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Abwrackprämie : Angst, dass es den Falschen hilft

In guter Gesellschaft: Dank Abwrackprämie landen derzeit wesentlich mehr Autos in Deutschland auf dem Schrotthaufen Bild: dpa

Die Ankündigung einer „Abwrackprämie“ hat in den Autohäusern für Belebung gesorgt. Doch werden deutsche Autohersteller davon tatsächlich profitieren? Denn ob der Fahrer eines asiatischen Kleinwagens ihn plötzlich durch einen Mercedes ersetzt, ist fraglich.

          „Das hat gerade gepasst“, sagt Joachim Müller. Just an dem Tag, an dem der Motor „zu ruckeln“ begann und Müller anfing, sich ernsthafte Sorgen zu machen, ob sein 15 Jahre alter Toyota Carina die kommenden Wochen noch überstehen würde, erfuhr der 65 Jahre alte Frankfurter aus dem Fernsehen, dass die Bundesregierung eine Umweltprämie einführen werde.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Müller musste nicht lange überlegen. Schließlich sollte die Reparatur des Motors 1500 Euro kosten, weit mehr also, als sein Wagen überhaupt noch wert war. Dann lieber 2500 Euro Umweltprämie und ein neues Auto, sagte er sich. Und weil er mit seinem alten Auto zufrieden war und ein Händler ihm ein attraktives Angebot machte, entschied er sich kurzerhand wieder für einen Toyota. Etwa 10.000 Euro gibt er für den Kauf aus.

          Weg mit den „Rostlauben“

          Sein altes Auto steht nun im Hof eines Betriebs für Autoverwertung im Osten Frankfurts. Müller hat es selbst dorthin gebracht und sich ein Zertifikat über die Verschrottung ausstellen lassen. Sein Auto ist dort in guter Gesellschaft. Ein Honda Civic, dessen Anblick eine Tüv-Inspektion als Tag des Jüngsten Gerichts erscheinen lässt, und ein Skoda Felicia sowie ein VW Polo, die ihren Namen keine Ehre mehr machen, harren dort ihrer Verschrottung - auch sie, weil ihre früheren Besitzer in den Genuss der Umweltprämie kommen wollen. Sein Betrieb habe in den vergangenen zwei Wochen insgesamt 20 solcher Autos entgegengenommen, sagt Stefan Manke, der Inhaber der Autoverwertung.

          Die anderen, die nicht mehr im Hof stehen, waren ebenfalls zumeist solche, die der Volksmund „Rostlauben“ nennt, Autos, die „nichts mehr wert sind“, wie Manke sagt: ein 16 Jahre alter Ford Escort, ein 15 Jahre alter Fiat Cinquecento, ein 19 Jahre alter Mazda 626, ein 17 Jahre alter Golf Drei und ein 20 Jahre alter Opel Kadett Cabriolet. Das Interesse an der Umweltprämie sei aber weitaus größer, als die Zahl der bisher abgegebenen Autos vermuten lasse, sagt Manke. Bis zu hundert Anrufe erhalte er deswegen am Tag.

          Mehr als 13 Millionen schrottreife Autos

          Bisher verschrottet er in seinem Betrieb zwischen 1000 und 1500 Autos im Jahr. Durch die Umweltprämie glaubt er, könnten es in diesem Jahr etwa 500 bis 1500 Autos mehr werden. Immerhin fahren in Deutschland nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes gegenwärtig etwa 13,7 Millionen Autos, die älter als neun Jahre sind und damit eine Voraussetzung für den Erhalt der Umweltprämie erfüllen. Doch die ist längst nicht für alle attraktiv. Dass demnächst reihenweise Autos der Oberklasse von BMW, Mercedes, Audi oder Volvo in seinem Hof stehen, hält Manke für wenig wahrscheinlich.

          Tatsächlich bedarf diese Prognose keiner hellseherischen Fähigkeiten; ein Blick auf den Markt für Gebrauchtwagen, etwa im Internet, genügt schon. Für die Marke Mercedes führte ein großes Portal für Gebrauchtwagen am Montagmittag 3049 Angebote auf, die sich jeweils auf ein Auto beziehen, das 1999 zugelassen ist. Lediglich zwei dieser Angebote liegen jedoch unter 2500 Euro und sind somit unter ökonomischen Gesichtspunkten Kandidaten für die Umweltprämie: ein Wagen mit Totalschaden und ein früheres Taxi, Kilometerstand 300.000.

          Die „Gurke“ wird nicht automatisch durch eine Luxuskarosse ersetzt

          Die Autos, die verschrottet werden, bieten erfahrungsgemäß auch einen Anhaltspunkt dafür, welche Autos anschließend gekauft werden. „Wer vorher eine alte Gurke gefahren ist, der wird sich nur wegen der Abwrackprämie noch kein Auto für 40.000 Euro kaufen“, sagt Tim Sommer. Viele Kunden haben den Verkäufer von Neu- und Gebrauchtwagen in einem Frankfurter Autohaus schon nach der „Abwrackprämie“ gefragt. Er verkauft Autos der Marken Ford, Hyundai, Mazda und Volvo. Etwa zehn Autos habe man schon mit einer verbindlichen Vereinbarung zur Umweltprämie verkauft.

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