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Love-Parade-Prozess : Herr Sauerland und die Frage der Verantwortung

Adolf Sauerland als Zeuge vor Gericht Bild: EPA

Nach der Katastrophe auf der Duisburger Love Parade hatte der Oberbürgermeister die Verantwortung lange von sich gewiesen. Nun musste er im Prozess aussagen.

          „Das kann ein wirklich bedeutsamer Verhandlungstag werden“, sagt Julius Reiter, am Mittwochmorgen im großen Sitzungssaal des Kongresszentrums der Messe Düsseldorf. Dort findet seit Anfang Dezember der Strafprozess zur Love Parade-Katastrophe statt, weil es im Duisburger Landgericht keinen ausreichend großen Raum für das Mammutverfahren gibt. Bei dem Techno-Spektakel Love Parade waren am 24. Juli vor acht Jahren 21 junge Menschen auf der viel zu engen Zugangsrampe zum ehemaligen Duisburger Güterbahnhof im Gedränge ums Leben gekommen, mehr als 600 Personen wurden verletzt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung müssen sich seit Anfang Dezember sechs Bedienstete des Duisburger Bauamts verantworten, weil die Behörde trotz ausführlich dokumentierter Sicherheitsbedenken die Genehmigung für die Massenveranstaltung erteilt hatte, sowie vier Angestellte des privaten Veranstalterunternehmens Lopavent des Fitness-Studio-Betreibers Rainer Schaller.

          Schaller selbst zählte ebenso wie der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nie zu den Beschuldigten. Für viele Opfer und Hinterbliebene ist das eine schwere Enttäuschung. Als Zeugen müssen sich Sauerland und Schaller nun aber in der Hauptverhandlung ausführlich von der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg befragen lassen. „Darauf haben viele meiner gut 100 Mandanten gewartet“, sagt Opferanwalt Reiter. Neben ihm steht Paco Zapater und nickt. Zapater hat bei der Love Parade-Katastrophe seine Tochter Clara verloren. An seinem Revers trägt er einen Anstecker mit einem Porträt von ihr. Immer wieder reist er gemeinsam mit seiner Frau Nuria Caminal aus Spanien an, um am Prozess teilzunehmen. Am Mittwoch wolle er Sauerland „in die Augen schauen“. Zapter und seine Frau sehen in Sauerland „den Hauptverantwortlichen“.

          Paco Zapater trägt einen Anstecker mit dem Portrait seiner toten Tochter Clara.

          Ihr Anwalt Reiter dagegen ist überzeugt, dass Sauerland „kein Treiber“ für die Veranstaltung gewesen ist. Doch auch wenn Sauerland nach deutschem Strafrecht keine Schuld trage, habe er doch die politische und moralische Verantwortung zu übernehmen, findet Reiter. Wie kein zweiter sei der Oberbürgermeister zu einem Symbol der Katastrophe geworden. „Und deshalb wird Sauerland das Gericht bestimmt darum bitten, sich zu Beginn seiner Zeugenvernehmung mit einer Erklärung an die Opfer und Hinterbliebenen wenden zu dürfen“, sagt Reiter als Sauerland gerade den Saal betritt. Zudem müsse der ehemalige Duisburger Oberbürgermeister endlich Klartext darüber reden, „warum die Veranstaltung, die nie hätte stattfinden dürfen, doch stattfand“.

          Der Oberbürgermeister als Sündenbock

          Adolf Sauerland, der CDU-Mann, der es 2004 vermocht hatte, die mehr als 50 Jahre währende Vorherrschaft der SPD in Duisburg zu brechen, war lange ein über die Parteigrenzen beliebtes Stadtoberhaupt. Bis zum 24. Juli 2010 galt er den Duisburgern als hemdsärmliger Machertyp. Doch nach der Katastrophe, als die Stadt einen Tröster oder wenigstens einen authentischen Mitfühler gebraucht hätte, trat Sauerland höchst verunsichert und ungeschickt auf, versuchte sich mit verschwurbelten Sätzen herauszuwinden. Eine Szene prägte sich besonders ein: Bei der Pressekonferenz am Tag nach der Katastrophe saß Sauerland, mit hängenden Schultern neben Veranstalter Schaller und las eine abwiegelnde Erklärung vom Blatt. Als er im Anschluss an sein Statement gefragt wurde, ob er als Leiter der Behörde, die die Love Parade genehmigt hatte, verantwortlich sei, sagte er „Nein“.

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