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Gedenkzeremonie für Flutopfer : „Wir vergessen Sie nicht!“

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkzeremonie für die Opfer der Hochwasserkatastrophe im Aachener Dom am Samstag Bild: dpa

Bei der Gedenkzeremonie für die Flutopfer im Aachener Dom schlägt Bundespräsident Steinmeier einen Bogen von der Pandemie bis zum Klimawandel: Zwei Katastrophen in so kurzer Zeit, das habe manche Gewissheit brüchig werden lassen.

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          Wie elementar die Erschütterung auch eineinhalb Monate nach der verheerenden Hochwasserkatastrophe noch ist, macht eine Frau aus dem Ahrtal am Samstagvormittag im Aachener Dom mit einem so knappen wie bewegenden Bericht deutlich. „Tage nach der Flut: Matsch auf der Straße, es hatte geregnet, meine Füße rutschen weg. Da ist sie wieder, die Angst vor dem Versinken in den Fluten“, sagt die Frau im ökumenischen Gottesdienst zu Beginn der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Juli-Flut.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Hinzu komme die Angst so vieler Betroffener vor dem Vergessenwerden. Denn gut ist noch lange nichts. „Knapp sieben Wochen nach der Flut gibt es immer noch Berge von Müll, verschmutzte Straßen, Gestank, kein frisches Leitungswasser, eine unzureichende Gas- und Energieversorgung. Der Herbst, der Winter, die Kälte – sie werden kommen.“ Man könne Milliarden berechnen, die nötig sind, die materiellen Schäden zu beheben. „Aber was braucht es, die emotionalen Ängste und Verluste tragen zu können?“

          Aachen als zentrale Stadt in Europa

          Zu der Gedenkveranstaltung eingeladen hatten die katholische Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen. Die zentral in Europa gelegene Stadt Aachen wählten sie als Ort, um daran zu erinnern, dass die Nachbarländer Belgien, Luxemburg und Holland ebenfalls von der Katastrophe betroffen sind. Nach langanhaltendem Starkregen waren Mitte Juli weite Landstriche überflutet worden, Häuser, Straßen und Gleise wurden weggerissen. Mehr als 180 Menschen kamen allein in Deutschland ums Leben.

          Besonders schlimm traf es das Ahrtal in Rheinland-Pfalz und den südwestlichen Teil von Nordrhein-Westfalen. Neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Bundeskanzlerin Angela Merkel sind auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer in den Hohen Dom zu Aachen gekommen.

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          Es brauche Zeit, bis Verlust und Verletzungen verarbeitet werden könnten, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, in seiner Predigt. Das Ausmaß der Zerstörung verschlage einem die Sprache. Doch schon jetzt sei „ein Schimmer der Hoffnung sichtbar“, da so viele Retter und freiwillige Helfer seit Wochen im Einsatz sind. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, geht auch auf die Ursachen des Hochwassers ein. „Die Folgen des menschengemachten Klimawandels sind bei uns angekommen. Das haben wir verstanden.“ Er hoffe, dass die Menschen in zwanzig Jahren sagen könnten, die Dramatik der Ereignisse habe zum Nachdenken und zu einem Neuanfang geführt.

          Nach dem Gottesdienst spricht der Bundespräsident im Aachener Dom. Über die Menschen in den Katastrophengebieten sei ein Unheil gekommen, das sich niemand habe vorstellen können. „Wir, die Menschen überall in Deutschland, fühlen mit Ihnen. Sie sind nicht allein“, versichert Steinmeier. Wie groß die Verzweiflung ist, lasse sich nur erahnen. „Und doch haben Sie nicht aufgegeben. Sie haben weitergemacht, sich gegenseitig geholfen, erst einmal die schlimmsten Verwüstungen beseitigt. Sie haben angepackt, trotz Ihrer Verzweiflung.“

          Davor habe er großen Respekt, sagt der Bundespräsident. Zutiefst dankbar sei er auch für die große, die überwältigende Hilfsbereitschaft, der Retter, Einsatzkräfte, Freiwilligen und auch der Spender. „Ich weiß: In der Stunde der Not sind wir ein starkes, solidarisches Land. Wir helfen einander, wir stehen zusammen.“

          „Wiederaufbau wird vielerorts Jahre dauern“

          Bund und Länder hätten einen Hilfsfonds in nie dagewesener Milliardenhöhe beschlossen. Doch nicht alles werde mit Geld zu heilen sein. Die Menschen in den Katastrophengebieten seien nicht nur jetzt auf Hilfe und Aufmerksamkeit angewiesen. „Sie brauchen sie auch dann noch, wenn die Fernsehkameras abgebaut sind und längst andere Nachrichten die Schlagzeilen beherrschen. Und das nicht nur, weil der Wiederaufbau vielerorts Jahre dauern wird“, sagt Steinmeier.

          Auf die Frage, was getan werden muss, um so etwas in Zukunft zu verhindern gebe es keine einfache Antwort. Doch gebe es keinen Zweifel, dass die Folgen des Klimawandels auch Europa erreicht haben. „Wir müssen den Klimawandel mit aller Entschlossenheit bekämpfen! Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren!“, fordert der Bundespräsident in seiner Ansprache. Auch Deutschland müsse sich darauf einstellen, in Zukunft häufiger und heftiger von extremen Wetterlagen getroffen zu werden und deshalb viel umfassender Vorsorge treffen.

          Schmerzhaft sei die Einsicht, dass man sich in Deutschland vielleicht zu sehr in Sicherheit gewiegt habe. „Zwei Katastrophen in so kurzer Zeit, das hat manche Gewissheit brüchig werden lassen. Viele spüren: einfach zurück zur Tagesordnung, einfach so schnell wie möglich zurück in die alte Spur, das kann nicht die Antwort sein.“ Die Politik müsse Lehren ziehen aus dieser doppelten Katastrophenerfahrung und die Gesellschaft besser vorbereiten für künftige Krisen.

          „Das sind wir nicht nur den Opfern des Hochwassers schuldig“, sagt der Bundespräsident, um im Aachener Dom sodann eine Pflicht zur andauernden Solidarität, eine Pflicht zum Nicht-Vergessen zu formulieren. „Das, was ihnen geschehen ist, geht uns alle an. Es betrifft uns alle.“ Den Betroffenen der Juli-Flut ruft Steinmeier zu: „Wir wissen, dass Sie uns brauchen, für lange Zeit. Wir stehen an Ihrer Seite.“ Und abermals versichert der Bundespräsident: „Wir vergessen Sie nicht!“

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