Schule nicht abschreiben dürfen?“, fragt König. Er wirkt ehrlich empört.

          Christliches Verständnis von Schuld

          Dabei ist König nicht in allen Lebensbereichen so unnachgiebig. Dass etwa gegen André Poggenburg, den Landesvorsitzenden aus Sachsen-Anhalt, zeitweise mehrere Haftbefehle wegen nicht bezahlter Schulden liefen, dass Frauke Petry ein Unternehmen gegen die Wand gefahren hat und dass Beatrix von Storch Goldbarren von Spendengeldern gekauft haben soll? „Man kann immer im Leben in eine finanzielle Schieflage geraten“, sagt er ruhig. Es ist ein christliches Verständnis von Schuld: Wer bereut, dem wird vergeben. König saß einige Jahre im Gefängnis wegen Steuerbetrugs. Heute, sagt er, ist er ein anderer Mensch. In der Bundesgeschäftsstelle wissen sie über seine Vergangenheit Bescheid. Einen Moment ist es still, wenn König davon spricht, sein Blick wandert über den Schreibtisch.

          Anfangs wurde die AfD noch wenig von den klassischen Medien beachtet, da war die Facebook-Seite eine große Chance. Sie bot direkten Zugang zu vielen Bürgern. Ganz ohne Filter. Und König wusste, wie er mit den Leuten kommunizieren musste, damit sie sich verstanden fühlten. Weil er selbst enttäuscht worden war von den großen Parteien, weil er sich nicht ernst genommen fühlte. Er war mal Sozialdemokrat, ist dann aber ausgetreten. Als „verlogen“ hat er die Partei empfunden, sagt er. Auch CDU oder FDP waren ihm zu sehr von oben herab, achteten zu wenig auf die „echten Anliegen der Bürger“, sagt er. Bei der AfD ging es ihm anfangs gar nicht so sehr um die Inhalte, es ging um Bürgernähe, um das Gefühl, verstanden zu werden.

          König begann in den ersten Monaten damit, auf jede Nachricht, die die AfD auf Facebook erreichte, zu antworten. Wenn Nutzer wissen wollten, wie die noch junge Partei zu Themen wie Homo-Ehe oder Kindergeld stand, las König im Wahlprogramm nach und antwortete in seinen eigenen Worten, nie mit Textbausteinen. Manche der Gespräche zwischen König, der als „Admin“ unterzeichnet, und den Nachrichtenschreibern ziehen sich über Jahre hin. Vor ein paar Monaten hat sich einer über die Äußerungen zum Schusswaffengebrauch von Petry gefreut, König hat kurz geantwortet. Jetzt meldet sich der Nutzer bei der AfD wie bei einem alten Bekannten und fragt, ob es stimmt, dass sich Petry aus der Parteispitze zurückziehen will. Nein, das ist ein Gerücht, antwortet der Admin. Da sei er erleichtert, meint der Nutzer.

          Das nächste große Thema

          In der Anfangszeit waren die Gespräche zwischen ihm und den Nutzern von noch größerer Bedeutung, glaubt König. Die AfD schien vielen ein Medienphänomen zu sein, nicht greifbar. Normalerweise brauchen Parteien viele Jahre, um bundesweit auf acht bis zehn Prozent zu wachsen. Sie gewinnen erst nach und nach Mandate, kommen auf der Straße in Kontakt mit Bürgern. Die AfD hatte das Internet, sie hatte Facebook und einen wie Peter König.

          Jeden Tag hält er die Hand in den Strom von Meinungen, die zu Hunderten, tausenden über die Facebook-Seite der AfD schwappen. Er spürt, ob es wärmer oder kälter wird, welche Ängste und Sorgen die Anhänger der AfD haben, wo man etwas tun muss. Oder besser: den Menschen das Gefühl gibt, etwas zu tun.

          In einem Beitrag verweist einer mit einem Link auf den ADAC. Es geht um das Förderprogramm für Elektroautos, das die Bundesregierung plant. König schnipst den Finger gegen den Bildschirm. „Das wird das nächste große Thema“, sagt er. Alles ist drin: Autos, die sind den Deutschen heilig, und höhere Steuern. Mit „der Frau Petry und dem Herrn Meuthen“ hat er schon drüber geredet.

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