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Abschaffung des Pflichtzölibats : Ehelos

Papst Benedikt XVI. glaubte schon vor vielen Jahren, dass die römisch-katholische Kirche auch verheiratete Männer zu Priestern weihen müsse Bild: AP

Der Priestermangel ist Ausdruck einer Krise des Glaubens - und nicht des Zölibatversprechens. Der Papst und das Bischofskollegium verschweigen die Krisenphänomene der priesterlichen Lebensform so beredt wie vor vierzig Jahren.

          Vor einem Jahr wurde er (wieder einmal) als Quelle sexueller Gewalt identifiziert, inzwischen ist er (wieder einmal) als Ursache des Priestermangels im Gerede: der Zölibat. Und wieder einmal scheint Befürwortern wie Gegnern der Verpflichtung der Priester der römisch-katholischen Kirche zur Ehelosigkeit kein Argument zu weit hergeholt, um es wahlweise zur Verteidigung oder zur Unterminierung des Status quo in Stellung zu bringen.

          So war aus dem Mund eines deutschen Kirchenhistorikers, den Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr mit der Kardinalswürde ausgezeichnet hat, die originelle Einschätzung zu hören, wer den Zölibat der Priester in Frage stelle, beleidige Jesus Christus, den Sohn Gottes, weil die Priester sich doch nur dessen Lebensform zu eigen machten. Sollte dieses Verdikt zutreffen, könnte man den größten Teil des Klerus der orthodoxen Christenheit, aber auch der meisten Geistlichen der mit Rom unierten Kirchen des byzantinischen Ritus an den Pranger stellen - ganz abgesehen von den römisch-katholischen Geistlichen, die einst in der anglikanischen oder auch einer evangelischen Kirche ordiniert wurden und als Verheirate zur katholischen Kirche konvertierten.

          Jammern auf hohem Niveau

          Ganz abgesehen aber auch von einigen Theologieprofessoren aus dem in katholischen Dingen notorisch renitenten Germanien, darunter dem Dogmatiker Joseph Ratzinger. Wie viele andere nachdenkliche Zeitgenossen glaubte auch der heutige Papst schon vor annähernd vierzig Jahren, dass die römisch-katholische Kirche nicht umhinkomme, auch verheiratete, in Beruf und Familie bewährte Männer („viri probati“) zu Priestern zu weihen. Die Begründung: Der Priestermangel lasse keine andere Wahl.

          Diese Argumentation regt eher zum Schmunzeln denn zum Schaudern an. Denn wie jeder Mangel, so ist auch die An- oder Abwesenheit von Priestern eher eine Frage des subjektiven Empfindens als der objektivierbaren Analyse. Zwar hatten nach dem II. Vatikanischen Konzil überall auf der Welt Priester zu tausenden ihr Amt aufgegeben, als Joseph Ratzinger gemeinsam mit Theologen wie Karl Rahner, Walter Kasper und Karl Lehmann im Winter 1970 an die deutschen Bischöfe appellierte, sich für eine ergebnisoffene Überprüfung der Zölibatspflicht einzusetzen. Die Zahl der Seminaristen ging damals drastisch zurück. Aber man konnte sich vorstellen, dass ein Pfarrer anstatt für eine Gemeinde für deren fünf oder sechs die Verantwortung tragen müsse.

          Was aus heutiger Sicht als Jammern auf hohem Niveau erscheint, hat aber einen Hintergrund, der ernster ist, als es Vergleiche zwischen jetzt und damals nahelegen. Denn so richtig es ist, dass heute in Deutschland rein rechnerisch auf jeden Priester sogar weniger Gläubige als vor vierzig Jahre kommen, die regelmäßig den Gottesdienst besuchen oder gar zur Beichte gehen, so richtig ist es auch, dass der Zusammenbruch herkömmlicher Formen der Seelsorge in den Pfarreien, aber auch in Institutionen wie der Bundeswehr oder den Schulen nicht mehr eine Frage von Jahrzehnten, sondern von Jahren ist.

          Spirituelles und personelles Vakuum

          Das hohe Durchschnittsalter des Diözesanklerus, die stetig sinkende Zahl von Männern, die sich zum Priestertum berufen fühlen und ein in der Geschichte des Christentums nie gekannter Rückgang des Ordenslebens sind jedoch nicht die einzigen Gründe für diese Entwicklung. Seit Jahren schon zeigen sich auch immer weniger Laien bereit, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen. Beide Tendenzen sind nicht auf die katholische Kirche beschränkt. Auch in der evangelischen Kirche ist „Pfarrermangel“ längst kein Fremdwort mehr. So betrachtet liegt es nahe, eher von einer Krise des Glaubens und nicht nur von einer Krise der Kirche zu sprechen.

          Und entgegen allem Anschein ist diese längst nicht auf das Abendland beschränkt. In den meisten Ländern Lateinamerikas hat die Zahl der Priester in fünfhundert Jahren nie das Niveau erreicht, das man bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts im alten Europa für gewissermaßen gottgegeben hielt. Das spirituelle und personelle Vakuum, das sich im Zuge der rapiden Verstädterung noch vergrößert hat, wird vielerorts von christlichen Gruppierungen anderen Typs gefüllt.

          Beredtes Verschweigen

          In Brasilien etwa verliert die Kirche Jahr für Jahr ein Prozent ihrer Mitglieder an pfingstkirchlich-evangelikale Gruppen, die oft volksnäher, aber auch unpolitischer sind als die katholischen Basisgemeinden. In Afrika wiederum ist das Zölibatsversprechen oft nicht das Papier wert, auf dem der Priesterkandidat sich gegenüber dem Bischof zur Ehelosigkeit verpflichtet. Frau und Kinder zu haben ist in den meisten afrikanischen Gesellschaften eine Voraussetzung für soziale Anerkennung. Priester und Bischöfe bilden keine Ausnahme.

          Diese Krisenphänome der priesterlichen Lebensform wie deren Ursachen und Folgen werden freilich vom Papst und vom Bischofskollegium ebenso beredt beschwiegen wie vor vierzig Jahren. Muss erst das Thema Homosexualität und Priestertum - nicht wieder einmal, sondern erstmals - in seiner ganzen Breite entfaltet werden, damit der vermeintlich fromme Schleier des Nichtwissens als fataler Selbstbetrug entlarvt wird?

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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