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200 Jahre Bismarck : Verehrt als Gigant und Übermensch

  • -Aktualisiert am

Die Bismarck-Statue in Frankfurt-Höchst Bild: Frank Röth

Otto von Bismarck, vor zweihundert Jahren geboren, darf als Nationalstaatsgründer der Deutschen gelten. Doch die reale Person verschwand bald hinter den Projektionen vom unfehlbaren Staatsmann und eisernen Kanzler.

          Herausragende historische Daten sind 2015 der 8. Mai, der siebzigste Jahrestag des Kriegsendes in Europa, und der 3. Oktober, der 25. Jahrestag des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik, aber auch der 1. April: Vor zweihundert Jahren wurde der „Urpreuße und Reichsgründer“ Otto von Bismarck in Schönhausen geboren. Vor 125 Jahren, am 29. März 1890, verließ Bismarck, von Wilhelm II. zum Rücktritt genötigt, Berlin. An jenem Tag veröffentlichte der Londoner „Punch“ John Tenniels berühmte Karikatur „Dropping the pilot“ – oft übersetzt mit „Der Lotse geht von Bord“, obwohl man eher „Den vertrauten Ratgeber aufgeben“ meinte. So blickt im „Punch“ der lässig über die Reling gelehnte junge Kaiser gleichgültig dem alten Kanzler nach.

          Bismarck blieben acht Jahre, um schmollend in Friedrichsruh im Sachsenwald bei Hamburg an seiner Selbststilisierung zu arbeiten. Am Glanz des „Friedenskanzlers“ lag ihm besonders; sogar die Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich, die er zur Mobilisierung der Nationalbewegung einsetzte, seien ihm angeblich aufgezwungen worden. Als er am 30. Juli 1898 starb, war Friedrichsruh ein Wallfahrtsort. Testamentarisch hatte er verfügt, am Alterswohnsitz im eigenen Mausoleum beigesetzt zu werden. Der reale Bismarck, der im Innern Sozialisten, Katholiken, Freisinnige und Polen als „Reichsfeinde“ bekämpft sowie nach außen durch die Annexion Elsass-Lothringens Frankreich zum „Erbfeind“ gemacht hatte, verschwand bald hinter den Projektionen vom eisernen, unfehlbaren Staatsmann, verehrt als Gigant und Übermensch. Hunderte Bismarck-Säulen entstanden, Hunderte Straßen bekamen seinen Namen.

          Der schmissige Kanzler: Im Haus des Corps Hannovera in Göttingen hat Bismarck noch immer seinen Platz – neben Kneipbildern anderer Studenten. Bilderstrecke

          Selbst die Niederlage 1918 und den Zusammenbruch des Kaiserreiches überstand der Bismarck-Kult. Anhänger der Republik lobten den Realpolitiker. Bismarck-Biograph Emil Ludwig meinte, bei Kriegsende hätten die Fürsten Deutschland „in der Not verlassen“, jedoch das Volk habe Bismarcks „Werk gerettet“. Die Gegner der Republik sehnten einen „neuen Bismarck“ herbei, einen „Erlöser“ – Hitler wusste sich als solcher zu präsentieren. Ein einziges Mal besuchte der Diktator Anfang 1939 in Friedrichsruh das Mausoleum, vor dem Stapellauf des Schlachtschiffs „Bismarck“. In Hamburg sagte er, unter den „Wegbereitern des neuen Reiches“ rage „einer in gewaltiger Einsamkeit heraus: Bismarck“.

          Hitler knüpfte an Genie-Erwartungen an, die der Bismarck-Mythos befeuert hatte. Doch während Bismarck – bei aller militärischen Verpackung mit Pickelhaube und Kürassier-Stiefeln – im Grunde Zivilist war und den Primat der Politik gegenüber dem Militär beanspruchte, simulierte der gescheiterte Künstler Hitler den genialen Staatslenker und Feldherrn. Hitler eiferte stets Friedrich dem Großen nach, nicht Bismarck. Trotzdem wurde der erste kleindeutsche Reichskanzler für den großdeutschen Menschheitsverbrecher österreichischer Herkunft nach 1945 in Mithaftung genommen, vor allem in der DDR: Walter Ulbricht ließ das Schloss in Schönhausen mit Bismarcks Geburtszimmer sprengen.

          Die junge Bonner Republik hielt dagegen mit ihrem Alleinvertretungsanspruch zunächst zu Bismarck. Auf der Gedenkfeier im Bundestag zum 150. Geburtstag stellte der damalige Bundeskanzler Erhard jedoch klar, dass die Bundesrepublik „fern davon“ sei, den „Willen zur Wiedervereinigung mit der Idee des Reiches Bismarckscher Prägung“ zu verknüpfen.

          „Politik ist die Lehre vom Möglichen“

          Im Zuge der internationalen Aufwertung der DDR rückte das Thema nationale Einheit in immer weitere Ferne, zumal es als antieuropäisch denunziert wurde. Das änderte sich schlagartig mit der Revolution in der DDR 1989 und dem Zusammenbruch des SED-Regimes. Damals habe Helmut Kohl Fähigkeiten entfaltet, die mit denen Bismarcks vergleichbar seien, urteilt der Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz. Sie „wollten nicht laut herausposaunen, dass sie beide den deutschen Nationalstaat geschaffen beziehungsweise wiederhergestellt hatten, wenngleich im Fall der Wiedervereinigung um die Ostgebiete amputiert“. Während Kohls Kanzlerschaft wurde 1997 die Otto-von-Bismarck-Stiftung für den „Architekten des Deutschen Reiches“ und „Begründer der deutschen Sozialpolitik“ errichtet. Als 1998 die Stiftung den hundertsten Todestag des Namensgebers in Reinbek beging, blieb Kohl jedoch fern.

          Am 200. Geburtstag kehrt Bismarck aus dem Sachsenwald in Berlins Mitte zurück. Im Deutschen Historischen Museum findet der Festakt statt – mit Grußwort des Bundespräsidenten und Rede des Bundesfinanzministers, der den Einigungsvertrag mit Ost-Berlin ausgehandelt hatte. Wolfgang Schäubles Ressort ist auch zuständig für die 62-Cent-Briefmarke und die 10-Euro-Gedenkmünze „200. Geburtstag Otto von Bismarck“. Deren Randschrift lautet: „Die Politik ist die Lehre vom Möglichen.“ Für Bismarck erforderte Regieren nicht Genialität, sondern Augenmaß und Pragmatismus. Daher empfiehlt es sich, den oft instrumentalisierten Bismarck von Reichsgründer-Girlanden zu befreien, zumal die mit dem Wort Reich verbundenen Ideen, Gottesgnadentum inklusive, diskreditiert sind. Nach dem Deutschen Reich 1871 und dem Großdeutschen Reich 1938 tauchte Deutschland 1949 erstmals im Staatsnamen der Bundesrepublik auf. Für das vereinigte Deutschland ist Bismarck der Nationalstaatsgründer.

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