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Internetstrategie : Das Bauchgefühl der AfD

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Christliches Verständnis von Schuld

Dabei ist König nicht in allen Lebensbereichen so unnachgiebig. Dass etwa gegen André Poggenburg, den Landesvorsitzenden aus Sachsen-Anhalt, zeitweise mehrere Haftbefehle wegen nicht bezahlter Schulden liefen, dass Frauke Petry ein Unternehmen gegen die Wand gefahren hat und dass Beatrix von Storch Goldbarren von Spendengeldern gekauft haben soll? „Man kann immer im Leben in eine finanzielle Schieflage geraten“, sagt er ruhig. Es ist ein christliches Verständnis von Schuld: Wer bereut, dem wird vergeben. König saß einige Jahre im Gefängnis wegen Steuerbetrugs. Heute, sagt er, ist er ein anderer Mensch. In der Bundesgeschäftsstelle wissen sie über seine Vergangenheit Bescheid. Einen Moment ist es still, wenn König davon spricht, sein Blick wandert über den Schreibtisch.

Bild: Screenshot von www.facebook.com/alternativefuerde

Anfangs wurde die AfD noch wenig von den klassischen Medien beachtet, da war die Facebook-Seite eine große Chance. Sie bot direkten Zugang zu vielen Bürgern. Ganz ohne Filter. Und König wusste, wie er mit den Leuten kommunizieren musste, damit sie sich verstanden fühlten. Weil er selbst enttäuscht worden war von den großen Parteien, weil er sich nicht ernst genommen fühlte. Er war mal Sozialdemokrat, ist dann aber ausgetreten. Als „verlogen“ hat er die Partei empfunden, sagt er. Auch CDU oder FDP waren ihm zu sehr von oben herab, achteten zu wenig auf die „echten Anliegen der Bürger“, sagt er. Bei der AfD ging es ihm anfangs gar nicht so sehr um die Inhalte, es ging um Bürgernähe, um das Gefühl, verstanden zu werden.

König begann in den ersten Monaten damit, auf jede Nachricht, die die AfD auf Facebook erreichte, zu antworten. Wenn Nutzer wissen wollten, wie die noch junge Partei zu Themen wie Homo-Ehe oder Kindergeld stand, las König im Wahlprogramm nach und antwortete in seinen eigenen Worten, nie mit Textbausteinen. Manche der Gespräche zwischen König, der als „Admin“ unterzeichnet, und den Nachrichtenschreibern ziehen sich über Jahre hin. Vor ein paar Monaten hat sich einer über die Äußerungen zum Schusswaffengebrauch von Petry gefreut, König hat kurz geantwortet. Jetzt meldet sich der Nutzer bei der AfD wie bei einem alten Bekannten und fragt, ob es stimmt, dass sich Petry aus der Parteispitze zurückziehen will. Nein, das ist ein Gerücht, antwortet der Admin. Da sei er erleichtert, meint der Nutzer.

Das nächste große Thema

In der Anfangszeit waren die Gespräche zwischen ihm und den Nutzern von noch größerer Bedeutung, glaubt König. Die AfD schien vielen ein Medienphänomen zu sein, nicht greifbar. Normalerweise brauchen Parteien viele Jahre, um bundesweit auf acht bis zehn Prozent zu wachsen. Sie gewinnen erst nach und nach Mandate, kommen auf der Straße in Kontakt mit Bürgern. Die AfD hatte das Internet, sie hatte Facebook und einen wie Peter König.

Jeden Tag hält er die Hand in den Strom von Meinungen, die zu Hunderten, tausenden über die Facebook-Seite der AfD schwappen. Er spürt, ob es wärmer oder kälter wird, welche Ängste und Sorgen die Anhänger der AfD haben, wo man etwas tun muss. Oder besser: den Menschen das Gefühl gibt, etwas zu tun.

In einem Beitrag verweist einer mit einem Link auf den ADAC. Es geht um das Förderprogramm für Elektroautos, das die Bundesregierung plant. König schnipst den Finger gegen den Bildschirm. „Das wird das nächste große Thema“, sagt er. Alles ist drin: Autos, die sind den Deutschen heilig, und höhere Steuern. Mit „der Frau Petry und dem Herrn Meuthen“ hat er schon drüber geredet.

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