https://www.faz.net/-gpf-7pl0u

Abkehr vom Turbo-Abi : Das aufgemachte Fass

  • -Aktualisiert am

Die Frage nach G8 oder G9 bleibt weiterhin Hauptproblem an Hessens Gymnasien Bild: dpa

Die G8/G9-Problematik in Hessen ist weiterhin vertrackt. An diesem Donnerstag wollen die Koalitionspartner CDU und Grüne ein neues Schulgesetz verabschieden. Das Verfahren zurück zu G9 ist jedoch kompliziert.

          Vielleicht wird die G8/G9-Problematik in Hessen eines Tages in einer Reihe mit dem Gefangenendilemma oder dem Paradoxon des Epimenides genannt werden. Vertrackt ist die Lage schon jetzt. Das bestreiten nicht einmal die Koalitionspartner CDU und Grüne, die an diesem Donnerstag ihr „Gesetz zur Änderung des Schulgesetzes“ verabschieden werden. Damit wird die Möglichkeit für die laufenden fünften, sechsten und siebten Klassen an Gymnasien geschaffen, von einer fünfjährigen Organisation der Mittelstufe auf eine sechsjährige zu wechseln, vulgo: von G8 zu G9. So weit – aber auch so gut? Der Teufel steckt im Detail, und Details gibt es in dieser Sache viele.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es fängt mit dem „Vertrauensschutz“ an. Dieser ist verfassungsrechtlich garantiert und bedeutet: Alle Eltern, die ihre Kinder an einer bestimmten Schule für G8 angemeldet haben, dürfen sich darauf verlassen, dass ihre Kinder auch tatsächlich nach acht Jahren an dieser Schule ihr Abitur machen können. Wenn also in einer Jahrgangsstufe nur ein einziges Kind bei G8 bleiben will, muss die ganze Jahrgangsstufe bei G8 bleiben. Es sei denn: Mindestens 16 Schüler – das ist die Minimalgröße für eine Klasse – wollen bei G8 bleiben, dann können G8- und G9-Klassen nebeneinanderlaufen. Das wiederum führt zu dem Paradox, dass ausgerechnet an den Schulen, an denen die übergroße Mehrheit der betroffenen Eltern für einen Wechsel zu G9 ist, der Wechsel nicht zustande kommt, während er an Schulen, an denen weniger Eltern zu G9 wechseln wollen, möglich ist.

          Erst müssen die schulischen Gremien entscheiden ob ein Umstieg möglich ist

          Nach wie vor gibt es Streit darüber, wie der Willensbildungsprozess am besten zu organisieren sei. Schwarz-Grün hat sich darauf festgelegt, dass erst die schulischen Gremien darüber befinden müssen, ob ein Umstieg für die laufenden Jahrgänge organisatorisch überhaupt in Frage kommt, und dass erst dann, wenn das positiv beantwortet wurde, die Eltern befragt werden sollen. Viele Eltern, oder jedenfalls der engagierte bis aufgeregte Teil unter ihnen, hätten sich die Reihenfolge umgekehrt gewünscht. Der Grund: Ein Elternvotum etwa für G9 hätte die Schulgremien unter Druck gesetzt, doch möglich zu machen, was nicht möglich scheint. Schwarz-Grün kontert: Die Schulgremien wüssten auch ohne vorherige Befragung der Eltern, wie die Stimmung an ihren Schulen ist.

          Einschätzungen von Schulgremien liegen inzwischen vor: Etwa die Hälfte hält einen Umstieg laufender Jahrgänge auf G9 für möglich. An diesen Schulen wird es nun Elternbefragungen geben – und zwar, Stichwort Vertrauensschutz, anonym. Wobei „anonym“ relativ ist, sonst ergäbe der oben erwähnte Konter von Schwarz-Grün („Stimmung an den Schulen bekannt“) keinen Sinn. Wenn man dann noch bedenkt, dass zum Beispiel Fünftklässler nicht zu Verschwiegenheit oder taktischer Finesse neigen, dann ist klar: Jeder weiß mehr oder minder, wo der andere steht, zumal es an manchen Schulen auch schon „Vorabstimmungen“ gab, von den Eltern organisiert.

          Umstieg sehr komplex

          Die Folge: Fälle von Mobbing, mit dem Ziel, andere auf die eigene Seite zu ziehen. Die Frage, die sich da stellt: ob der, der mobbt, dafür die Politik verantwortlich machen kann. Die Opposition sagt „ja“, die Koalition „nein“. Eine andere Folge der anonymen Befragung könnte demnächst zu gewärtigen sein: taktisches Wahlverhalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Eltern, die eigentlich den Umstieg ihrer Königskinder auf G9 wollen, für G8 votieren, um so vermeintlich das Dilemma zu lösen, dass es mindestens 16 Schüler für eine G8-Klasse braucht. Die Regierung sagt jedoch: Das wäre ein Pyrrhussieg, denn entscheidend sei letztlich doch die (namentliche) Anmeldung.

          Der Komplexität aber noch nicht genug: Angenommen, ein G8-Kind bleibt sitzen und in der Jahrgangsstufe darunter gibt es nur noch G9-Klassen. Was passiert dann, wenn das Kind an der Schule bleiben will? Richtig: Es kommt in eine G9-Klasse und muss dann anstelle der ursprünglich angepeilten acht Jahre zehn Jahre absolvieren. Oder: Was passiert, wenn – was durchaus möglich ist – eine laufende fünfte Jahrgangsstufe bei G8 bleibt, die sechste aber zu G9 wechselt? Wieder richtig: Die eine wird die andere einholen.

          Allerlei Vorschläge von Eltern

          Nun haben insbesondere G9-Eltern allerlei Vorschläge gemacht, wie den Problemen zu begegnen sei. Man solle doch von der ominösen Zahl „16“ abrücken, lautet einer, mit der Begründung: Wenn einer sitzenbleibt, sind es ja auch weniger. Ein anderer: den Vertrauensschutz nicht auf eine Schule beschränken, sondern auf ein Gebiet ausdehnen. Wieder ein anderer: Binnendifferenzierung, also: G8er und G9er zusammen unterrichten. Oder: schulübergreifende Beschulung. Oder: Überspringen einer Klasse. Manche der Vorschläge kranken daran, dass sie der rechtlichen Lage nicht genügend oder gar nicht Rechnung tragen. Andere hält die Regierung pädagogisch für unangebracht. Alle verbindet jedoch, dass sie, würden sie aufgegriffen, alles noch viel komplizierter machten.

          In der CDU gibt es Stimmen, die sagen: Hätten wir das Fass doch nie aufgemacht! Und hätten wir doch die Wahlmöglichkeit auf die kommenden gymnasialen Jahrgänge beschränkt! Dann allerdings gäbe es wohl auch keine Koalition mit den Grünen – und das mag sich erst recht keiner mehr vorstellen.

          Weitere Themen

          Trump verschärft Angriffe auf Kongressfrauen Video-Seite öffnen

          „Sie müssen Amerika lieben“ : Trump verschärft Angriffe auf Kongressfrauen

          Die Kommentare des US-Präsidenten richten sich gegen eine Gruppe, die im Kongress informell als „The squad“ bekannt war: Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Rashida Tlaib. Omar hob Trump nun besonders hervor und behauptete, sie bevorzuge die extremistische Gruppe Al-Qaida gegenüber den Vereinigten Staaten.

          Topmeldungen

          Liveblog zu von-der-Leyen-Wahl : Showdown in Straßburg

          Ursula von der Leyen hält Bewerbungsrede vor EU-Parlament +++ Am Abend stellt sich CDU-Politikerin zur Wahl +++ Mindestens 374 von 747 Stimmen nötig +++ Verfolgen Sie alle Entwicklungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.