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80. Jahrestag : Die Wannsee-Konferenz zeigt, wozu Menschen fähig sind

  • -Aktualisiert am

20.Januar1942: Planungsprotokoll eines Menschheitsverbrechens Bild: dpa

Während die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen voranschreitet, wird der Antisemitismus in der Bevölkerung stärker. Deshalb brauchen wir Gedenktage und Holocaust Education an den Schulen. Ein Gastbeitrag von Josef Schuster.

          3 Min.

          Am 20. Januar 1942 fanden sich 15 leitende Beamte der NS-Administration in einer herrschaftlichen Villa am Wannsee zu einer „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ ein. Wer heute flüchtig die Dokumente und das Protokoll der Sitzung liest, könnte angesichts der Sprache und Terminologie meinen, es ginge um Waren, deren Vertrieb optimiert werden müsse im damaligen Deutschen Reich samt der besetzten Länder und Gebiete.

          Doch es ging um Menschen. Es ging um Millionen jüdischer Frauen, Männer und Kinder, die nach der nationalsozialistischen Ideologie nicht als vollwertige Menschen betrachtet wurden und denen das Lebensrecht abgesprochen wurde.

          Ihre Verfolgung war 1942 bereits in vollem Gange. Jetzt sollten die verbleibenden rechtlichen und administrativen Schritte zur „Endlösung der Judenfrage“ geklärt werden. Es ging um die optimale Vorbereitung und Durchführung des Völkermordes an den europäischen Juden – um ein „bürokratisch organisiertes Staatsverbrechen“, wie es die Historiker Norbert Kampe und Peter Klein bezeichnet haben. Ziel war die Ermordung von elf Millionen Juden in rund 30 Ländern. Das Auswärtige Amt reichte am Tag vor der Sitzung „Wünsche und Ideen“ zu dem geplanten Völkermord ein.

          Es ist davon auszugehen, dass die Teilnehmer am Ende der Besprechung recht zufrieden waren, weil alle Bereiche – wie ist der Verwaltungsaufwand bei den Deportationen möglichst gering zu halten? Wie sichern wir die notwendigen Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft? – berücksichtigt wurden. Vermutlich hätte es die Beamten des Nazi-Regimes gekränkt, wenn damals jemand ihre Arbeit als „Vogelschiss“ bezeichnet hätte. Das geschah erst Jahrzehnte später durch Alexander Gauland von der AfD.

          Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
          Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. : Bild: Getty Images

          Es ist bezeichnend, dass heutzutage ein Politiker einer im Bundestag vertretenen Partei darauf abzielt, mit einer solchen völlig unangemessenen und inakzeptablen Verharmlosung der NS-Zeit und ihrer Verbrechen Beifall seiner Anhänger zu bekommen.

          Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand zum Nationalsozialismus scheint ein Unwille in der Gesellschaft einherzugehen, sich weiterhin mit diesem Teil der deutschen Geschichte zu befassen. Umfragen zeigen, wie gering die Kenntnisse vieler Schüler über die Schoa sind. Der Vorwurf, wir Juden selbst wollten mit dem Gedenken Schuldgefühle weiter schüren, um daraus Vorteile zu ziehen, lässt sich aus vielen Zuschriften an den Zentralrat der Juden und Kommentaren in den sozialen Medien herauslesen.

          Während die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen dank inzwischen zugänglicher Archive stetig vorangeschritten ist, verzeichnen wir in der Bevölkerung eher Rückschritte. Den sogenannten sekundären Antisemitismus, bei dem Juden vorgeworfen wird, ihren Opferstatus zu missbrauchen, hatten wir – so mein Eindruck – schon einmal stärker zurückgedrängt.

          Wissen war nie wertvoller

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          Warum ist es wichtig, an historische Ereignisse wie die Wannsee-Konferenz zu erinnern? Gewiss nicht, weil die jüdische Gemeinschaft daraus Vorteile ziehen will. Wir genießen eher das Privileg, um es zynisch auszudrücken, immer noch so stark angefeindet zu werden, dass jüdische Einrichtungen bewacht werden müssen.

          Ebenso wenig besteht bei uns der Wunsch, andere Opfer in der Geschichte beiseite zu drängen. Die jüngste Entwicklung in Forschung und Kultur, die Verbrechen der Kolonialzeit stärker in den Blick zu nehmen, ist zu begrüßen. Dass einige Wissenschaftler daraus eine Konkurrenz der Opfergruppen generieren, ist hingegen nicht angemessen und gefährlich. Sie spielen damit – sicherlich ungewollt – jenen Menschen in die Hände, die dem sekundären Antisemitismus wieder Aufwind verleihen.

          Das Wissen über die Schoa an die nächsten Generationen weiterzugeben und damit auch der Toten zu gedenken ist für Juden ein religiöses Gebot. Für unsere Gesellschaft, für Deutschland, ist es die denkbar größtmögliche Motivation, um für die Demokratie und die Wahrung der Menschenwürde einzutreten.

          Die Wannsee-Konferenz zeigt exem­plarisch, wozu Menschen fähig sind: mit kalter Präzision den Tod von Millionen von Menschen systematisch herbeizuführen. „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“, sagte der Auschwitz-Überlebende Primo Levi. Dagegen müssen wir und die nachfolgenden Generationen gewappnet sein.

          Deshalb brauchen wir Gedenktage wie den 27. Januar und den 9. November, an denen die Erinnerung an die Schoa im Mittelpunkt steht. Deshalb brauchen wir mehr Holocaust Education in den Schulen. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat einmal gesagt: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“ Das muss unser gesellschaftlicher Konsens sein. Und muss es bleiben.

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