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50 Jahre danach : Der Tod des Peter Fechter

Als schon alles zu spät war: Abtransport des Opfers durch DDR-Grenzer Bild: dpa

Man kann das Verbluten des 18 Jahre alten Peter Fechter heute vor 50 Jahren als Mahnung für den Wert von Freiheit und Demokratie verstehen. Dazu gehört aber auch scharfer Widerspruch gegen jede Verklärung der DDR.

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          Der aus Memel stammende Rostocker Jurastudent Arno Esch wurde 1951 im Alter von 23 Jahren in Moskau erschossen. Auch wegen des Satzes: „Mein Vaterland ist die Freiheit!“ Esch ist eines der zahllosen und weithin vergessenen Opfer jener Diktatur von sowjetischen Gnaden, die sich „Deutsche Demokratische Republik“ nannte. Esch, Landesjugendreferent der Liberal-Demokratischen Partei, hatte sich gegen den Führungsanspruch der „Freien Deutschen Jugend“ gewandt.

          Auch Peter Fechter wollte frei sein. Er schrieb weder Programme noch Leitartikel, sondern wollte schlicht die Mauer überwinden, die die deutsche Hauptstadt in zwei Teile zerschnitt. Fechters Tod wurde zum Politikum, weil der junge Mann öffentlich und langsam starb - alleingelassen im Niemandsland zwischen den Großmächten.

          Schuld an seinem Schicksal haben nicht nur die Schergen der DDR-Grenztruppe, sondern auch die Zuschauer im Westen. Insbesondere die Angehörigen der amerikanischen „Schutzmacht“ hätten wohl gefahrlos Hilfe leisten und Fechters Leben retten können.

          Aber auch im Kalten Krieg zählte der zwischen die Fronten geratene Einzelne wenig bis nichts. Freilich: Nicht Systeme schießen, sondern Menschen. Doch nichts sagt mehr über das Wesen der DDR als ihre Tötungsroutine. Das ist kein Urteil über den hehren Anspruch des Neubeginns, nicht über die Bürger, die gefangen gehalten wurden, mitmachten oder mitmachen mussten, nichts über deren privates Glück und kleine Nischen. Aber es ist bezeichnend für einen Staat, dass er seine Bürger mit Waffengewalt in Schach halten musste, um überhaupt zu existieren. Es blieb nicht bei Drohungen. Unbarmherzig griff das Regime nicht nur gegenüber „Grenzdurchbrechern“ durch. Auch mit Abweichlern wurde kurzer Prozess gemacht: Ein Stasi-Offizier wurde noch 1981 nach einem Schnellverfahren durch einen Schuss in den Hinterkopf hingerichtet.

          Was bleibt? Man kann das Verbluten des 18 Jahre alten Peter Fechter heute vor 50 Jahren als Mahnung für den Wert von Freiheit und Demokratie verstehen, wie das der Regierende Berliner Bürgermeister tut. Dazu gehört aber auch scharfer Widerspruch gegen jede Verklärung der DDR. Unfreiheit und Fremdherrschaft treten heute in anderer Form auf, lauern aber in der Tat überall: im Kleinen wie in Europa.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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