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Papst spricht im Bundestag : „Politik muss Unrecht abwehren“

  • -Aktualisiert am

Benedikt XVI.: „Politik muss die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen” Bild: dapd

Benedikt XVI. hat am Donnerstag als erster Papst vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. Vor den Abgeordneten beschwor er die von Gottesglauben, philosophischer Vernunft und der Achtung des Rechts geprägte Identität Europas.

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          Benedikt XVI. hat am Donnerstag als erster Papst vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. Etwa die Hälfte der Linksfraktion blieb der Rede fern. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche warb im Reichstag für ein Verständnis von Politik, das nicht allein den Erfolg zum Maßstab nehme, sondern dem Recht diene und das Unrecht abwehre. „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen“, sagte Benedikt XVI. und erinnerte vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte an das Wort des spätantiken Kirchenlehrers Augustinus: „Nimm das Recht weg - was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?“

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Vor den Abgeordneten beschwor er die von Gottesglauben, philosophischer Vernunft und der Achtung des Rechts geprägte Identität Europas. „Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen - eines jeden Menschen - Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.“

          Bundestagspräsident Lammert (CDU) hatte zuvor die Einladung des Papstes in den Bundestag mit den Worten gerechtfertigt, die Trennung von Staat und Kirche gehöre wie die Herausforderung des Glaubens durch die Vernunft zu den „unaufgebbaren Fortschritten unserer Zivilisation“. Gleichwohl sei die Bewahrung ethischer Prinzipien jenseits von Märkten und Mächten eine „große Herausforderung“ moderner Gesellschaften, wenn sie ihren inneren Zusammenhalt nicht gefährden wollten.

          Bundestagspräsident Lammert, Bundeskanzlerin Merkel sowie Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft begrüßen Benedikt
          Bundestagspräsident Lammert, Bundeskanzlerin Merkel sowie Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft begrüßen Benedikt : Bild: dapd

          Lammert hielt für den Papst auch eine Mahnung bereit. Im Land der Reformation wünschten sich viele, dass im ersten Pontifikat eines Deutschen seit der Reformation nicht nur „ein weiteres Bekenntnis zur Ökumene, sondern einen „unübersehbaren Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung“.

          „Sehnsucht nach einer Stimme der Moral“

          Auf dem Flug nach Berlin bekundete der Papst Verständnis für die Proteste gegen seinen Besuch: „Das ist normal in einem demokratischen Land. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Säkularismus und die Opposition zum Katholizismus in unseren Gesellschaften stark sind.“ Es wachse aber eine Sehnsucht in der Bevölkerung nach einer Stimme der Moral. Er äußerte Verständnis für Gläubige, die wegen der Missbrauchsfälle aus der Kirche ausgetreten seien. „Die Kirche ist eine Kraft der Humanität und Moral, und wenn ihre eigenen Leute das Gegenteil tun, sagen die Menschen: Dies ist nicht meine Kirche“. Später traf er mit Bundespräsident Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen und feierte eine Messe im Berliner Olympiastadion.

          Besondere Vorfreude äußerte der Papst auf die Begegnungen mit den evangelischen Christen in Erfurt an diesem Freitag. Er sei den evangelischen Christen dankbar, dass die Begegnung im ehemaligen Augustiner-Klosters in Erfurt stattfinde, wo Martin Luther seine theologische Ausbildung erhalten habe. In der säkularisierten Gesellschaft sei das gemeinsame Zeugnis der Christen dringend notwendig. Die Gemeinsamkeiten zwischen evangelischen und katholischen Christen seien stärker als die Differenzen.

          „Den Menschen begegnen und von Gott sprechen“

          Nach seiner Ankunft wurde der Papst von Bundespräsident Wulff am Flughafen Tegel begrüßt und im Park seines Amtssitzes Schloss Bellevue mit militärischen Ehren empfangen, wie es für Staatsoberhäupter üblich ist. Schon sein Flugzeug wurde von einer Lufteskorte begleitet. In einem kurzen Gruß sprach der Papst davon, dass er während seines ersten offiziellen Besuchs in seinem Heimatland „den Menschen begegnen und von Gott sprechen“ wolle. Den Grundton seiner insgesamt 17 Ansprachen, die er in Berlin, Erfurt, im Eichsfeld und in Freiburg halten wird, kleidete der Papst in die Worte: „Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf auch die Freiheit der Religion“.

          Wulff wandte sich mit den Worten an den Papst, „angesichts ökologischer und wirtschaftlicher Krisen, angesichts von Unfrieden und Ungerechtigkeit in der Welt, angesichts von Erfahrungen persönlicher Unsicherheit und Entwurzelung“ wachse die „Sehnsucht nach Sinn“. Darin liege eine Chance und „eine große Verantwortung der Kirchen und Religionsgemeinschaften“. Seine persönliche Wertschätzung des Papstes kleidete der Bundespräsident in die Worte: „Ihre Aussagen zum Schutz der Schöpfung und des menschlichen Lebens, zum Umgang mit Fremden und Fremdem sind unendlich wertvoll als Mahnung zur Menschlichkeit in unserer Gesellschaft. Auch dafür danke ich Ihnen und allen engagierten Christen in unserem Land.“

          Wulff stellt auch kritische Fragen

          Kirche und Staat, so der Bundespräsident, seien in Deutschland zu Recht getrennt. Aber die Kirche sei keine Parallelgesellschaft, sie lebe mitten in dieser Gesellschaft. Daher sei es wichtig, dass Kirchen den Menschen nahe blieben und sich nicht auf sich selbst zurückzögen. „Was die christlichen Kirchen leisten in Diakonie und Caritas, in der Sorge um Arme und Schwache in unserem Land und überall auf der Welt, das ist einfach großartig und unverzichtbar für den Zusammenhalt,“ sagte Wulff.

          Gleichwohl richtete er auch kritische Fragen an das Oberhaupt der katholischen Kirche: „Wie barmherzig geht sie mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um? Wie mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern? Welchen Platz haben Laien neben Priestern, Frauen neben Männern? Was tut die Kirche, um ihre eigene Spaltung in katholisch, evangelisch und orthodox zu überwinden?“

          Wie Bundestagspräsident Lammert zeigte sich auch der Bundespräsident erfreut, dass der Papst am Freitag das Gespräch mit den Vertretern der evangelischen Kirchen sucht. „Ich bin überzeugt: Das Trennende bedarf der Begründung, nicht das Gemeinsame. Deswegen haben wir noch sehr viel tun.“ Im Anschluss an die Begrüßung zogen sich der Bundespräsident und der Papst zu einem Gespräch unter vier Augen zurück. Am frühen Nachmittag hielten dies Bundeskanzlerin Merkel und Benedikt XVI. ebenso.

          Messe im Olympiastadion

          An die Rede im Deutschen Bundestag schloss sich am Abend ein Gottesdienst im Berliner Olympiastadion mit 70.000 Teilnehmern an. Zuvor kam es jedoch zu einer Begegnung des Papstes mit Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Währenddessen bezeichnete Benedikt XVI. den „Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Freundschaft“ der katholischen Kirche mit dem jüdischen Volk als „unwiderruflich“. Dankbar zeigte sich der Papst auch für das „Aufblühen jüdischen Lebens“ in dem Land der Shoah. Den Theologen auf beiden Seiten stellte Benedikt die Aufgabe, nach Jahrhunderten des Gegeneinanders die christliche und die jüdische Lektüre der Bibel miteinander in Beziehung zu setzen. Für Christen könne es keinen Bruch im Heilsgeschehen geben. „Das Heil kommt nun einmal von den Juden.“ Wo der Konflikt Jesu mit dem Judentum als eine Loslösung vom Alten Bund gesehen werde, da gelte die Thora nur als sklavische Folge von Riten. Tatsächlich hebe aber die Bergpredigt das mosaische Gesetz nicht auf, sondern enthülle erst seine verborgenen Möglichkeiten.

          Der Sprecher des Vatikan Fecerico Lombardi zog am Donnerstag ein erstes Resumée der Reise: „Der Papst ist sehr zufrieden mit den ersten Begegnungen in seiner Heimat. Dies ist ein guter Anfang.“

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