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Abschied von Altkanzler Kohl : „Ich verneige mich vor Ihnen in Dankbarkeit und Demut“

  • Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sarg Bild: dpa

Mit einem bewegenden Trauerakt im EU-Parlament nehmen Deutschland und Europa Abschied von Helmut Kohl. Die Kanzlerin würdigt den verstorbenen Altkanzler mit persönlichen Worten – und der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton macht ihm eine Liebeserklärung.

          Europa nimmt Abschied von einem großen Europäer: Bei einem Trauerakt im EU-Parlament hat sich die politische Spitze aus Vergangenheit und Gegenwart vor Helmut Kohl verneigt, einem der bedeutendsten Staatsmänner des Kontinents.

          In einer bewegenden Trauerrede würdigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Kohl als großen Brückenbauer zwischen Ländern und Menschen. „Er war ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker“, sagte Merkel im EU-Parlament. Jetzt müssten die nächsten Generationen sein Vermächtnis bewahren. Das sei der engagierte, unermüdliche Einsatz für Frieden, Freiheit und Einheit.

          Merkel dankte Kohl auch ganz persönlich. „Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. (...) Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Angedenken in Dankbarkeit und Demut“, sagte Merkel, die dabei ihren Blick auf den Sarg richtete und später Tränen in den Augen hatte. Sie schilderte ihn als einen Mann der absoluten Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und unerschütterlichen Überzeugung. Und auch als einen Politiker, an dem sich viele Menschen gerieben haben und der Gegenargumente scharf abwehren konnte.

          Erinnerte in einer humorvoll-melancholischen Rede an Helmut Kohl: der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton Bilderstrecke

          Merkel erinnerte auch an Kohls erste Ehefrau Hannelore, die sich 2001 das Leben genommen hat. „Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit.“ Über Kohls Witwe Maike Kohl-Richter sagte Merkel, sie habe den Altkanzler „voller Hingebung und Liebe begleitet bis zuletzt“. Ihr Mitgefühl gelte Maike Kohl-Richter und „allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauen“.

          Clinton: „Ich habe ihn geliebt“

          Der Sarg des früheren Bundeskanzlers und „Vaters der Deutschen Einheit“ war am Samstagmorgen zunächst in einem Protokollraum des Europaparlaments aufgebahrt worden. Danach wurde er vom Wachbataillon des Bundesverteidigungsministeriums in den Plenarsaal getragen – begleitet von einer Totenwache des Eurokorps.

          Der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton machte dem verstorbenen Altkanzler bei der Trauerfeier in Straßburg eine Liebeserklärung. Kohl habe in seiner politischen Zeit ganz große Fragen gestellt bekommen mit Verzweigungen in die Gegenwart, und wegen seiner Antworten seien die Vertreter so vieler Länder bei dem Trauerakt, sagte Clinton im Europaparlament. „Ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn sehr gemocht“, sagte Clinton. Kohl habe eine Welt gewollt, in der Zusammenarbeit als besser gilt als der Konflikt. „Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert.“ Zum Schluss sagte Clinton: „Du hast das gut gemacht in deinem Leben. Und wir, die wir dabei sein durften, lieben dich dafür.“

          EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bezeichnete Kohl als „Nachkriegsgiganten“ und „kontinentales Monument“. „Helmut Kohl war ein deutscher Patriot, aber auch ein europäischer Patriot“, sagte Juncker im EU-Parlament. Der Kommissionspräsident würdigte insbesondere Kohls Beitrag für die „Versöhnung“ Europas.

          Medwedjew: „Kohl ist der Architekt der gegenwärtigen Welt“

          EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani nannte Kohl einen „mutigen Mann“, „Verfechter der Freiheit und der Demokratie“ und „Vorreiter der Wiedervereinigung unseres Kontinents“. „Helmut Kohl hat sicherlich einen Ehrenplatz im europäischen Pantheon verdient.“ Zugleich bezeichnete Tajani Kohls Verdienste um den europäischen Einigungsprozess als Auftrag an die heutigen Generationen: „Dieser Staffelstab, den er uns weiterreicht, muss Ansporn sein, weiterzumachen.“ 

          Der französische Präsident Emmanuel Macron würdigte Helmut Kohl als großen Freund Frankreichs. „Helmut Kohl reichte uns die Hand“, sagte Macron in seiner Trauerrede. Er erinnerte an die Annäherung beider Länder in den 1980er Jahren und die Nähe Kohls zum damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand.
          „Für meine Generation ist Helmut Kohl schon Teil der europäischen Geschichte“, sagte der 39-Jährige. Er bekräftigte in Straßburg auch noch einmal seinen Willen zur Zusammenarbeit mit Deutschland und mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Macron, der seine Rede auf Französisch hielt, sprach am Ende auch Deutsch: „Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus.“

          Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedjew erinnerte in seiner Trauerrede an die engen Beziehungen Helmut Kohls zu seinem Land. Für den verstorbenen Altkanzler sei Russland Bestandteil eines vereinten Europas gewesen, sagte Medwedjew in Straßburg, wo er als Privatperson sprach. „Für ihn war das ein Teil eines gemeinsamen Hauses, ohne Stacheldraht“, sagte Medwedjew. „Es war ein Traum von Frieden und Sicherheit für alle.“ Kohl sei eine „Person der Zukunft“ gewesen. „Er ist auch der Architekt der gegenwärtigen Welt“, so Medwedjew.

          Der mit einer Europaflagge bedeckte Sarg des früheren Bundeskanzlers war am Morgen aus Kohls Haus in Ludwigshafen-Oggersheim getragen und zu einem schwarzen Leichenwagen gebracht worden. Anschließend machte sich ein Fahrzeugkonvoi auf den Weg nach Straßburg.

          Premiere in der Geschichte der EU

          Nach dem europäischen Trauerakt in Straßburg, einer Premiere in der Geschichte der Europäischen Union, war der Sarg mit dem Leichnam Kohls am Nachmittag von einem Hubschrauber nach Ludwigshafen geflogen worden. Dort fuhr der Trauerkonvoi durch die Innenstadt, bevor der Sarg an Bord der „MS Mainz“ rund fünf Kilometer über den Rhein nach Speyer gebracht wurde. Dort kam er am frühen Samstagnachmittag an. Im Dom war für den frühen Abend ein Pontifikalrequiem geplant, bevor Kohl nach einem militärischen Ehrengeleit auf dem Friedhof neben der Friedenskirche St. Bernhard beigesetzt wird. Das Requiem wird vom Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann geleitet. 1500 geladene Gäste wurden erwartet.

          Ein Großaufgebot der Polizei mit mehr als 1000 Beamten sichert die Trauerfeierlichkeiten. Die Beisetzung dürfte zu den größten Beerdigungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte zählen, Tausende Menschen werden dazu alleine in Speyer erwartet.

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