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Kommentar : Damoklesschwert über der AfD

  • -Aktualisiert am

Wohin führt Bernd Lucke die AfD? Bild: dpa

Luckes Plan einer Vereinsgründung innerhalb der AfD ist ein geschickter Schachzug. Er sammelt dadurch seine Truppen für eine mögliche Abspaltung von der Partei. Lucke setzt alles auf eine Karte: Er ist sogar bereit, zu einem politischen Kannibalen zu werden.

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          In der AfD hat der „Endkampf“ begonnen. Mit diesem martialischen Wort deuten Funktionäre der Partei, was ihr Vorsitzender Bernd Lucke offenbar vorhat. Für die Gemäßigten in der AfD ist die Gründung des Vereins „Weckruf 2015“ ein Schachzug. Sollten tausende AfD-Mitglieder in den Verein eintreten, wird dieser in den kommenden Monaten wie ein Damoklesschwert über den Nationalkonservativen in der AfD hängen.

          Die Lucke-Gegner haben dann zwei Möglichkeiten: Entweder sie beugen sich dem Willen ihres Vorsitzenden. Oder sie begehren auf. Dann, so lautet die Drohung, tritt der von vielen AfD-Mitgliedern als unersetzlich angesehene Lucke aus der Partei aus – und mit ihm alle Mitglieder seines Vereins. Die AfD würde es dann schwer haben. Nicht nur, weil die Abwesenheit von Feigenblättern wie Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel unappetitlichere Regionen der Partei entblößen würde. Sondern auch, weil Lucke offenbar bereit ist, zu einem politischen Kannibalen zu werden.

          Luckes Strategie: Erpressung

          Die Neugründung einer eurokritischen Partei mit den Mitgliedern seines Vereins in Konkurrenz  zur AfD würde diese aller Wahrscheinlichkeit nach dauerhaft unter die Fünfprozenthürde drücken. Sogar Zusagen von Spendern für den Wahlkampf hat Lucke schon beisammen. Man kann seine Strategie eigentlich in einem Wort  beschreiben: Erpressung. Lucke spielt ein „Chicken Game“ mit seinen Gegnern: Wer zuerst blinzelt, hat verloren. Seine Drohung, die Partei zu zerstören, erhält ihre Glaubwürdigkeit erst durch die Gründung einer möglichen Nachfolgeorganisation.

          Dass sich seine Gegner von dieser Drohung einschüchtern lassen werden, ist aber unwahrscheinlich. Sie wissen, dass sie ohnehin verlieren. Entweder, weil Lucke seine Drohung wahrmacht und die Partei spaltet. Oder weil sie ihm erlauben, ihren Parteiflügel zu stutzen und etliche Landesvorsitzende aus ihren Ämtern zu entfernen. Auch den Lucke-Gegnern bleibt wohl nur, was Lucke tut: Alles auf eine Karte zu setzen.

          Wie so oft werden Luckes Kritiker ihn in den kommenden Tagen als Autokraten beschimpfen, der die ganze Macht will. Doch dieser Vorwurf könnte sich als Fehlschluss erweisen. Wäre es Lucke um die Macht gegangen, er hätte sie billiger haben können, mit etwas Toleranz für irrlichternde Rechtsideologen etwa. Dass er diesen Weg nicht gegangen ist, legt eine für ihn schmeichelhaftere Interpretation nahe: Dass er nicht aus Machthunger bereit ist, die AfD zu opfern, sondern weil sie ihm unheimlich geworden ist.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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