https://www.faz.net/-gpf-7v8vk

Abgeschobener Salafist : Radikal zumindest in Worten und Posen

  • -Aktualisiert am

Junge Sympathisanten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aus Kempten im Allgäu Bild: Privat

Bayern schiebt einen jungen Salafisten in die Türkei ab. Er hatte angekündigt, notfalls seine Familie töten zu wollen. Doch wie gefährlich er wirklich ist, bleibt unklar.

          Über den Salafisten Erhan A., der am Freitag in die Türkei abgeschoben wurde, kursieren unterschiedliche Darstellungen. In bayerischen Sicherheitskreisen wird dem 22 Jahre alten Mann ein hohe Gefährlichkeit bescheinigt. Erhan A., der sich im Internet Abdul Aziz At-Turki nennt, habe versucht, junge Menschen für den Dschihad und die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu begeistern. Nur durch eine Abschiebung hätten die deutsche Sicherheitsinteressen gewahrt werden können. Andere halten Erhan A. für einen Mann, dessen Radikalität sich in Worten und Posen erschöpft.

          Einer größeren Öffentlichkeit wurde Erhan A. Anfang dieses Monats durch ein Interview bekannt, in dem er sagte, er würde auch seine Familie töten, wenn sie sich gegen den IS stelle. „Wir kämpfen so lange, bis der ganze Planet islamisch ist“, sagte er weiter. Nach dem Interview wurde er in Abschiebehaft genommen. In Sicherheitskreisen heißt es, er sei aber schon zuvor im Fokus der Ermittler gestanden, insbesondere wegen seiner Kontakte zu militanten Salafisten, darunter einem deutschen Konvertiten, der sich dem IS angeschlossen hatte und in Syrien getötet wurde.

          Erhan A. ist in der Türkei geboren worden. Im Alter von zwei Jahren kam er mit seinen Eltern ins Allgäu und wuchs in Kempten auf. Nach dem Abitur begann er mit einem Studium der Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Kempten. Es gibt nur vereinzelte Hinweise, wie es dazu kam, dass aus einem jungen Mann, der nach seiner Biographie gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben in Deutschland hatte, ein radikaler Salafist wurde. Er sprach davon, dass er keinen „Euro-Fake-Islam“ wie seine Eltern leben wollte und „konvertiert“ sei. In den Moscheegemeinden in Kempten seien er und seine Freunde danach nicht erwünscht gewesen.

          Auf seiner Facebook-Seite verkürzte er seine Biographie drastisch. Es wurde nur noch sein Geburtsort Kayseri in der Türkei angegeben; als Ausbildung wurden Internetseiten über den Islam angegeben, als Arbeit „Diener“ Allahs. Seine Facebook-Einträge waren wenig konsistent; Zitate aus dem Koran wechselte mit Katzenbilder. Unter einem Bild eines Tiers, das auf der Straße überfahren wurde, stand, Geisterfahrer seien schlimmer als der „Islamische Staat.“ Einerseits posierte er als Kämpfer für den Islam mit einem schwarzen Kapuzenpullover, auf dem das islamische Glaubensbekenntnisse gedruckt ist. Andererseits schilderte er sich als „harmloser schmächtiger junge der niemanden was antun kann, daher voll lächerlich das man mich als gefährlich einstuft.“ Auf Youtube wiederum beschimpft er in einem Video minutenlang Yeziden, weil diese den Teufel anbeteten: „Ich hasse Euch.“

          Erhan A. versuchte nach eigenen Angaben vergeblich, über die Türkei nach Syrien zu gelangen. Danach musste er in Deutschland seinen Pass abgeben und sich regelmäßig bei der Polizei melden, um einen weiteren Ausreiseversuch zu verhindern. Mit der Abschiebung, die auf präventive Ausweisungstatbestände des Aufenthaltsgesetzes gestützt wurde, änderten die bayerischen Sicherheitsbehörden diese Linie. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sieht jetzt die Türkei in der Verantwortung; er vertraue darauf, dass in der Türkei alles dafür getan werde, „die Teilnahme ihres türkischen Staatsbürgers am Kampf der IS zu verhindern.“

          Weitere Themen

          Unruhen nach Festnahmen von Nationalgardisten Video-Seite öffnen

          Venezuela : Unruhen nach Festnahmen von Nationalgardisten

          In Caracas kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, nachdem Mitglieder der Nationalgarde Waffen gestohlen und eine Meuterei versucht hätten, so Angaben der Regierung. Seit Monaten kommt es zu Protesten gegen die Regierung.

          Kann es nun jeden treffen?

          China-Fachleute in Aufruhr : Kann es nun jeden treffen?

          Für die Unterzeichner des offenen Briefs an Chinas Staatspräsident geht es um noch mehr als die beiden inhaftierten Kanadier in Haft. Sie wollen verhindern, dass aus Schweigen Akzeptanz entsteht. Ein Gastbeitrag.

          Alte Freundschaft neu besiegelt Video-Seite öffnen

          Elysée 2.0 - Aachener Vertrag : Alte Freundschaft neu besiegelt

          Kanzlerin Merkel und Präsident Macron haben den „Aachener Vertrag“ unterschrieben, der eine Ergänzung des Elysée-Vertrags von 1963 darstellt. Der Vertrag soll die Absicht besiegeln, in gleich mehreren Politikfeldern zusammenzuarbeiten.

          Topmeldungen

          Brexit : Übernimmt das Unterhaus die Kontrolle?

          Am kommenden Dienstag stimmen die Abgeordneten des britischen Unterhauses über das weitere Vorgehen in Richtung Brexit ab. Die Änderungsanträge zur „neutralen Vorlage“ der Regierung haben es in sich.
          Strikte Sicherheitsvorkehrungen am Dienstag im Landgericht Essen

          Prozess in Essen : Die angeblich verlorene Ehre der Familie M.

          In Essen müssen sich mehrere Syrer vor Gericht verantworten, die versucht haben sollen, einen Landsmann zu skalpieren und zu töten. Das Opfer hatte ein Liebesverhältnis mit einer zu der Großfamilie gehörenden jungen Frau.
          Google-Zentraleuropachef Philipp Justus (l) mit dem Google-Vorstandsvorsitzenden Sundar Pichai und einer Pressesprecherin am Dienstag in Berlin

          FAZ Plus Artikel: Google und Berlin : Die Hassliebe geht weiter

          Google hat ein neues Büro in Berlin. Den Bürgermeister freut’s. Die Berliner – geht so. Die Kritik an dem Technikkonzern bleibt. Und mit ihr die Frage: Wie viel Wirtschaft will die Hauptstadt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.