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Einigung über Abitur : In letzter Minute

  • -Aktualisiert am

Niedersachsen, Hannover: Ein Schild «Ruhezone Abitur» hängt während der Abiturprüfung in einer Gesamtschule (Archivbild). Bild: dpa

Überraschung: Die Kultusminister lassen Abschlussprüfungen doch überall zu. Aber die Ministerrunde hat ein sagenhaftes Talent, den Bildungsföderalismus nachhaltig zu schädigen.

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          In letzter Minute haben die Kultusminister den endgültigen Totalschaden des ohnehin schon reichlich zerbeulten Bildungsföderalismus noch einmal abgewendet. Sie haben sich am Mittwoch erstaunlicherweise darauf geeinigt, dass in allen Ländern Abschlussprüfungen für alle Schularten, also auch schriftliche, sowie mündliche Abiturprüfungen stattfinden sollen.

          Schleswig-Holstein musste von seinem überraschenden Alleingang, alle Prüfungen abzusagen, absehen und sich zur gemeinsamen Vereinbarung bekennen, dass künftig alle Entscheidungen über Abschlussprüfungen in enger Abstimmung mit der Kultusministerkonferenz getroffen werden.

          Alles andere wäre den rheinland-pfälzischen und hessischen Abiturienten gegenüber auch der reine Hohn gewesen. Sie schreiben ihre Prüfungen, und anderen sollen sie durch einen irgendwie gearteten Durchschnitt der bisher in der Oberstufe erbrachten Leistungen erspart bleiben?

          Dass der Vorschlag aus dem Norden kommt, ist nicht sonderlich erstaunlich, denn dort korrigieren die schriftlichen Prüfungen die Vorergebnisse meist nach unten, im Süden nutzen Abiturienten die Prüfung selbst gern dazu, ihre vorherigen Leistungen zu verbessern. Die Schüler sind von der gegenwärtigen Lage beeinträchtigt genug, sie dürfen nicht auch noch durch Länderegoismen benachteiligt werden.

          Der Ruf nach Zentralismus wird lauter

          Eine neue Lage entstünde nur dann, wenn die Pandemie sich in Deutschland so dramatisch entwickelte, dass Prüfungen im Mai die Gesundheit der Schüler und Lehrer gefährdeten. Mit dieser Ungewissheit müssen derzeit alle leben. Aber Schüler und Eltern können sicher sein, dass die Länder auch darauf vorbereitet sein werden.

          Warum die Kultusministerkonferenz immer erst dann zur Vernunft kommt, wenn sie zum wiederholten Male dabei ist, sich selbst zu zerlegen und dem Bildungsföderalismus den allergrößten nur denkbaren Schaden zuzufügen, bleibt ihr eigenes Geheimnis.

          Allzu oft wird sie ihre eigene Existenz nicht mehr durch chaotisches Agieren und Länderegoismen gefährden können. Der Ruf nach zentralen Lösungen wird immer lauter, bei weiteren Glaubwürdigkeitsverlusten wird er sich wohl irgendwann durchsetzen. Die Zentralisierung, von der so viele, auch die Liberalen, träumen, würde erkauft mit einem noch stärkeren Niveauverlust bei den Anforderungen, den niemand wollen kann.

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          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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