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ADAC : Die magischen 19 Millionen

Beim Tempolimit könnte der Verein noch recht haben, wenn er behauptet, den Willen der Mehrzahl seiner Mitglieder zu exekutieren. „Was dem Amerikaner seine Waffe, ist dem Deutschen das freie Autofahren“, sagt Lühmann. Schon ein bisschen anders sieht die Sache allerdings beim absoluten Alkoholverbot am Steuer aus: Der ADAC lehnt es ab. Hingegen sind 78 Prozent seiner Mitglieder ausweislich einer Studie von Infratest dimap aus dem Jahr 2012 dafür. Zumindest mehrdimensional ist die Lage bei der Pkw-Maut. Auch da: Der Club ist dagegen, im Dezember schrieb er in der „Motorwelt“ über „Die Maut-Lügen“ und kommentierte: „Kraftmeierei, Verbohrtheit oder Erpressung? Deutschland erlebt dieser Tage, wie eine Partei, die bundesweit nur 7,4 Prozent vertritt, partout ein Ziel durchsetzen will, das keinerlei Sinn macht.“ Also wieder der Verweis auf den Mehrheitswillen, in diesem Fall in Abgrenzung von der sonst so hochgeschätzten CSU. In einer anderen „Motorwelt“-Ausgabe berief sich der ADAC auf eine selbstgemachte „Repräsentativumfrage“, nach der 76 Prozent seiner Mitglieder gegen eine Pkw-Maut seien. Es gibt aber auch andere Zahlen. Von Emnid zum Beispiel, sind 63 Prozent der ADAC-Mitglieder für die Einführung der Pkw-Maut. Ein ADAC-Sprecher sagt dazu, es komme eben darauf an, welche Fragen man genau stelle.

Wie auch immer: Die Vertretung der Interessen von 19 Millionen Mitgliedern stellt man sich anders vor. Aber eigentlich geht es ja auch gar nicht um Interessenvertretung oder jedenfalls nicht nur. Der ADAC gibt das offen zu. Nach eigener Auskunft hat er neben der Interessenvertretung zwei weitere Standbeine: als Verbraucherschutzorganisation und Wirtschaftsunternehmen.

Wirtschaftsunternehmen kann man laut sagen: Der ADAC hat 8600 Mitarbeiter und knapp 40 Tochterunternehmen, die 2012 Gesamterträge von 1,03 Milliarden Euro erzielten. Er bietet Versicherungen an, Reisen, Kreditkarten, Mietautos und vieles mehr. Ist der ADAC also eher Unternehmen als Verein? Für Lühmann ist die Frage, die nun auch ein Gericht beschäftigt, längst geklärt: „Machen wir uns nichts vor: Der ADAC ist kein Verein, sondern ein Konzern, ein Unternehmen, das wirtschaftliche Interessen hat.“

Für den ADAC ist die Frage, was er ist, nicht eine unter vielen, sondern die entscheidende. Weil die Antwort darauf nicht nur massive Auswirkungen auf seine Identität, sondern auch auf seine Macht hat. Hofreiter sagt: „Viele ADAC-Mitglieder verstehen sich nicht als Mitglieder eines Vereins, sondern als Kunden eines Serviceunternehmens. Das ist ein großer Unterschied und relativiert den politischen und gesamtgesellschaftlichen Einfluss des ADAC.“ Auch Sabine Leidig, Verkehrsexpertin der Linkspartei, sieht diesen Zusammenhang: „Die Legitimation durch die Mitglieder, auf die sich der ADAC beruft, ist eine Scheinlegitimation und die Interessenvertretung bloß eine behauptete und angemaßte. Die Mitglieder sind eigentlich Kunden, und denen geht es vor allem um einen zuverlässigen Pannendienst.“

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