https://www.faz.net/-gpf-a39ph

Ost-West-Quiz : Die Mauer im Kopf bröckeln lassen

Bild: Reuters

Zum Stand der deutschen Einheit hat das Statistische Bundesamt ein Quiz entworfen: Man muss herausfinden, wo sich Ost und West ähneln. Wir haben es gespielt – und sind auf Erstaunliches gestoßen.

          4 Min.

          Auch das Statistische Bundesamt in Wiesbaden wollte einen Beitrag zu dreißig Jahren wiedervereinigtes Deutschland leisten. So entstand die Idee eines Deutschland-Quiz. Das Spiel ist auf der Internetseite des Amtes zu finden, zwischen den Buttons „Wirtschaftswachstum“, „Inflationsrate“ und „Corona“. Dreißig Fragen zu allen möglichen Themen von Flächennutzung über Wahlverhalten bis hin zu Bildung und Freizeit sind da gesammelt. Das Ziel: „Bringe die Mauern in den Köpfen zum Bröckeln, indem Du nach Gemeinsamkeiten zwischen Regionen in Ost und West suchst.“

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Spiel funktioniert über eine interaktive Deutschland-Karte, aufgeteilt in die Landkreise und kreisfreien Städte. Der Spieler klickt einen Punkt auf dieser Karte an und soll dann eine Kommune auf der Gegenseite finden, wo die Antwort auf die jeweilige Frage ähnlich oder sogar identisch lautet. Dabei gibt es zwei Spielvarianten, „Entdecker“ und „Lokalheld“. Bei „Entdecker“ kann man bei jeder Frage beliebig die Städte und Landkreise in Ost oder West wählen und sucht dann ein Pendant auf der jeweils anderen Seite. Bei „Lokalheld“ wählt man sich nur eine Kommune und sucht dann zu jeder Frage das passende Pendant auf der Gegenseite. Maximal 400 Punkte sind bei jeder Frage zu holen, 12.000 insgesamt. Das Quiz kommentiert auch gleich die Antworten des Spielers. Mal heißt es „Gold-Medaille“, mal „nicht schlecht“, „Das ist nicht zu toppen“ oder „allererste Sahne“. Manchmal aber auch etwas ironisch „Dein Wissen kennt keine Grenzen“ oder „echter Nerd“. Es gibt auch „naja“, „Da ist noch Potential“, „so lala“ oder „Ist das die richtige Taktik?“. Und auf der Karte wird die Kommune angezeigt, welche die richtige oder sagen wir: genaueste Antwort gewesen wäre.

          Ein aufschlussreicher Selbstversuch

          Ich habe einen Selbstversuch unternommen und bin auf 8071 Punkte gekommen. Nicht schlecht, was? Vielleicht sogar allererste Sahne. Und das Spiel brachte mich auf eine erstaunliche Erkenntnis. Als Ossi habe ich „Lokalheld“ gewählt und eine ostdeutsche Kommune ausgesucht, meinen früheren Lebensmittelpunkt, den Landkreis Vorpommern-Greifswald. Da habe ich zwölf Jahre lang gelebt. Und die ersten Reisen nach dem Fall der Mauer gingen nach Hamburg und Lübeck. Das westliche Norddeutschland schien mir meiner Heimat ähnlich zu sein. Im Spiel mit den vielen Statistiken konnte ich nun aber lernen, dass Greifswald und Umgebung nicht unbedingt direkt mit norddeutschen Kommunen im Westen verglichen werden kann, sondern vielmehr mit – Bayern. Und was mindestens ebenso erstaunlich ist: Gleich zweimal – bei den Fragen zur Dichte der Besiedlung und zur Erholungsfläche pro Einwohner – entspricht der Wert meiner alten Heimat dem aus dem Eifelkreis Bitburg-Prüm in Rheinland-Pfalz. Ich sollte da mal hinfahren.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Es stimmt also, was der Präsident des Bundesamtes, Georg Thiel, sagt: „Heute erscheint es spannend, einzelne Städte oder strukturähnliche Regionen in ganz Deutschland miteinander zu vergleichen und nicht nur pauschal die Bundesländer in Ost und West gegenüberzustellen.“ Nehmen wir den Wald. Genauer gesagt, den Anteil des Waldes an der Gesamtfläche. Von Vorpommern-Greifswald wusste ich ungefähr, es dürfte so ein Viertel sein. Genau sind es 22,2 Prozent. Im Ranking aller Landkreise und kreisfreien Städte liegt mein Heimatkreis damit auf Platz 255. Und das Pendant im Westen? Mein Klick-Versuch: Rendsburg-Eckernförde, also wieder der Norden. Da hatte ich mich aber verschätzt, es sind dort nur 11,3 Prozent, Platz 342. Richtig wäre gewesen: Mühldorf am Inn. Bin ich eigentlich jemals am Inn gewesen?

          Greifswald, schau auf Bayern

          Dann wurde nach dem sogenannten Kita-Schlüssel gefragt. Wie viele Kita-Plätze kommen auf eine Erzieherin? In meiner früheren Heimat liegt der Betreuungsschlüssel ziemlich hoch, 12,4, was ja auch mit der DDR-Vergangenheit zu tun hat. Damit kommt Vorpommern-Greifswald auf Platz 17. Ich dachte, in Hamburg wird es ähnlich sein, Hamburg lobt sich für seine Kita-Landschaft. Aber das stolze Hamburg liegt nur auf Platz 264. Auch hier hätte ich besser nach Bayern schauen sollen, in den Landkreis Regen, die Gegend zwischen Niederbayern und der Pfalz. Immer wieder Bayern, das so weit entfernt von der Küste liegt; das Berge hat und nicht das Meer. Das aus norddeutscher Sicht reich und erfolgreich ist, also in jeder Hinsicht das Gegenteil von Mecklenburg-Vorpommern.

          Bayern wäre auch die richtige Antwort gewesen bei der Zahl der Pflegekräfte auf 10.000 Einwohner. Bei mir im Nordosten sind es 101,62. Ich hatte gemeint, das Herzogtum Lauenburg in Holstein stünde ähnlich da. Was nicht so falsch war, dort sind es 111,08. Aber direkt vergleichbar mit Greifswald ist Neustadt an der Waldnaab in der Oberpfalz. Ein ähnliches Bild bei der Zahl der Hausärzte. Ich hatte Greifswald mit Ostholstein vergleichen wollen. Kulmbach hätte besser gepasst. Aber darauf wäre ich nie gekommen. Darauf ein Kulmbacher, dachte ich, hatte aber nur eine andere Biersorte zur Hand, aber immerhin eine bayerische.

          Weil Bayern also dauernd auftauchte, ließ ich es darauf ankommen. Beim Ausländeranteil auf die Gesamtbevölkerung bezogen liegt Vorpommern-Greifswald bei 4,35 Prozent. Ich tippte im Gegenzug auf Hof – und siehe, es gab sogar eine „Gold-Medaille“: 5,9 Prozent. Wirklich genau aber wäre die Antwort Tirschenreuth gewesen, wieder die Oberpfalz. Tirschenreuth ist noch in einem anderen Punkt mit Greifswald und Umgebung zu vergleichen: Die Bürger beider Kreise haben einen ähnlich langen Weg zum nächsten internationalen Flughafen: anderthalb Stunden. Für die Tirschenreuther geht es nach München, für die Greifswalder nach Berlin.

          Auch bei der Bevölkerung insgesamt wählte ich das bayerische Modell und klickte Freyung-Grafenau an, den östlichsten bayerischen Landkreis. In Vorpommern-Greifswald sind es 236.697 Einwohner, in Freyung-Grafenau nur ein Drittel davon. Das war daneben. So wenig kenne ich Deutschland, so wenig kenne ich Bayern. Fast die gleiche Einwohnerzahl wie Greifswald und Umland hat aber Kassel. Manchmal im Spiel passte aber auch die norddeutsche Connection. Etwa beim Anteil der Minijobber an der Zahl der Erwerbstätigen. In Vorpommern-Greifswald sind es 8,25 Prozent, und das gilt auch für Hamburg, im von mir gewählten Bremerhaven sind es nur wenig mehr: 10,54 Prozent.

          Weitere Themen

          Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

          AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

          Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

          Topmeldungen

          Die Genforschung zeigt: Es gibt keine biologische Begründung von Rasse. Alle Menschen sind gleich.

          Debatte über Streichung : Der gefährliche Mythos Rasse

          Der Begriff der Rasse soll aus dem Grundgesetz verschwinden. Geprägt von einem französischen Arzt und Philosophen hat das Wort eine zweifelhafte wissenschaftliche Karriere gemacht – mit mörderischen Folgen. Forscher arbeiten an seinem Ende.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.