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5G-Mobilfunkstandard : Todesschalter im Netz?

Aber muss es wirklich so kommen? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst verstehen, was das 5G-Netz leisten soll. Damit die Vision der Vernetzung wahr wird, müssen industrialisierte Nationen Zigtausende von neuen Funkmasten, Datenkabeln und Schaltknoten bauen. Dafür müssen sie auf die Angebote internationaler Zulieferer zurückgreifen, die dann wiederum Informationsströme verwalten, wie es sie in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat. Früher konnte ein Angestellter eines kalifornischen Unternehmens nicht wissen, was Familie Müller aus Rottweil zum Frühstück aß. Heute schneiden digitale Assistenten wie Alexa Gespräche im Wohnzimmer mit. Die kleine Mobilfunkantenne in Aldingen ist deshalb längst mit Peking, Washington und Helsinki verbunden.

Das schafft ein Eldorado für Spione, und zwar vermutlich vor allem auch für chinesische. Peking hat in der Vergangenheit besonders aggressiv andere Länder ausgespäht; so nennt etwa der Verfassungsschutz China einen „Hauptakteur“ der Spionage in Deutschland. Deshalb haben Sicherheitsexperten in Berlin vor allem Bedenken gegenüber chinesischen Herstellern. Auch nach Ansicht der Amerikaner geht die größte Gefahr von China aus, und hier besonders vom Elektronikriesen Huawei. Seit Monaten warnen die Vereinigten Staaten ihre Verbündeten davor, Bauteile der Firma beim Ausbau des 5G-Netzes einzusetzen.

Eine Hardware, die alles möglich macht

Denn die chinesische Regierung könnte mit Hilfe der Hardware, die Huawei weltweit für 5G zur Verfügung stellt, Einblick in alles Mögliche bekommen. Ihre Hacker könnten etwa verfolgen, wie die Roboter im Mercedeswerk miteinander kommunizieren, vielleicht sogar den Aufbau der gesamten Fabrik erkennen. Sie könnten in einem Chemiewerk von BASF einer Formel für ein bahnbrechendes neues Medikament hinterherjagen, mindestens aber verstehen, wie es entwickelt wird. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass eine Firma wie Huawei gigantische Datenpakete nach China umleitet. Das würde auffallen. Aber Fachleute halten es für möglich, dass es ihr gelingen könnte, im 5G-Netzwerk gezielt nach bestimmten wichtigen Informationen zu suchen.

Südkorea, hier eine Szene aus Seoul, ist das erste Land mit 5G-Netz

Erleichtert wird Hardwareherstellern die Spionage durch den Umstand, dass ihre Bauteile immer wieder gewartet werden müssen. Mobilfunknetze sind schon seit langem so komplex, dass ein Betreiber diese Wartung nicht allein bewerkstelligen kann; also wird sie häufig ausgelagert. Die Hersteller kümmern sich selbst um ihre Geräte. Sie spielen Updates auf, und sie greifen von Ferne auf die Bauteile zu, damit alles funktioniert. Dabei können die Mitarbeiter sehen, was im umliegenden Netzwerk passiert, ja, sie müssen es sogar. Außerdem können sie während so einer Wartung sogenannte Hintertüren an Geräten einrichten. Gegen solche Hintertüren gibt es keinen absoluten Schutz. Die Bauteile sind so kompliziert, dass ein Dutzend Geheimdienstspezialisten lange brauchen würde, um ein Spionageprogramm zu erkennen. Und selbst, wenn die keine verdächtigen Programme finden würden, hätte das nur begrenzte Aussagekraft: Im vernetzten Zeitalter ist nichts so sicher wie das nächste Update, und bei jedem dieser Updates hätte ein böswilliger Techniker die Möglichkeit, Schadprogramme in den Geräten zu verstecken. Durch diese Zugänge könnten Hacker sich dann weiter ausbreiten und im Datenschatz wühlen.

Die Gefahr der Spionage ist allerdings gar nichts gegen den „Kill Switch“. Dieser Schalter könnte umgelegt werden, wenn zum Beispiel China die gesamte chinesische Hardware im 5G-Netz eines globalen Konkurrenten kurzerhand aus der Ferne abschaltet. Würde sich Peking dazu entschließen, etwa im Falle eines Krieges, dann könnte im Zielland das moderne Leben zusammenbrechen: Roboter in Fabriken würden stehenbleiben, die Gesellschaft wäre blind und orientierungslos.

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