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ADAC : Die magischen 19 Millionen

Ein einflussreicher Verein: Im Jahr 2012 erzielte der ADAC Gesamterträge von 1,03 Milliarden Euro Bild: dpa

Der ADAC tut so, als sei er die Stimme von einem Drittel aller deutschen Wähler. Darauf gründet sein politischer Einfluss. Genaugenommen vertritt er aber nur sich selbst.

          6 Min.

          Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club ist der gelbe Engel. Er hat den Ruf, Helfer in der Not zu sein. Und seriös. Das sagen selbst Politiker von SPD oder Grünen, die dem ADAC von Natur aus nicht gerade nahestehen. Seit fast zwei Wochen aber weht dem Verein der Wind ins Gesicht. Da kam heraus, dass der Club die Abstimmungsergebnisse für das „Lieblingsauto der Deutschen“ geschönt hat. Monatelang hatte er vor allem in der Zeitschrift „ADAC Motorwelt“ seine fast 19 Millionen Mitglieder aufgerufen, an der Wahl teilzunehmen. Das ging ganz einfach: entweder ein Kreuz auf einem Coupon machen und mit der Post schicken oder ein paar Klicks im Internet. Nur taten das kaum Mitglieder. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ reichten dem Golf in diesem Jahr 3409 Stimmen, um den „Auto-Oscar“ zu bekommen. 3409 Stimmen von 19 Millionen. Massenmobilisierung sieht anders aus.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Der Kommunikationschef Michael Ramstetter, gleichzeitig Chefredakteur der „Motorwelt“, machte daraufhin aus den wenigen Stimmen ein paar mehr. In früheren Jahren hatte er das auch schon praktiziert. So wurden aus 3409 sage und schreibe 34299. Angeblich bekam es im ADAC keiner mit – nicht das einzige Anzeichen dafür, dass in der Münchner Zentrale nicht alles so läuft, wie es laufen sollte.

          „Der ADAC ist sich seiner Macht sicherlich sehr bewusst“

          Dass Ramstetter, der nach Bekanntwerden der Vorwürfe für den Präsidenten und den Geschäftsführer tagelang nicht greifbar war, bei der Fälschung schön proportional vorging, zeigt: Es ging nicht um die Bevorzugung einer Marke, sondern um die schiere Masse – die Grundlage für die Macht des Clubs. Der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag, sagt: „Warum hat der ADAC die Zahlen frisiert? Um nicht zugeben zu müssen, dass er weit weniger Rückhalt hat, als es scheint.“

          Die magischen 19 Millionen. Gerade im Gespräch mit Politikern erwähnen ADAC-Vertreter sie gerne mit dem Hinweis garniert, dass sich die Mitglieder in der Regel im wahlfähigen Alter befänden. Steffen Bilger, für die CDU im Verkehrsausschuss, sagt: „Der ADAC ist sich seiner Macht sicherlich sehr bewusst. Dass er 19 Millionen Mitglieder hat, wird da öfter durchaus selbstbewusst vorgetragen.“ Noch deutlicher bekam man es vom Club selbst. Bisher jedenfalls. Zitat des „Motorwelt“-Chefredakteurs: „Sie dürfen mir glauben, wenn ich einen Politiker im Blatt haben will, dann bekomme ich ihn. Und wenn ich die Bundeskanzlerin bitte, eine Gastkolumne zu schreiben, dann schreibt sie.“ Die SPD-Verkehrspolitikerin Kirsten Lühmann sagt: „Aufgrund der Mitgliederzahl des ADAC kann es zu einer Selbstkasteiung der Politik kommen, die sich ausmalt, was es bedeuten könnte, sich gegen so viele potentielle Wähler zu stellen.“

          Viele Politiker sitzen allerdings einer Täuschung auf. Denn der Club tut nur so, als handle er im Namen seiner Mitglieder, als gebe es im Verein einen demokratisch verfassten Meinungsbildungsprozess von unten nach oben. Den gibt es nämlich nicht, jedenfalls nicht so, wie man ihn etwa aus Parteien oder Gewerkschaften kennt. In der Selbstbeschreibung des ADAC heißt es zwar: „Ähnlich wie Deutschland ist auch der ADAC demokratisch und föderal aufgebaut.“ Allerdings bringt sich von den 19 Millionen nur ein Bruchteil aktiv ein, und die großen Leitlinien sowie die politische Positionierung – das sagt der Verein selbst – bedürfen der Entscheidung des Präsidiums und des Verwaltungsrats.

          „Präsidialbüro“ für die Kontaktpflege

          In der zurückliegenden Legislaturperiode gab es mehr als vierzig offizielle Kontakte zwischen ADAC-Vertretern und Ministern beziehungsweise Staatssekretären. Präsident Peter Meyer traf die Kanzlerin mehrmals mit Vertretern der Automobilindustrie beim sogenannten Spitzengespräch Elektromobilität. Auch den damaligen Chef des Kanzleramts, Ronald Pofalla, sprach er, ebenso Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, Gesundheitsminister Rösler sowie Umweltminister Altmaier und natürlich auch Verkehrsminister Ramsauer. Das ist die Kragenweite des Vereins. Unter Ministerebene, so ist im Regierungsviertel zu hören, mache es zumindest Präsident Meyer nicht. Einfache Abgeordnete mussten daher mit dem ADAC-Vizepräsidenten als Gesprächspartner vorliebnehmen.

          Um „Kontakte zur Politik und wichtigen Organisationen zu pflegen und auszubauen“, unterhält der ADAC in Berlin ein „Präsidialbüro“. Die ADAC-Veranstaltungen dort sind gut besucht. Anderswo auch. An der Oldtimer-Rallye ADAC Bavaria Historic 2012 nahm Ilse Aigner teil, zu der Preisverleihung des „Gelben Engels“ in den Jahren 2010, 2011 und 2012 kam Ramsauer. Sein Parlamentarischer Staatssekretär Andreas Scheuer, ein Fachmann für Oldtimer, kam 2011 zur Trentino Classic in Riva del Garda und fuhr dabei einen „Vorkriegs-Bentley der Autostadt Wolfsburg“. Der ADAC zitierte ihn mit den Worten: „In der heutigen Zeit ist es ja ein besonderes Privileg, sich für ein paar Stunden Muße zu nehmen. Das Motto ,Genuss braucht Zeit‘ trifft beim ADAC Oldtimer-Wandern vollkommen zu.“ Dass es beim ADAC auch rasanter zugehen kann, weiß man seit dem jüngsten „Stern“-Bericht über die zweckfremden Flüge des ADAC-Präsidenten im Rettungshubschrauber.

          Neben den offiziell aufgeführten Kontakten zwischen Politik und ADAC gibt es noch eine Vielzahl inoffizieller Treffen, bei parlamentarischen Abenden zum Beispiel. Was Politiker dort von ADAC-Leuten zu hören bekommen, können sie sich zu eigen machen – aber sie können es auch lassen. Viel wirksamer ist es jedenfalls, wenn der Club mit der Boulevardpresse über Bande spielt und seine Fachleute zur Verfügung stellt, um Kampagnen zumindest den Anschein wissenschaftlicher Durchdringung zu verleihen. Klar ist: Beim ADAC sind Profis am Werk, die die Möglichkeiten des Lobbyismus voll ausschöpfen – im Rahmen des Erlaubten. Die SPD-Verkehrspolitikerin Lühmann sagt: „Der ADAC überschreitet in seiner Lobbyarbeit keine Grenze, er geht nur geschickt vor.“ Dazu gehört auch, dass der Verein in den vergangenen Jahren geschmeidiger geworden ist. Der Präsident mag da noch „total stur“ (Hofreiter) sein: Der ADAC selbst ist, wie der SPD-Verkehrsexperte Florian Pronold sagt, „nicht mehr dieser Hardcore-Player“. „Früher waren Radfahrer für den ADAC Spinner, die die Autofahrer gefährden. Das wird heute viel vernünftiger gesehen.“

          Gegen Tempolimit, Pkw-Maut und Alkoholverbot am Steuer

          Bestimmte Kernpositionen muss man aber verteidigen – sonst, so sagen es auch ADAC-Leute, drohe der Verein seine Identität zu verlieren. Der Klassiker: Tempolimit, ob innerstädtisch 30 oder 120 auf der Autobahn. Der ADAC ist natürlich dagegen. Das bekam der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im vergangenen Mai zu spüren, als er es wagte, in der Sache laut nachzudenken. Im Fernsehen auf ein Tempolimit angesprochen, sagte Geschäftsführer Karl Obermair halbstark: „Ich mache Ihnen einen Gegenvorschlag: Wir verhängen Tempolimit null auf deutschen Autobahnen, und wir werden null Verletzte und null Tote haben.“

          Beim Tempolimit könnte der Verein noch recht haben, wenn er behauptet, den Willen der Mehrzahl seiner Mitglieder zu exekutieren. „Was dem Amerikaner seine Waffe, ist dem Deutschen das freie Autofahren“, sagt Lühmann. Schon ein bisschen anders sieht die Sache allerdings beim absoluten Alkoholverbot am Steuer aus: Der ADAC lehnt es ab. Hingegen sind 78 Prozent seiner Mitglieder ausweislich einer Studie von Infratest dimap aus dem Jahr 2012 dafür. Zumindest mehrdimensional ist die Lage bei der Pkw-Maut. Auch da: Der Club ist dagegen, im Dezember schrieb er in der „Motorwelt“ über „Die Maut-Lügen“ und kommentierte: „Kraftmeierei, Verbohrtheit oder Erpressung? Deutschland erlebt dieser Tage, wie eine Partei, die bundesweit nur 7,4 Prozent vertritt, partout ein Ziel durchsetzen will, das keinerlei Sinn macht.“ Also wieder der Verweis auf den Mehrheitswillen, in diesem Fall in Abgrenzung von der sonst so hochgeschätzten CSU. In einer anderen „Motorwelt“-Ausgabe berief sich der ADAC auf eine selbstgemachte „Repräsentativumfrage“, nach der 76 Prozent seiner Mitglieder gegen eine Pkw-Maut seien. Es gibt aber auch andere Zahlen. Von Emnid zum Beispiel, sind 63 Prozent der ADAC-Mitglieder für die Einführung der Pkw-Maut. Ein ADAC-Sprecher sagt dazu, es komme eben darauf an, welche Fragen man genau stelle.

          Wie auch immer: Die Vertretung der Interessen von 19 Millionen Mitgliedern stellt man sich anders vor. Aber eigentlich geht es ja auch gar nicht um Interessenvertretung oder jedenfalls nicht nur. Der ADAC gibt das offen zu. Nach eigener Auskunft hat er neben der Interessenvertretung zwei weitere Standbeine: als Verbraucherschutzorganisation und Wirtschaftsunternehmen.

          Wirtschaftsunternehmen kann man laut sagen: Der ADAC hat 8600 Mitarbeiter und knapp 40 Tochterunternehmen, die 2012 Gesamterträge von 1,03 Milliarden Euro erzielten. Er bietet Versicherungen an, Reisen, Kreditkarten, Mietautos und vieles mehr. Ist der ADAC also eher Unternehmen als Verein? Für Lühmann ist die Frage, die nun auch ein Gericht beschäftigt, längst geklärt: „Machen wir uns nichts vor: Der ADAC ist kein Verein, sondern ein Konzern, ein Unternehmen, das wirtschaftliche Interessen hat.“

          Für den ADAC ist die Frage, was er ist, nicht eine unter vielen, sondern die entscheidende. Weil die Antwort darauf nicht nur massive Auswirkungen auf seine Identität, sondern auch auf seine Macht hat. Hofreiter sagt: „Viele ADAC-Mitglieder verstehen sich nicht als Mitglieder eines Vereins, sondern als Kunden eines Serviceunternehmens. Das ist ein großer Unterschied und relativiert den politischen und gesamtgesellschaftlichen Einfluss des ADAC.“ Auch Sabine Leidig, Verkehrsexpertin der Linkspartei, sieht diesen Zusammenhang: „Die Legitimation durch die Mitglieder, auf die sich der ADAC beruft, ist eine Scheinlegitimation und die Interessenvertretung bloß eine behauptete und angemaßte. Die Mitglieder sind eigentlich Kunden, und denen geht es vor allem um einen zuverlässigen Pannendienst.“

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