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Ärzte sauer : Koalition will Apothekern das Impfen erlauben

Bislang dürfen nur Ärzte impfen. Bild: dpa

Bislang dürfen nur Ärzte ihre Patienten impfen. Die große Koalition will das ändern. Bei der Grippeschutzimpfung sollen bald auch Apotheker die Nadel setzen können – Mediziner sind erbost.

          3 Min.

          Etwa ein Jahr ist es jetzt her, dass Jens Spahn beim Deutschen Apothekertag in München ans Rednerpult trat und der versammelten Apothekerschaft von seiner Idee berichtete. Es ging ums Geld; die Pharmazeuten erwarteten vom neuen Bundesgesundheitsminister Vorschläge, wie mit der Konkurrenz aus dem Internet umzugehen sei. Am liebsten wäre ihnen ein Verbot des verhassten Versandhandels gewesen, doch darauf wollte Spahn sich nicht einlassen. „Reden wir über andere Honorarmodelle, die nicht nur an Abgabe einer Medikamentenpackung gebunden sind“, sagte der CDU-Politiker. „Ich könnte mir vorstellen, dass in Apotheken geimpft wird.“

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Die Apotheker im Saal waren erstaunt über diesen unerwarteten Vorstoß. Regelrecht erzürnt reagierten hingegen die deutschen Ärzte – sie fassten den Vorschlag als Angriff auf ihren Beruf auf, was wenig überraschend war. Schon immer sind die Aufgaben von Arzt und Apotheker strikt getrennt, das Verabreichen einer Impfung galt stets als eine ärztliche Aufgabe, die auch entsprechend vergütet wird. 

          Anders als viele Mediziner es wohl gehofft hatten, erledigte sich das Thema nicht von selbst wieder. Im Gegenteil. Binnen eines Jahres ist aus der vagen Idee des Ministers ein konkreter Plan geworden. Am Freitag debattierte der Bundestag in erster Lesung über das vom Gesundheitsministerium angestoßene Masernschutzgesetz, das eine Pflicht zur Impfung gegen Masern bei Kindern und Erziehern vorsieht. In einem Nebensatz ihrer Rede teilte die SPD-Politikerin Sabine Dittmar mit, dass sich die große Koalition auf einen Änderungsantrag geeinigt habe. Dieser, so Dittmar, werde es Apothekern im Rahmen eines Modellversuchs künftig ermöglichen, selbst Impfungen zu verabreichen – zwar nicht gegen Masern, worum es in dem Gesetz eigentlich geht, sondern gegen die Grippe. Im Nachbarland Frankreich ist genau das seit kurzem möglich - auch da ging ein Modellversuch einer landesweiten Regelung voraus.

          Bei der Grippe sollen die Impfquoten erhöht werden, fordern Union und SPD. Zuletzt ließ sich nur jeder Zehnte in Deutschland gegen das Influenza-Virus impfen; vor allem Ältere, denen als Risikogruppe eine Impfung ausdrücklich empfohlen wird, seien zu selten gegen einen schweren Verlauf der Grippe geschützt. Darüber hinaus wird Schwangeren und chronisch Kranken die Impfung empfohlen, gesunden Erwachsenen hingegen nicht.

          Diese Beratung haben bislang die Ärzte erbracht, nun sollen sie sich die Aufgabe mit den Apothekern teilen. Die Empörung der niedergelassenen Mediziner, die sich damit auch um einen Teil ihrer Vergütung sorgen, ließ nicht lange auf sich warten. Der Plan  überschreite die Grenzen der Heilberufe und sei „so nicht hinnehmbar“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, dieser Zeitung. „Impfungen gehören nicht in eine Apotheke, das haben Apotheker nie gelernt.“ Man habe für dieses Vorhaben kein Verständnis, teilte die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe am Montag mit. Das bisherige System funktioniere gut, es gebe „überhaupt keine Notwendigkeit“, es zu verändern. Ganz anders sieht das der Chef der Krankenkasse AOK Rheinland/Hamburg, Günter Wältermann. Er sagte der Zeitung “Rheinische Post“, das er es begrüßen würde, wenn Apotheker impfen könnten. So könne die Durchimpfungsrate der Bevölkerung erhöht werden, es ließen sich viele Grippetote vermeiden. Wie hoch das Honorar der Apotheker für das Impfen ausfällt, und wie viel die Kassen dadurch möglicherweise sparen könnten, geht aus dem Dokument nicht hervor.

          So klar der Wille der Koalition ist, Apothekern das Verabreichen einer Grippeschutzimpfung zu ermöglichen, so vielfältig sind die Hindernisse – das wird auch im Änderungsantrag von Union und SPD deutlich. Demnach sollen Krankenkassen mit den Apotheken entsprechende Verträge schließen. Wer als Apotheker impfen will, muss abgetrennte Räume mit Patientenliege bereithalten. Allerdings sollen die Impfungen auf volljährige Kunden beschränkt bleiben – bei Kindern ist eine Impfung nur bei chronisch Kranken angezeigt, und bei ihnen soll nach wie vor der Arzt zuständig bleiben.

          Die Berufsordnung der Apotheker könnte zum Problem werden

          Zudem soll die Reform zunächst auf fünf Jahre befristet bleiben und wissenschaftlich begleitet werden, um zu erfahren, ob die Impfquoten dadurch erhöht werden konnten. Vor allem aber sollen Apotheker, die impfen wollen, zuvor „ärztlich geschult“ werden, wie es in dem Antrag heißt. Sie sollen lernen, wie Ärzte zu handeln – also die Kunden über Risiken aufzuklären, die Spritze richtig zu setzen und mögliche Fälle zu erkennen, in denen eine Impfung medizinisch riskant wäre. Vor allem aber sieht die Schulung die „Kenntnis von Notfallmaßnahmen bei eventuellen akuten Impfreaktionen“ vor. Das zielt auf das wesentliche Argument der Ärzte, alles so zu belassen, wie es ist: Nur sie seien qualifiziert, einen Patienten zu betreuen, der nach einer Impfung mit einer schweren Allergie reagiert. Das passiert zwar äußerst selten, doch es kann vorkommen.

          Dass das Vorhaben schwer umzusetzen sein wird, weiß die Koalition selbst. In dem Antrag heißt es, vor Beginn der beabsichtigten Reform müsse die Berufsordnung der Apothekerkammer „gegebenenfalls“ geändert werden. Darin heißt es, Apotheker geben Arzneimittel ab und beraten hierzu. Aber: „Der Apotheker darf keine Heilkunde an Menschen und Tieren ausüben.“

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