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70. Todestag Franz Jägerstätters : Unser Vater im Himmel

Franz Jägerstätter: Er glaubte fest daran, dass es eine Hölle gibt, und dass es ein Paradies gibt. Bild: Erna Putz / Diözese Linz

Als die Töchter groß wurden, hieß es, ihr Vater sei verrückt gewesen. Vor 70 Jahren wurde Franz Jägerstätter von den Nazis ermordet. Die Geschichte eines Auferstandenen.

          Endlich kam wieder Post vom Vater. Die drei Töchter saßen am Holztisch der Bauernstube, an den Wänden hingen mit Liebesversen bestickte Leinentücher, draußen trugen die Wiesen ihr Sommerkleid. Mutter öffnete das Kuvert, und sie las: Vater ist tot. Das Urteil in Brandenburg vollstreckt, die bürgerlichen Ehrenrechte entzogen. Alle brachen in Tränen aus, erst Franziska Jägerstätter, dann Rosa, Maria und Loisi, wobei die Töchter nicht verstanden, was „tot“ hieß und „bürgerliche Ehrenrechte“. Aber im Dorf wusste jeder: Franz Jägerstätter war gestorben, weil er nicht für die Nazis kämpfen wollte.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Es kam die Heuernte, Schnee fiel, der nächste Frühling, und es hieß immer noch, die größte Gefahr sei der Engländer, der alle Ernte verbrennen werde, und die Bolschewisten im Osten. Die junge Witwe Franziska Jägerstätter richtete nun selbst Zugtiere ab, schleppte Milchkannen, Mistgabeln und Schweineteile.

          Der Krieg war vorbei, die Töchter wurden groß. Nazis gab es jetzt nicht mehr, vom Engländer und den Bolschewisten war kaum noch die Rede. Andere Bauern waren wieder zurück bei ihren Familien, auch wenn manche ein Bein verloren hatten oder ihr Lächeln.

          Rosa und Maria, Jahrgang 1937 und 38, gingen schon in die Schule; auf den Fotos sind sie pausbäckige, fröhliche Mädchen. Ihre Mutter trauerte. Manche in St. Radegund hatten aber wenig Mitleid. Einige grüßten nicht, andere tuschelten in der Kirche, es gab da etwas, das war anstößig. Auf dem Hof arbeiteten Verwandte mit, aber Nachbarn weigerten sich, der Familie zu helfen. Manchmal hörten die Töchter: Ihr armen Mädchen, euer Vater hat euch allein gelassen, weil er an sich dachte statt Verantwortung zu übernehmen. Die Leute nannten ihn einen Sonderling, Eigenbrötler, einen Verrückten oder gar Verbrecher. Die Töchter litten und lernten schweigen.

          In einem seiner letzten Briefe aus der Todeszelle hatte ihr Vater an sie geschrieben: „Gott der Herr er möge uns allen in der letzten Stunde zu Hilfe kommen. Sorget auch nicht so ängstlich ums Irdische, der Herr weiß ja auch da, was wir brauchen so lange wir als Pilger auf dieser Welt sind.“ Doch das sollten die Töchter erst Jahrzehnte später lesen.

          Die Töchter verstanden nicht, was „tot“ hieß und „bürgerliche Ehrenrechte“. Aber im Dorf wusste jeder: Franz Jägerstätter war gestorben, weil er nicht für die Nazis kämpfen wollte.

          Das Irdische, damals: In der Schule zum Beispiel war die Lehrerin ziemlich böse zu Jägerstätters ältester Tochter Rosa. Die wurde besonders streng behandelt und schlecht benotet. Der Groll der Lehrerin blieb ihr Leben lang, und selbst Rosas erster Sohn bekam von der alten Lehrerin noch auffallend schlechte Noten, so dass er nicht aufs Gymnasium gehen konnte. Am Krippenspiel durfte keines von Rosas sieben Kindern teilnehmen.

          Als die Lehrerin in Pension ging, wurde es besser. Die Nachfolgerin war nicht mehr so. Rosas zweiter Sohn – er heißt Franz nach dem Großvater – bekam gute Noten und ging später aufs Gymnasium. Die Familie Jägerstätter wurde resozialisiert. Die Schande schien zu verblassen. Die Generation der Väter und Mütter aber vergaß auch da nicht, in den späten sechziger Jahren. Viele gaben Franziska Jägerstätter die Schuld am Tod ihres Mannes. Sie habe ihn mit ihrer Religion hineingetrieben.

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