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20 Jahre nach der Reform : Die Bahn klemmt!

Der Frankfurter Hauptbahnhof in den 1980er Jahren Bild: Barbara Klemm

Viele Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Noch immer tut die Bahn sich schwer mit ihrer Rolle zwischen Staatsbetrieb und internationalem Konzern. Eine Zeitreise.

          8 Min.

          Der ICE 279 Berlin–Basel fährt rückwärts. Gewiss geht im Bahnbetrieb alles mit rechten Dingen zu: Auf Spandau folgt Wolfsburg, auf Wolfsburg Braunschweig, auf Braunschweig Hildesheim und so weiter, immer vorwärts. Rückwärts geht es nur im Kopf. Denn der Zug hat Fahrt aufgenommen in die Vergangenheit. Mit Tempo 250 geht der Weg zurück zu den Menschen, mit denen vor 25 Jahren, im Herbst 1988, die eigene Berufstätigkeit begann. Eine Art Klassentreffen also, die Klasse ist nur eine Handvoll. Ein gutes Jahr lang verbrachte die Truppe damals zusammen.

          Kerstin Schwenn
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das Zugteam, das sich selbst gar nicht mehr so nennt, heißt die Reisenden im ICE 279 willkommen und wünscht eine gute Fahrt – nur auf Deutsch, nicht mehr auf Englisch. Vorbei sind die Zeiten von „Ssänk ju for träwelling wiss Deutsche Bahn“. Der Zugchef begrüßt auch die fröhliche Reisegruppe, die sich noch eine Viertelstunde nach der Abfahrt vom Berliner Hauptbahnhof unter den Befehlen der schwäbischen Lehrerin müht, Hartschalenkoffer und Rucksäcke im Großraumwagen Nummer 7 zu verstauen. Erst eine Weile hinter Spandau hat alles Platz und Ordnung gefunden.

          Als die Fenster noch ganz geöffnet werden konnten: Früher war mehr Wind in der Bahn
          Als die Fenster noch ganz geöffnet werden konnten: Früher war mehr Wind in der Bahn : Bild: plainpicture/Pat Meise

          Vorbei fliegen das Havelland und die Altmark, deutsche Landschaften im Schnelldurchgang. Die aufgehende Sonne vertreibt den Nebel, auf den Wiesen bei Stendal lässt sich noch das Hochwasser des Sommers erahnen. Das Land ist flach und weit. Vor 25 Jahren war es derselbe Weg, aus dem heimischen Berlin ins ferne Frankfurt, und doch ein ganz anderer, ein Weg durch das geteilte Deutschland. Es waren jahrzehntealte Reichsbahn-Züge, die West-Berlin mit Westdeutschland verbanden. Intensiv war darin der Geruch nach „Ata“, nach dem gängigen DDR-Desinfektionsmittel und nach Braunkohle. Die Fahrt zog sich rumpelnd hin auf verfallenden Gleisen, mit ungemütlichen Aufenthalten in Marienborn an der Zonengrenze, mit Volkspolizisten und Schäferhunden auf Patrouille im Zug. „Werte Reisende“, hieß es zu DDR-Zeiten. Aber die Wertschätzung ließ sich an nichts ablesen. Bis zu neun Stunden war der Berliner Fahrgast damals unterwegs nach Frankfurt. Wenn keine Hochwassersperrungen die Zeit verderben, dauert die Fahrt heute nur noch knapp diehalbe Zeit. Die Bahn macht dem Flugzeug Konkurrenz.

          Die „Wende“ der Bahn-Geschichte

          Vor 25 Jahren dachten Berufsanfänger nicht ans Fliegen, viel zu teuer waren die Tickets – viel teurer als die Bundesbahn-Fahrscheine, die damals niemand „Ticket“ nannte. Doch damals waren auch die Waggons schäbig, Toiletten oft unbenutzbar – nicht nur bei der Reichsbahn, auch bei der Bundesbahn –, Züge fuhren im Schneckentempo, die Bahnhöfe waren heruntergekommen und häufig Treffpunkt für Drogenabhängige und Prostituierte. Heute ist es meist heller und schöner. Und Bahnfahren kostet manchmal mehr als Fliegen.

          Aber nicht alles hat sich verändert seit der Zeit vor der Wiedervereinigung: Auch heute ist der Osten dem Zug keinen Halt wert. Auf der Linie Berlin–Basel lässt der ICE 279 Magdeburg links liegen. Im Zuge der „Optimierung“ der Strecken wurden unrentable Haltestellen aus dem Fahrplan entfernt, ganze Regionen vom Hochgeschwindigkeitsverkehr abgehängt. Das passierte nach der „Wende“ in der deutschen Bahn-Geschichte, die bald auf die Wende in der deutschen Geschichte folgte: In dieser Woche vor zwanzig Jahren, Anfang Dezember 1993, hat die Politik die Bahn-Reform auf den Weg gebracht.

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