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Holocaust-Denkmal : Mäßig gemäßigt

Stolpersteine in Berlin: Uwe Witt sagt, ihm sei immer klar gewesen, dass man diesen Teil der deutschen Geschichte niemals ausblenden dürfe. Bild: Getty

Der AfD-Abgeordnete Uwe Witt ist für das Holocaust-Denkmal und stellt sich gegen den völkisch-nationalen Flügel seiner Partei. Er rechnet mit einer großen Zukunft.

          Als er 18 oder 19 gewesen sei, da habe er in London im Imperial Museum of War eine Ausstellung über den Holocaust gesehen. Die habe ihn so erschüttert, dass er wochenlang schlecht geschlafen habe, sagt Uwe Witt. Der 59 Jahre alte Abgeordnete - kurzer Vollbart, blauer Anzug mit kleinen weißen Punkten, rote Krawatte - sitzt in seinem neuen Büro im Bundestag und versucht zu erklären, warum er sich darum beworben hat, als Abgeordneter der AfD im Kuratoriumsbeirat der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu sitzen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Witt erzählt von seinem Großvater, der Sozialdemokrat und Gewerkschafter gewesen sei und ursprünglich aus Polen gestammt habe. Weil er einen Feindsender gehört habe, sei er von der Gestapo verhaftet und in eine Strafkompanie nach Russland geschickt worden. Dort habe er an Judenerschießungen teilnehmen müssen. Ein SS-Mann habe ihm gedroht, andernfalls werde er selbst erschossen. So habe es der Großvater erzählt, und dann habe er geweint. Für ihn, den Enkel, sei immer klar gewesen, dass man diesen Teil der deutschen Geschichte niemals ausblenden dürfe, sagt Witt. „Das Holocaust-Denkmal hat nichts mit Schuldkult zu tun, sondern mit Erinnerungskultur. Damals hat man versucht, ein ganzes Volk auszurotten. Das Denkmal ist eine Mahnung - es erinnert daran, dass so etwas nie wieder passieren darf.“

          Witt ist über die AfD Nordrhein-Westfalen in den Bundestag gekommen, Listenplatz 13, das hat gereicht. Vom rechten Rand der Partei distanziert er sich. Er sei zur AfD gegangen, weil er das Gefühl gehabt habe, da seien Leute wie er selbst, liberal, konservativ und bürgerlich. Seine erste Erfahrung mit der Partei sei ein Vortrag von Ulrike Trebesius gewesen, einst Landesvorsitzende der Partei in Schleswig-Holstein. Sie hat die AfD längst verlassen, damals mit dem früheren Vorsitzenden Bernd Lucke, als die radikaleren Kräfte obsiegt hatten. Witt aber blieb.

          AfD-Abgeordneter Uwe Witt.

          Er gründete im vergangenen Jahr zusammen mit anderen die „Alternative Mitte“, eine Vereinigung innerhalb der AfD, die sich als gemäßigt betrachtet. „Wir haben die Alternative Mitte gegründet, um klarzumachen, dass es nicht nur die völkisch-nationale Richtung in der Partei gibt.“ Witt gibt aber auch zu, dass es mit den Vertretern des „Flügels“, der ganz rechten Gruppierung in der AfD, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gebe. Dennoch bezieht Witt immer mal wieder gegen die Scharfmacher Stellung.

          Als „Flügel“-Leute unter Führung des nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten Christian Blex kürzlich nach Syrien reisten, um zu demonstrieren, wie sicher es dort wieder sei und dass die Flüchtlinge in Deutschland zurückkehren könnten, trafen sie auch den Großmufti, der einst mit Selbstmordattentaten in Europa gedroht hatte. Er verstehe nicht, dass „ein Islamfeind“ wie Blex sich mit so jemandem treffe, sagte Witt. Als der Parteikonvent der AfD beschloss, dass Mitglieder auch bei Veranstaltungen von Pegida auftreten könnten, sprach Witt von einem „faulen Kompromiss“. Er sei dagegen, wenn rote Linien verwischt würden.

          Er hat Schlosser gelernt und im Stahlwerk gearbeitet

          In Nordrhein-Westfalen war Witt nach eigenen Aussagen sehr eng mit Marcus Pretzell verbunden, dem ehemaligen AfD-Landeschef und Ehemann der früheren Parteivorsitzenden Frauke Petry. Ihm sei klar gewesen, dass Petry keinen Platz mehr in der AfD für sich gesehen hätte. Doch die Art ihres Abschieds aus der Partei, der öffentliche Eklat, missfiel ihm. „Es hat mich nicht überrascht, dass Frauke Petry gegangen ist. Aber wie sie gegangen ist, das hat mich entsetzt.“ Danach hätten es Leute wie er schwer in der Bundestagsfraktion gehabt. Sie hätten als potentielle Verräter gegolten, die Petry über kurz oder lang folgen würden. Es habe Momente gegeben, in denen er sich gefragt habe, ob die AfD noch Platz für ihn habe. Doch Fraktionschef Alexander Gauland habe sich dafür eingesetzt, dass die „Alternative Mitte“ in der Fraktion berücksichtigt worden sei. Das habe einen Staudamm gebildet, der den Abfluss weiterer Mitglieder der Fraktion verhindert habe.

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