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Kennzeichnung der Lebensmittel : Wie die Parteien gegen Zucker und Fette im Essen kämpfen

Gar nicht gut: In unserem Essen gibt es immer mehr Zucker Bild: Imago

In Deutschland gibt es immer mehr Übergewichtige und Zuckerkranke. Einer der Gründe: Zu viel Zucker, Salz und Fett im Essen. Aber was tun? Am Mittwoch will das Kabinett darüber beraten – die Pläne der Parteien gehen weit auseinander.

          Jeder vierte Deutsche ist fettleibig, mit einem Body-Mass-Index über 30 und damit anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und für Typ-2-Diabetes. Schon jeder zehnte Deutsche ist Diabetiker. Jährlich kommen eine halbe Million Neuerkrankungen dazu, darunter immer mehr Kinder. Deshalb will die Bundesregierung kommende Woche eine „nationale Strategie“ zur Verminderung von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten beschließen.

          Lydia Rosenfelder

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Unternehmen sollen dazu angehalten werden, den Anteil dieser Stoffe in ihren Lebensmitteln zu senken. Dass industriell gefertigte Nahrung so wenig kostet, hat schließlich einen Grund: Die Hersteller benutzen immer weniger echte Zutaten, wie Gewürze, und setzen stattdessen Zucker, Salz und Fett ein, um den fehlenden Geschmack zu ersetzen.

          SPD und Grüne wollen Herstellern Druck machen

          Die Strategie sieht vor, dass in gesüßten Getränken, Joghurt- und Quarkzubereitungen sowie in Frühstückscerealien weniger Zucker beigemischt werden soll. In Brot und Brötchen soll weniger Salz, in Tiefkühlpizzen weniger Salz und Fett enthalten sein. Verpflichten will der verantwortliche Ernährungsminister Christian Schmidt aber niemanden: „Es muss sich über den Markt und den Geschmack entwickeln“, sagt der CSU-Politiker. „Es helfen die gesündesten Brötchen nichts, wenn sie nicht gekauft werden.“

          Den Sozialdemokraten und den Oppositionsparteien reicht das nicht. Die SPD-Abgeordnete Elvira Drobinski-Weiß sagt: „Wir versuchen in Deutschland immer alles auf freiwilligem Wege. Leider funktioniert das oft nicht.“ So hatten zum Beispiel vor zehn Jahren Unternehmen auf EU-Ebene erklärt, auf Marketing für ungesunde Produkte verzichten zu wollen, wenn es sich an Kinder richtet. Doch hat das Kindermarketing für Limonade, Schokolade und Frühstücksflocken seither sogar zugenommen. „Der Werbedruck ist gewaltig“, sagt Dietrich Garlichs von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. „Es wird hundertmal mehr geworben für Dickmacher als für Gesundes.“ Und Typ-2-Diabetes ist eine Volkskrankheit geworden.

          Garlichs wirft der Bundesregierung vor, das Problem nicht anzupacken: „Das Gesundheitsministerium hat eine neue Diabetes-Studie in Auftrag gegeben. Das dauert wieder ein paar Jahre. Inzwischen tickt die Bombe weiter.“ An Appelle wie „Leb gesund, friss die Hälfte, beweg dich!“ glaubt er nicht. Das komme vielleicht bei den ohnehin Gesundheitsbewussten an. „Aber bildungsferne Schichten und einen Großteil der Immigranten werden wir damit nicht erreichen.“ Plakate und Flyer würden nicht helfen, wenn man von Kind auf durch einen bestimmten Ernährungsstil geprägt sei: „Snacking und Fastfood, zu jeder Zeit, an jedem Ort.“

          Um Dickmacher kenntlich zu machen, setzen SPD, Grüne und Linke auf eine Lebensmittelampel. Denn um die Nährwerttabellen zu verstehen, die auf der Verpackungsrückseite möglichst unauffällig plaziert werden, braucht man eine Lupe und eine Weiterbildung in Ernährungswissenschaften, wie der Kinderarzt Ulrich Fegeler sagt. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung könne sich anhand der Tabellen seinen Essensplan zusammenstellen, so Fegeler. Abgesehen davon seien die Portionsgrößen oft zu gering angegeben. In Wahrheit isst man mehr.

          Union warnt vor Bevormundung des Bürgers

          Die Union hält von der Lebensmittelampel nichts. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gitta Connemann sagt: „Mit der Ampel wird dem Verbraucher etwas suggeriert, was dieses Instrument nicht halten kann.“ Die Ampel gebe die Produkte in ihrer Komplexität nicht wieder. So würde Olivenöl dann rot gekennzeichnet, für den hohen Fettanteil, obwohl es ein gesundes Produkt sei. Dasselbe gelte für Nüsse, Butter und Käse. Und Apfelsaft erhielte ebenfalls Rot – für den hohen Zuckeranteil. „Produkte, die natürlicherweise einen hohen Anteil an Fett oder Zucker haben, werden als ungesund wahrgenommen, obwohl ein Verzehr in Maßen wichtig und gesund ist.“ Die Politik solle die Bürger nicht unterschätzen, so Connemann. „Sie wollen nicht bevormundet werden. Die, die sich ungesund ernähren wollen, werden das auch mit einer Ampel tun.“

          Das sieht auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten so. Die Vorsitzende Michaela Rosenberger sagt: „Wer seine Tiefkühlpizza für neunzig Cent kauft, wird das auch mit einer Ampel tun.“ Minister Schmidt sagt, er habe noch keine Ampel gesehen, die auch die Quantität der Nahrungsmittel reguliere. „Sie gibt Infos über Anteile von Fett, Salz und Zucker. Aber nicht darüber, welche Mengen gesund sind. Und sie ist irreführend.“

          Wenn man drei Produkte mit grüner Ampel zu sich nehme, zum Beispiel Light-Produkte, bedeute das noch nicht, dass man sich gesund ernähre. Was aber ist so verkehrt daran, wenn vorne auf der Verpackung ersichtlich ist, dass ein Apfelsaft viel Zucker enthält? Oliver Huizinga von „Foodwatch“ findet das angemessen. Man solle ja auch nicht täglich einen Liter Apfelsaft als Durstlöscher trinken, sagt er. „Wenn auf der Butter steht, dass sie viele gesättigte Fettsäuren enthält, dann ist das schlicht und einfach die Wahrheit.“ Die Ampel sei bei weitem verbraucherfreundlicher als die derzeitige Kennzeichnung.

          Immerhin zeigt die Diskussion über die Gesundheit der Deutschen Wirkung. Unternehmen stehen zunehmend unter Druck, gesündere Lebensmittel auf den Markt zu bringen. Ein Wettlauf hat begonnen. Der Discounter Lidl kündigte an, bis 2025 den Zucker- und Salzgehalt in allen Eigenmarken um zwanzig Prozent zu reduzieren. Auch Rewe und Penny wollen ihre Rezepturen überarbeiten, haben aber keine Zielvorgaben genannt.

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