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Im Ländervergleich : Wie Abiturprüflinge ungleich behandelt werden

Abitur ist nicht gleich Abitur Bild: dpa

Macht ein gemeinsamer Aufgabenpool das Abitur gerechter? Von wegen. Geheime Studien der Kultusministerien zeigen: Auf die Notengewichtung kommt es an. Und da gibt es eklatante Unterschiede unter den Ländern.

          5 Min.

          Von Abiturnoten können Lebens- und Studienentscheidungen abhängen. Das erfahren Abiturienten schmerzlich, die seit Jahren auf einen Medizin-Studienplatz warten, weil ihnen drei Zehntel hinter dem Komma fehlen. Viele könnte die kalte Wut packen, wenn sie erfahren, dass ihr Notendurchschnitt in einem anderen Bundesland mit einem anderen Berechnungsmodell für die gymnasiale Oberstufe womöglich bis zu einer halben Note besser ausgefallen wäre.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Denn sie alle kennen die unterschiedlichen Bewertungs- und Berechnungsmodelle der Länder nicht, weil sie unter Verschluss gehalten werden. Und tatsächlich offenbaren die länderspezifischen Regelungen zur Oberstufe, die der Frankfurter Allgemeine Zeitung vorliegen, eine eklatante Ungleichbehandlung von Abiturprüflingen in den verschiedenen Bundesländern. Hat ein Schüler in Nordrhein-Westfalen 32 Mal die Note Eins, ansonsten aber nur Fünfen, kann er mit einem Schnitt von 1,0 abschneiden und Humanmedizin studieren. In Bayern brauchte er dafür schon 40 Mal die Note Eins.

          Wer sich die Anteile der Bestnoten bei Abituren im Ländervergleich anschaut, muss sich wundern. Wie kann es denn sein, dass der Anteil der Abiture mit Durchschnitten zwischen 1,0 und 1,9 in Thüringen bei 37,8 Prozent liegt und in Niedersachsen bei nur 15,6 Prozent? Sind die Schüler dort etwa dümmer? Das dürfte kaum der Fall sein.

          Gleiche Prüfungen führen in die Irre

          Die Unterschiede bei den Einserabituren sind nur der sichtbarste Teil eines Problems, das einen föderalen Wildwuchs in der gymnasialen Oberstufe offenbart. Die Durchschnitte der Abiturnoten sind nämlich das Ergebnis unterschiedlicher Belegungs- und Berechnungsmodelle von Leistungs- und Grundkursen in der Oberstufe, die von Land zu Land variieren.

          Wenn die Kultusminister angesichts dieses Zustands den sogenannten Aufgabenpool für die Abiturprüfung wie eine Monstranz für mehr Vergleichbarkeit vor sich hertragen, führen sie die Öffentlichkeit in die Irre. Bildungsforscher und Kultusminister wissen, warum sie einen echten Vergleich der Abiture, der einzubringenden Leistungen in der Oberstufe scheuen. Dann nämlich wäre nicht mehr zu übersehen, dass von Vergleichbarkeit keine Rede sein kann.

          Denn der Aufgabenpool sichert keine echte Vergleichbarkeit. Zum einen bleibt es den Ländern selbst überlassen, ob sie überhaupt Prüfungsaufgaben aus dem Pool entnehmen, zum anderen sind damit noch lange nicht vergleichbare Bewertungen und Benotungen gesichert.

          Bayern streng – Berlin großzügig

          In einem Land werden die Abiturklausuren nur vom eigenen Lehrer korrigiert, im anderen werden sie darüber hinaus an einen externen Zweitkorrektor vergeben. Die beiden Korrektoren können zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. Hinzu kommt, dass die Prüfung selbst nur einen bestimmten Anteil an der Gesamtnote ausmacht.

          Ein Land erlaubt es den Schülern, schwache Ergebnisse einzelner Kurse zu streichen, andere verbieten es ganz oder erlauben nur wenige Streichungen. Während Brandenburg, Sachsen, Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg die Schüler zwingen, auch schwächere Noten in die Gesamtqualifikation einzubringen, agieren Berlin, Bremen, Hessen und Hamburg weit großzügiger.

          In Sachsen-Anhalt können die Schüler zum Teil selbst entscheiden, nach welcher Methode ihr Abiturschnitt berechnet wird. Für einen schwachen Schüler kann das bedeuten, dass er in einem Land zur Prüfung zugelassen und Chancen auf einen guten Abiturdurchschnitt hat, in einem andern gar nicht erst die Abiturklausuren mitschreiben darf und die Schule vorzeitig verlassen muss.

          Durch das Begriffsdickicht zum Abitur

          Auch so erklären sich die unterschiedlichen Abiturquoten bei einem Altersjahrgang. Waren es in Sachsen-Anhalt im Jahr 2013 nur 29,9 Prozent, lagen sie in Thüringen bei 39,1 Prozent, in Baden-Württemberg bei 42,0 Prozent und in Brandenburg bei 46,8 Prozent. Bis zum Jahr 2007 haben die Länder die Abiturnote nach einem einheitlichen Modell berechnet, danach begann das Länderwirrwarr.

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