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5G-Mobilfunkstandard : Todesschalter im Netz?

Könnten chinesische Konzerne wie Huawei uns in Zukunft das 5G-Netz einfach abdrehen? (Symbolfoto) Bild: AP

Der neue Mobilfunkstandard soll die Welt bequemer machen und deutlich mehr vernetzen. Dabei birgt die Welt des 5G-Netzes neue Gefahren, die Hersteller und Konsumenten verunsichern.

          6 Min.

          Wenn Digitalenthusiasten über die Zukunft sprechen, entwerfen sie manchmal Bilder der Harmonie. Der kommende superschnelle Mobilfunkstandard 5G schafft dann die Grundlage für eine vollkommen vernetzte Welt: Im Internet der Dinge steht alles mit allem in Verbindung, die Rolltreppe mit dem Getränkeautomaten, die Mülltonne mit dem Müllwagen. Das bietet Möglichkeiten, die man bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kannte. Angenommen, auf einer Bahnstrecke geschieht morgens ein Unfall. Züge kommen zu spät oder fallen aus. Die Deutsche Bahn sendet dann ein elektronisches Signal an die Wecker aller Pendler, bei denen klingelt es automatisch eine Stunde später. Sie stehen ausgeruht auf, und der Kaffee dampft schon auf der Küchenanrichte. Wenn sie schließlich in die S-Bahn einsteigen, ist die Strecke längst wieder frei.

          Gefahren des „Kill Switch“

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dagegen reden amerikanische Regierungsbeamte vor allem von Katastrophen, die sich ereignen könnten, wenn die schnellen Netze von morgen in falsche Hände geraten. Dann ist zum Beispiel vom „Kill Switch“ die Rede, vom Todesschalter. Erst am Mittwoch hat Robert Strayer, ein hoher Beamter des Außenministeriums in Washington, in einer Telefonkonferenz mit Journalisten von der Fähigkeit zum Abschalten gesprochen. Was aber weiß man darüber?

          Die Amerikaner malen einen Albtraum aus: Wenn eines Tages immer mehr Fabrikroboter über das superschnelle 5G-Netz gesteuert werden und miteinander kommunizieren, wenn Nierenoperationen in Bayern von Chirurgen in Kalifornien ausgeführt werden, dann können die Chinesen alles stilllegen. Ihre Konzerne, allen voran der Elektronikriese Huawei, müssten dafür nur jene Bauteile aus der Ferne manipulieren, die im digitalen Nervensystem der künftigen Welt sitzen. So könnten sie in den kritischen Infrastrukturen von morgen Deutschland, Frankreich oder Japan den Stecker ziehen.

          Martin Schallbruch, Informatiker an der Berliner Privatuniversität ESMT (European School of Management and Technology) und bis vor kurzem Abteilungsleiter im Bundesinnenministerium, hält solche Szenarien im Prinzip für real. Wenn er versucht, den theoretisch möglichen Kollaps der vernetzten Zukunftswelt so zu beschreiben, dass auch Laien etwas verstehen, weist er ins Vergangene.

          Die Folgen eines „Flottenangriffs“, das heißt einer von feindlichen Mächten gesteuerten Großattacke auf das kommende Netz, vergleicht Schallbruch mit den Zuständen nach dem totalen Stromausfall in New York am 14. August 2003. U-Bahnen, Ampeln, Bankautomaten fielen damals aus. An den Flughäfen mussten Passagiere auf Notleitern aus den Flugzeugen klettern, in den Terminals irrten sie durch tiefe Finsternis, während das Personal versuchte, mit Taschenlampen den Weg zu weisen. Zigtausende machten sich zu Fuß auf den Heimweg, am Broadway bildeten sich endlose Karawanen stadtauswärts. In den Kühlschränken verdarb das Essen. Wenn die Menschen dann versuchten, sich neue Lebensmittel oder Wasser zu verschaffen, kamen sie oft nicht weit, weil in den Läden die Kassen streikten.

          The Day of Tomorrow

          So könnte der Tag aussehen, an dem eine fremde Macht den „Kill Switch“ betätigt. Das also ist 5G, wenn man es als Albtraum inszeniert, und die Amerikaner sagen: Das wird 5G auch in Wirklichkeit sein, wenn ein Land so dumm ist, bei den Chinesen einzukaufen. In China müssten alle Unternehmen mit dem Geheimdienst kollaborieren, und der chinesische Geheimdienst werde in den möglichen Machtkämpfen der Zukunft auf das Erpressungspotential nicht verzichten, das er durch die Präsenz von Huawei in fremden Netzen an die Hand bekäme.

          Aber muss es wirklich so kommen? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst verstehen, was das 5G-Netz leisten soll. Damit die Vision der Vernetzung wahr wird, müssen industrialisierte Nationen Zigtausende von neuen Funkmasten, Datenkabeln und Schaltknoten bauen. Dafür müssen sie auf die Angebote internationaler Zulieferer zurückgreifen, die dann wiederum Informationsströme verwalten, wie es sie in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat. Früher konnte ein Angestellter eines kalifornischen Unternehmens nicht wissen, was Familie Müller aus Rottweil zum Frühstück aß. Heute schneiden digitale Assistenten wie Alexa Gespräche im Wohnzimmer mit. Die kleine Mobilfunkantenne in Aldingen ist deshalb längst mit Peking, Washington und Helsinki verbunden.

          Das schafft ein Eldorado für Spione, und zwar vermutlich vor allem auch für chinesische. Peking hat in der Vergangenheit besonders aggressiv andere Länder ausgespäht; so nennt etwa der Verfassungsschutz China einen „Hauptakteur“ der Spionage in Deutschland. Deshalb haben Sicherheitsexperten in Berlin vor allem Bedenken gegenüber chinesischen Herstellern. Auch nach Ansicht der Amerikaner geht die größte Gefahr von China aus, und hier besonders vom Elektronikriesen Huawei. Seit Monaten warnen die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten davor, Bauteile der Firma beim Ausbau des 5G-Netzes einzusetzen.

          Eine Hardware, die alles möglich macht

          Denn die chinesische Regierung könnte mit Hilfe der Hardware, die Huawei weltweit für 5G zur Verfügung stellt, Einblick in alles Mögliche bekommen. Ihre Hacker könnten etwa verfolgen, wie die Roboter im Mercedeswerk miteinander kommunizieren, vielleicht sogar den Aufbau der gesamten Fabrik erkennen. Sie könnten in einem Chemiewerk von BASF einer Formel für ein bahnbrechendes neues Medikament hinterherjagen, mindestens aber verstehen, wie es entwickelt wird. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass eine Firma wie Huawei gigantische Datenpakete nach China umleitet. Das würde auffallen. Aber Fachleute halten es für möglich, dass es ihr gelingen könnte, im 5G-Netzwerk gezielt nach bestimmten wichtigen Informationen zu suchen.

          Südkorea, hier eine Szene aus Seoul, ist das erste Land mit 5G-Netz

          Erleichtert wird Hardwareherstellern die Spionage durch den Umstand, dass ihre Bauteile immer wieder gewartet werden müssen. Mobilfunknetze sind schon seit langem so komplex, dass ein Betreiber diese Wartung nicht allein bewerkstelligen kann; also wird sie häufig ausgelagert. Die Hersteller kümmern sich selbst um ihre Geräte. Sie spielen Updates auf, und sie greifen von Ferne auf die Bauteile zu, damit alles funktioniert. Dabei können die Mitarbeiter sehen, was im umliegenden Netzwerk passiert, ja, sie müssen es sogar. Außerdem können sie während so einer Wartung sogenannte Hintertüren an Geräten einrichten. Gegen solche Hintertüren gibt es keinen absoluten Schutz. Die Bauteile sind so kompliziert, dass ein Dutzend Geheimdienstspezialisten lange brauchen würde, um ein Spionageprogramm zu erkennen. Und selbst, wenn die keine verdächtigen Programme finden würden, hätte das nur begrenzte Aussagekraft: Im vernetzten Zeitalter ist nichts so sicher wie das nächste Update, und bei jedem dieser Updates hätte ein böswilliger Techniker die Möglichkeit, Schadprogramme in den Geräten zu verstecken. Durch diese Zugänge könnten Hacker sich dann weiter ausbreiten und im Datenschatz wühlen.

          Die Gefahr der Spionage ist allerdings gar nichts gegen den „Kill Switch“. Dieser Schalter könnte umgelegt werden, wenn zum Beispiel China die gesamte chinesische Hardware im 5G-Netz eines globalen Konkurrenten kurzerhand aus der Ferne abschaltet. Würde sich Peking dazu entschließen, etwa im Falle eines Krieges, dann könnte im Zielland das moderne Leben zusammenbrechen: Roboter in Fabriken würden stehenbleiben, die Gesellschaft wäre blind und orientierungslos.

          Allerdings ist es möglich, die Risiken so weit zu verringern, dass nicht die Lichter ausgehen wie in New York 2003 oder ausländische Mächte unbegrenzt Wirtschaftsspionage treiben können. Eine Möglichkeit wäre, auch im 5G-Netz sensible Daten konsequent zu verschlüsseln. Außerdem könnte ein heimischer Techniker dabei zuschauen, wenn ein ausländischer Wartungsdienst aus der Ferne auf Geräte zugreift. Manche Netzbetreiber, zum Beispiel die Telekom, machen das jetzt schon so, andere sind da laxer. In Großbritannien ist diese Methode Pflicht. Die deutsche Politik könnte hier nachziehen.

          Ein anderer Sicherheitsgrundsatz heißt: Kauf nicht nur bei einem Hersteller allein. Kaufe nicht nur Bauteile von Huawei, sondern zum Beispiel auch solche von den europäischen Anbietern wie Ericsson oder Nokia. Viele Netzbetreiber tun das ohnehin, denn Wettbewerb drückt die Preise. Nebenbei stärkt das die Sicherheit, denn wenn eine ausländische Macht auf den Gedanken käme, den Stecker zu ziehen, könnten Netzkomponenten aus anderen Ländern einspringen.

          Je diverser die Bauteile sind, desto weniger dramatisch wären die Folgen eines Angriffs. Um ganz sicherzugehen, könnten Netzbetreiber verpflichtet werden, doppelte Netze aufzubauen. Neben jeder Antenne von Huawei stünde dann eine weitere aus Europa. Das könnte allerdings teuer werden. Selbst die Telekom könnte so etwas kaum leisten.

          Kriterien zur Sicherheit

          Eine weitere Methode ist in einem Eckpunktepapier beschrieben, das die Bundesnetzagentur im März veröffentlicht hat. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik soll künftig Sicherheitskriterien für relevante Bauteile festlegen und ihre Einhaltung überprüfen. Hersteller sollen außerdem selbst nachweisen müssen, dass ihre Produkte alle Sicherheitsanforderungen erfüllen. Nur dann bekommen sie ein Zertifikat. Stellt sich dann heraus, dass sie Regeln verletzen, erlischt das Zertifikat wieder, und die Netzbetreiber müssen haften. Das erhöht den Druck auf die Unternehmen, nur Hardware von verlässlichen Firmen einzusetzen.

          Die deutsche Regierung geht aber noch einen Schritt weiter. Sie verlangt, dass künftige „Systeme“ nur noch von „vertrauenswürdigen Lieferanten“ stammen dürfen. Wer als solcher einzustufen ist, das entscheidet das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Aus dem Innenministerium heißt es, zu den Prüfmethoden sollten auch Inspektionen von Herstellerfabriken gehören. Vor allem aber könnte auch die Rechtslage im Heimatland des Produzenten in die Prüfung einfließen. Das ist wichtiger, als es zunächst scheint, denn in China sind Unternehmen gesetzlich verpflichtet, mit den Geheimdiensten zusammenzuarbeiten. Wenn die Regierung etwa von Huawei verlangen sollte, Daten aus Deutschland auszuleiten, könnte das Unternehmen nicht dagegen klagen. In Amerika ist das anders. Vor einigen Jahren etwa wehrte sich die Firma Apple vor Gericht, als das FBI von ihr verlangt hatte, beim Knacken eines Mobiltelefons zu helfen. Die Sicherheit der digitalisierten Welt von morgen ist deshalb keine rein technische Angelegenheit, sondern auch eine politische. Das Kernkriterium bei der Bewertung von Firmen wie Huawei ist das Vertrauen in China und sein politisches System.

          In Berlin denkt trotzdem kaum jemand daran, Huawei von vornherein vom Ausbau des 5G-Netzes auszuschließen. Einige sagen, durch eine zu schnelle Festlegung gäbe man eine Spielkarte aus der Hand, die in Verhandlungen mit China über besseren Marktzugang noch sehr nützlich werden könnte. Amerika allerdings sieht Huawei unverändert kritisch. Erst unlängst wiederholte Außenminister Mike Pompeo eine Drohung, die schon der amerikanische Botschafter Richard Grenell im März an die Deutschen gerichtet hatte. Es könnte schwierig werden, sagte Pompeo, mit Nato-Partnern sensible Geheimdienstinformationen zu teilen, wenn sie auf Huawei setzten. „Das ist eine Firma, die der chinesischen Regierung sehr nahe steht und tun wird, was sie von ihr verlangt.“

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