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80 Jahre Reichspogromnacht : Vor aller Augen

Berlin, Potsdamer Straße, November 2018: Erinnerung an das Verbrechen Bild: AP Photo/Markus Schreiber

Am 9. November jähren sich die Pogrome von 1938 zum 80. Mal. Für viele jüdische Deutsche wurde in diesen Tagen klar, dass es um ihr Leben geht.

          Mit dem zeitlichen Abstand zu einem schrecklichen Ereignis schwindet oft das Entsetzen über das Geschehene. So etwas kann in eine unangemessene Verharmlosung von Verbrechen münden. Vielleicht auch aus diesem Grund hat das, was vor 80 Jahren in Deutschland geschah, in vielen Veröffentlichungen vor einigen Jahren einen neuen Namen erhalten.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          War bis dahin der zeitgenössische, aber ausdrücklich nicht von den Tätern, den Nationalsozialisten, geprägte Begriff „Reichskristallnacht“ in Gebrauch, so sollte die gut organisierte Plünderungs- und Tötungsaktion gegen Juden nun „(Reichs)Pogromnacht“ heißen. Dass es sich um Pogrome handelte, ist dabei unstrittig.

          Ebenso unstrittig ist, dass die Ermordung eines deutschen Diplomaten in Paris durch einen jüdischen Emigranten aus Polen der nationalsozialistischen Führung den willkommenen Vorwand dafür lieferte, durch angeblich „spontanen Volkszorn“ die Juden noch weiter aus dem öffentlichen Leben in Deutschland zu vertreiben.

          9. November 1938

          Ausschreitungen auf Anweisung lokaler NSDAP-Gliederungen hatte es schon vor dem 9. November zum Beispiel in Hessen gegeben. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch unter dem Datum 9. November, er wünsche sich, dass man den „Volkszorn“ jetzt richtig werde loslassen können. Am Nachmittag dieses Tages wurde bekannt, dass der deutsche Diplomat seinen Verletzungen erlegen war. Die nationalsozialistische Führung war an diesem Tag in München, um des niedergeschlagenen Hitler-Putsches von 1923 zu gedenken.

          Im Laufe des Abends besprachen Goebbels und Hitler die zu ergreifenden Maßnahmen. Das Ergebnis hielt Goebbels wiederum in seinem Tagebuch fest: „Er bestimmt. Demonstrationen weiterlaufen lassen, Polizei zurückziehen.“ Eine schriftliche Quelle, etwa in Form einer formalen Anordnung Hitlers, gibt es nicht. Dieses Muster zieht sich freilich durch die ganze Zeit des NS-Regimes und führt bis heute dazu, dass Hitler-Apologeten den „Führer“ von der Verantwortung für viele Schandtaten freizusprechen versuchen. Dass dies, zurückhaltend formuliert, unplausibel ist, liegt zwar auf der Hand, ist aber manchen nicht zu vermitteln.

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          Selbst wenn Hitler angeblich viele Dinge nicht gewusst hätte, heißt das nicht, dass er sie nicht gewollt hätte. Schließlich strebte jeder NS-Funktionär danach, wie Hitler-Biograph Ian Kershaw dargelegt hat, „dem Führer entgegenzuarbeiten“. Das heißt nicht, dass die Männer gegen Hitler arbeiteten, sondern ist vielmehr eine Umschreibung für vorauseilenden Gehorsam.

          Nach der Besprechung mit Hitler gab Goebbels dessen Anweisung an führende Funktionäre weiter, von denen die meisten zur Gedenkveranstaltung gekommen waren, also unmittelbar greifbar waren. Diese gaben die Befehle dann an ihre Untergliederungen in ganz Deutschland weiter. Es sollte darauf geachtet werden, dass einerseits die Partei zwar alles kontrollierte, dass sie nach außen aber nicht als Organisatorin der Pogrome auftrat.

          Reinhard Heydrich, der spätere Organisator der „Endlösung der Judenfrage“, zog 48Stunden später in einem von ihm selbst als vorläufig gekennzeichneten Bericht eine erste Bilanz. Der SS-Mann sprach darin von 36 Toten, 191 angezündeten Synagogen, 76 weiteren völlig zerstörten jüdischen Gotteshäusern sowie 815 zerstörten Geschäften.

          Darüber hinaus seien 171 Wohnhäuser angezündet oder „auf andere Weise unbewohnbar“ gemacht worden. Die genaue Zahl der Opfer sowie der materiellen Schäden ist bis heute nicht geklärt. Israelische Forscher gehen von 1300 bis 1500 Toten unmittelbar bei den Übergriffen oder in den Tagen danach aus. Mehr als 1400 Synagogen und Gebetsräume seien den Tätern zum Opfer gefallen.

          Ein Ende aus Angst vor dem Kontrollverlust

          Hitler-Getreue behaupteten später, dieser sei über die Pogrome „wütend“ gewesen. Goebbels hingegen, der nicht dazu neigte, sein zerstörerisches Licht unter den Scheffel zu stellen, berichtete, er habe Hitler am 10. November Vollzug gemeldet. Dieser sei mit allem einverstanden gewesen und habe das Ende der Aktion genehmigt. „Deutsches Eigentum“ sei nicht beschädigt worden, hob Goebbels hervor. Von Hitler stammte demnach auch die Idee, die Versicherungsansprüche der geschädigten Juden zugunsten des Reiches zu beschlagnahmen.

          Das Ende der Aktionen wurde nicht zuletzt deshalb angeordnet, weil die NS-Führung befürchtete, die Zerstörungswut könne tatsächlich auf das Volk übergreifen. Dann drohe womöglich ein Kontrollverlust. Auch dieses Detail zeigt, dass bis dahin fast ausschließlich gehorsame NS-Funktionsträger über ihre jüdischen Mitbürger hergefallen waren. Viele nichtjüdische Deutsche hatten gesehen, was ihren Nachbarn passierte.

          Neben den Morden und Zerstörungen bedeutete der 9. November 1938 für mehr als 30.000 Juden die Inhaftierung in Konzentrationslagern. Als Folge der Behandlung dort starben viele. Allgemein beschleunigte sich nach den Pogromen das, was beschönigend „Arisierung“ von Geschäften und Unternehmen heißt, in Wirklichkeit aber eine Enteignung der Besitzer war. Jüdische Kinder durften nun staatliche Schulen nicht mehr besuchen. Propagandaminister Goebbels freute sich ausweislich seiner Aufzeichnungen, dass die „radikale Meinung“ innerhalb der Führung gesiegt habe.

          Hinter der ganzen Aktion stand für die Nationalsozialisten das Ziel, die Vertreibung der Juden aus Deutschland zu forcieren – mit sehr erwünschten wirtschaftlichen Folgen sowohl für die Vertriebenen als auch für die Profiteure der Enteignungen.

          Viele jüdische Deutsche, die bis dahin noch gehofft haben mögen, im Endeffekt werde die nationalsozialistische Herrschaft für sie doch nicht zur unmittelbaren Bedrohung für Leib und Leben werden, sahen sich eines Schlimmeren belehrt. Die Flucht aus dem Machtbereich der Täter war freilich oft sehr schwer. Und selbst viele derjenigen, denen die Ausreise noch gelang, sahen sich wenige Jahre später in den Nachbarländern von den Schergen Hitlers eingeholt, die im Gefolge der Wehrmacht einfielen und erbarmungslos die „Endlösung“ betrieben.

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