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Hindenbürger : Sie predigen das Versagen der Demokratie

Reichskanzler Adolf Hitler begrüßt Reichspräsident Paul von Hindenburg am 25. Februar 1934 vor der Staatsoper in Berlin. Bild: AP

Neuerungen können gefährlich sein. Wenn man es geschafft hat, alt zu werden, muss man die wesentlichen Dinge richtig gemacht haben. Warum daran was ändern?

          Meine Oma konnte noch auf ihre ganz alten Tage ein Hindenburg-Gedicht aus der Schulzeit aufsagen, und die kindliche Hingabe schwang immer noch mit. Als habe sie dem Besungenen anderes zu verdanken als den Verlust von Heimat und Habe im März ’45. Sie, die niemals die Nazis gewählt hatte. Nun denn. Jetzt erst mal zu den Makaken, einer weit weg von alledem beschaulich ihre Tage durchmessenden Affenart.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          1953 hatte ein junges Weibchen auf der Insel Koshima entdeckt, dass man das Kauen auf Sand vermeiden kann, wenn man Süßkartoffeln vor dem Verzehr im Bache spült. Das gehörte in ihrer Jugendgruppe bald dazu, und schließlich übernahmen auch die Mütter dieses Verhalten. Irgendwann gingen alle zum Waschen der Knollen im Meer über, sodann vom Waschen zum Stippen, weil salzige Süßkartoffeln besser schmecken. Das machen sie nun schon seit Generationen so. Demnächst erfinden sie wahrscheinlich Sushi.

          Sie kauten lieber weiter Sand

          Allerdings: Die alten Männchen hatten davon zunächst gar nichts gehalten. Sie kauten lieber weiter Sand. Das hat natürlich auch seinen evolutionären Sinn. Neuerungen können gefährlich sein. Wenn man es geschafft hat, alt zu werden, muss man die wesentlichen Dinge richtig gemacht haben. Warum daran was ändern? Überzeugungen, so hatte schon Max Planck befunden, setzten sich gesellschaftlich nicht durch, weil sich Leute überzeugen lassen, sondern weil die Leute sterben. Freilich können die alten Makaken nicht lesen und schreiben, und das, damit bin ich am Punkt, hat der Makakenheit eine Menge Artikel über die Vorzüge des Sandkauens erspart, darüber, wie fabelhaft es früher war und wie fremd sie sich fühlen im eigenen Koshima.

          Aber wir sind Menschen und müssen da leider durch. Hindenburg war seinerzeit noch eine Ausnahme, das erste Opfer des nach ihm benannten Syndroms (Hindenburgifikation, hindenburgification, le syndrome Hindenbourgeois). Während der Feldherr reichlich dazu beigetragen hatte, ganze Jahrgänge junger Europäer zu zerfleischen und nach einer mehrjährigen Atempause Hitler für eine zweite Runde an die Macht zu helfen, war er im Gegensatz zu seinen Opfern oder Bewunderern steinalt geworden. So alt wie später meine Oma und heute glücklicherweise viele, also nahe achtzig und darüber.

          Unter ihnen gibt es gute und weise Menschen, auch gute und weise alte weiße Männer, aber eben auch Hindenburgifizierte. Zusammengefasst: Wir werden jetzt fast alle viel älter, und auch unser Tannenberg ist dann sehr lange her. Golf ist nicht jedermanns Sache, kleiner Ball, Loch weit weg. Also schreibt man runter, was in einem hochkommt, wie letzthin ein bedeutender Dichter in der F.A.Z.: dass die Terroristen, von denen er sich bedroht fühlt, im Finanzamt sitzen, weil sie von fast hundert Jahre alten Hindenbürgern verlangen, dass sie Belege sammeln. Belege! In einem „Obrigkeitsstaat, dem die Demokratie fremd ist“.

          Das ist so, als ob man morgens zum Brötchenholen geht, und an der Ecke kommt einem unversehens der Generalfeldmarschall entgegen, mit Orden, als sei nichts. Freudiges Entsetzen, man dachte ja in aller Unschuld, der wäre tot. Sie wollen nicht in der Postdemokratie mehr leben, sie wollen das Land so wiederhaben, wie es ihnen von ihren Vätern vererbt wurde, sie wollen als Bürger auf Barrikaden, sie wollen keinen Boateng als Nachbarn, sie wollen nicht in der Lethargokratie ausgesessen werden, sie sind die letzten Deutschen, sie haben seinerzeit was gelernt, und das soll’s dann aber auch gewesen sein. Denn wo kämen wir hin? Da müssten wir am Ende womöglich nicht nur das Essen, sondern uns noch selber waschen. (So kam es bei den Makaken tatsächlich.)

          Nun Spaß beiseite und zurück zum Entsetzen. Woran erkennt man den Befall der ergrauten Ehrenmänner, den abschwellenden Bocksgesang? Sie üben fundamentalistische Systemkritik. Sie predigen das Versagen der Demokratie. Sie bejaulen den Untergang des Rechts. Der guten Sitten. Sie klagen maßlos und erbittert an. Sie zerstören rücksichtslos Vertrauen. Sie verweigern demokratischen Politikern einfachsten Respekt, geschweige denn Gerechtigkeit. Weder deren Gründe noch deren Absichten noch deren Worte geben sie, wenn überhaupt, ehrlich wieder, sondern stets verzerrt, meist ins Groteske. Sie wollen Kaiser Wilhelms wiederhaben oder sonst was, das nicht mehr da ist oder niemals da war. Ihr Vorschlag lautet: Probleme löst man durchs Garnichtersthaben. Hindenbürger genügen sich selbst, und was ihnen genügt, soll allen genügen, und nur das würde genügen.

          Sie halten den alten Sack, in den sie die Zeit eingenäht hat, mit aller letzter Kraft von innen zu. Rausgucken kann man offenbar nicht mehr. Aber sie wollen andere da reinziehen, in diese, frei nach Macron, Souveränität des Sacks („souverainisme de repli“). Ich persönlich bleib da lieber in der flüchtigen Moderne. Und freu mich drauf.

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